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Chronik

Zoar - Martinshof (1898 - 1951)

aufgezeichnet von

Pastor Curt Zitzmann



Inhaltsverzeichnis

    • 1. Kapitel
      Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser.

    • 2. Kapitel
      Der Menschen Verlegenheiten sind Gottes Gelegenheiten.

    • 3. Kapitel
      Aller Anfang ist schwer.

    • 4. Kapitel
      Aus der Enge in die Weite.

    • 5. Kapitel
      Des Herren Güte ist es, daß wir nicht gar aus sind.

    • 6. Kapitel
      -- der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

    • 7. Kapitel
      Gott war mit uns, Er maß die Prüfungszeit --!

    • 8. Kapitel
      Nach dem Sturme fahren wir sicher durch die Wellen.

    • 9. Kapitel
      -- fürchte dich nicht, dein Fels ist der Herr! --

    • 10. Kapitel
      -- und neues Leben blüht aus den Ruinen.

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  • 1. Kapitel

    "Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser"

    Am Ende des 18. Jahrhunderts lebte auf Schoß Overdyk bei Bochum Graf Philipp von der Recke-Volmarstein. In seiner leutseligen Art hatte dieser eine Normalschule für die Jugend seines Dorfes errichtet. Daß in ihr Vorzügliches geleistet wurde, verbürgt der Name des auch von Pestalozzi hoch geschätzten Pädagogen Friedrich Wilhelm Wilberg, der seit 1769 mehrere Jahre als Lehrer im Dienste des Grafen stand.
    Wie so vieles in Deutschland fegte die Napoleonische Zeit auch diese Schule hinweg. Unbenutzt standen die Räume da, bis sechs Jahre nach der großen Erhebung von 1813 ein edler Menschenfreund und lebendiger Christ sie einer neuen, noch schöneren Aufgabe zuführte. Dem am 28. Mai 1791 geborenen Sohn des Schloßherrn, Adalbert von der Recke-Volmarstein griff es ans Herz, wenn er sah, wie als Opfer des Krieges erwachsene Krüppel und verwaiste oder verlassene Kinder vagabundierend die Gegend durchzogen. Es gelang dem 27jährigen, seinen Vater zu bewegen, den obdachlosen Kindern die leerstehende Schule zu öffnen, und am 19. November 1819 zog der junge Grafensohn mit drei Jungen, einer älteren Haushälterin und einem Lehrer als Hausvater in das Gebäude ein. Bald brachte er es fertig, einen großen Jungfrauenverein ins Leben zu rufen, der es sich zur Aufgabe stellte, mit Hilfe einer jährlichen großen Lotterie von Handarbeiten usw. Mittel zu schaffen, um das begonnene Werk zu erhalten. Überdies begründete Adalbert von der Recke-Volmarstein die Zeitschrift “Hermann”, die christliche Menschenfreunde zu einer Gemeinschaft zusammen schloß, die mit Gebet und Opfern sein Unternehmen trug. Die Unterstützungen flossen auch aus anderen Quellen, die bis nach Rußland, Polen, Dänemark und Holland weisen. Um den Ansturm der Hilfesuchenden gerecht werden zu können, kaufte der organisatorisch vorzüglich Begabte schon nach kurzer Zeit die Abtei Düsseltal bei Düsseldorf und nun herrschte fröhliches Leben in den Mauern, die Jahrhunderte lang nur das “Momento mori” ernster Mönche gehört hatten. Besonders treu nahm sich der Landesherr Friedrich Wilhelm III. von Preußen des neuen Unternehmens an, und dank seiner reichen Unterstützungen war es möglich, auch das Gut Zoppenbrück zu erwerben. Kurz danach wurden dem ganzen Werk die “Vorrechte der öffentlichen Armenanstalten” zugesprochen. Doch während treue Freunde alle Kraft daran setzten, dem jungen “Philanthropen” nach Kräften zur Seite zu stehen, waren hämische Kräfte geschäftig, das Erhabne in den Staub zu ziehen. “Proselytenmacherei” warf man Adalbert von der Recke vor, weil er in rechter, christlicher Weitherzigkeit bei den Aufnahmen nicht nach dem Glaubensbekenntnis der Hilfesuchenden fragte und sogar Juden aufgenommen hatte. Der ehrliche Menschenfreund konnte sich über solche Vorwürfe erhaben fühlen, aber dennoch wirkten sie ungünstig auf seine Gesundheit. Verärgert übergab der junge Graf, dem nach dem Heimgang seines Vaters das stattliche Vermögen der Reckes zufiel, am 18. November 1847 seine Gründung einem Kuratorium. Er selbst, dem der Westen verleidet war, wandte sich nach Kraschnitz Kreise Militsch in Schlesien und erwarb sich hier eine ansehnliche Herrschaft. Die Scholle hatte der 56jährige Edelmann gewechselt, das Herz war das gleiche geblieben; es schlug für die Geringsten der Brüder und Schwestern des Heilands. Ein Plan, den er schon in der Jugend mit sich herumgetragen hatte, wurde in Adalbert von der Recke wieder lebendig. Er wünschte einen “Deutschen Samariterorden” zu gründen, wie er einst zur Zeit der Kreuzzüge geblüht hatte, nur mit dem Unterschiede, daß der Orden nicht bloß den adligen Standesgenossen des Grafen sondern allen Christen deutscher Zunge offen stehen sollte. Der weitschauende Plan kam nicht zur Ausführung, nur die “Pflegeanstalt Kraschnitz” rief der nimmer müde Mann ins Dasein, dessen Leben mittlerweile schon stark der Siebzig nahte. Das Haus, das vor allem Schwachsinnige und Fallsüchtige beiderlei Geschlechts aufnahm, wuchs sehr schnell. Nachdem Jahre lang Neuendettelsau die weiblichen Pflegekräfte gestellt hatte, wurde dann das “Adalbert- Diakonissenhaus” gegründet.
    Eine Not blieb es aber für das Unternehmen, männliche Pflegekräfte zu bekommen. Verschiedene Wege schlug der greise Stifter ein, um diesem Übelstand zu begegnen. Seine Lösung erlebte der am 11. November 1878 im Alter von 87 Jahren heimgegangene Patriarch nicht mehr.

    Erst im Jahre 1880 entschloß sich das Kuratorium des Kraschnitzer Werkes, das mittlerweilen dem Namen “Samariter-Ordensstift Kraschnitz“ angenommen hatte, eine “Diakonenanstalt” ins Leben zu rufen. Leider befolgte man hierbei den von allen Sachverständigen gegebenen Rat, einen verantwortlichen Geistlichen als Brüderhausvorsteher zu berufen, nicht. Gräfin Selma von der Recke-Volmarstein, die Tochter des Gründers, die nach dem Rücktritt der ersten Oberin noch zu Lebzeiten des Vaters die Leitung der Schwesternschaft übernommen hatte, wurde nach dessen Heimgang die Leiterin des gesamten “Samariter-Ordensstiftes”. Nur als Seelsorger stand ihr der “Stiftspfarrer” zur Seite. Oberin von der Recke war eine hochbegabte, tatkräftige und aufopferungsfreudige Frau; doch unterlag sie der Gefahr, andere Persönlichkeiten nicht neben sich aufkommen zu lassen. Die Pfarrer Kilger und Brinkmann blieben nur drei Jahre. Der äußerst tüchtige Oberlehrer Schmidt, der ihnen folgte und Vorzügliches im Brüderunterricht leistete, räumte ebenfalls nach zwei Jahren das Feld. Eine große Anzahl von Brüdern schloß sich ihm an. 1888 trat Pfarrer Jäkel in das Stiftspfarramt ein. Wunderbar blühte unter dem jungen, tatkräftigen Manne die Brüderschaft auf, doch verließ auch er schon nach acht Jahren seinen Platz und ging in das Gemeindepfarramt Lausick bei Leipzig. Im Marienbad, wo sie zur Kur weilte, lernte jetzt die Oberin den jungen Oberpfarrer der Thüringischen Stadt Ziegenrück, Pastor Martin von Gerlach kennen. In ihm meinte sie, den rechten Mann für Kraschnitz entdeckt zu haben, und gern folgte Pastor von Gerlach dem Rufe des Kuratoriums im Samariter-Ordensstift 1896 zog er dort mit seiner jungen Frau, Klara von Treskow, ein. Der Erfolg gab dem Scharfblick der Frau Oberin zunächst recht. 57 Brüder hatte Martin von Gerlach bei seiner Ankunft übernommen, bald stieg ihre Zahl auf 78. Doch nicht lange sollte es währen, und es zeigte sich, daß zwei derart selbständige und gleichsam zum Herrschen geborenen Persönlichkeiten wie Oberin von der Recke und Pastor von Gerlach auf die Dauer nicht beieinander bleiben konnten, zumal die Oberin bei allen Entscheidungen ihre Ansicht bei dem ihr fast blind ergebenen Kuratorium durchsetzte. Die Bemühungen des neuen Pastors, die ihm gebührende Selbständigkeit zu erhalten, führten nicht bloß zum Zusammenstoß mit der Oberin sondern auch mit dem Kuratorium. Am 18. Juli 1898 wurde Pastor von Gerlach von diesem seines Amtes als Brüderhausvorsteher enthoben. In seinem Dienst als Stiftspfarrer blieb der Vergewaltigte durch das kirchliche Recht geschützt, doch verließ er zunächst, um allem vorzubeugen, vorübergehend auch diesen Platz und ging auf Urlaub.

    Verwaist fühlten sich die Kraschnitzer Brüder, sowohl die im Brüderhause selbst wie die übrigen, die in Schlesien und anderswo an Krankenbetten, in Gemeinden und Herbergen zur Heimat Dienst taten. Als Männer wußten sie sich verpflichtet, wenigstens in Zukunft ähnlichen Ereignissen vorzubeugen. Etwa die Hälfte der Diakonen erbat deshalb in einem Gesuch vom Kuratorium die Erlaubnis, daß bei der Neubesetzung des Vorsteheramtes einige Pastoren als Männer ihres Vertrauens mitwirken sollten. Das Kuratorium lehnte diese Bitte nicht bloß schroff ab, es forderte sogar die sofortige Unterschrift einer unbedingten Gehorsamserklärung, bei Weigerung sollte Entlassung erfolgen. Unter anderem heißt es in dem Antwortschreiben des Kuratoriums an die Brüder: ----Ihr Ersuchen ist nach jeder Seite ungehörig und unschicklich. Wer Herrn Vikar Schmidt (der mittlerweile mit der Leitung der Brüderschaft beauftragt war) sich nicht unterwerfen will, der mag aus der Brüderschaft austreten. Diesseits steht dem Nichts entgegen. Wer aber bleiben will, der hat dies durch schriftliche, umgehend einzureichende bedingungslose Erklärung kund zu tun. Gott helfe Euch zu Demut und Verstand, damit Ihr erkennt, was Euch zum Heile dient.---- Die Brüder haben der ihnen gesetzten Obrigkeit, und das ist hier das Kuratorium und der Verwaltungsrat, Gehorsam zu leisten. Das ist der Wille des Herrn, dem sie dienen möchten, wie Sie schreiben, was Sie darin erkennen können, daß das Kuratorium einstimmig, und unter Mitwirkung des Hochwürdigen Oberhirten des Schlesischen Kirchensprengels den Beschluß gefaßt hat, den Pastor von Gerlach von der Leitung der Diakonenanstalt zu entfernen.

    Pastor von Gerlach war an den Schritten, die die Brüder getan hatten, vollkommen unbeteiligt. Fern von dem Kampfplatz weilte er in Westerland Sylt; als aber nach der Entscheidung die Brüder um seinen Rat und seine Hilfe baten, war der Mann der Tat hierzu gern bereit, zumal ein Versuch der meisten auswärtigen Brüder, am 25. Juli nochmals mit dem Vorstand persönlich zu verhandeln, vollkommen fehlgeschlagen war. Sie kamen unverrichteter Sache aus ihrer ehemaligen Heimat zurück. Der Beschluß des Kuratoriums und die schroffe Ablehnung, die die Brüder am 25. Juli erfahren hatten, bewog 31 Diakonen und Jungbrüder, ihr Verhältnis zum Brüderhaus zu lösen. Heimatlos waren sie innerlich alle geworden, obdachlos die unter ihnen, die bis jetzt in Kraschnitz selbst gearbeitet hatten.

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  • 2. Kapitel

    Der Menschen Verlegenheiten sind Gottes Gelegenheiten.

    Obdachlosigkeit ist eine der schlimmsten Nöte, die Menschen erleben können. Aber auch an den Obdachlosen von Kraschnitz ward es wahr, daß Gottes Gnade Wege wußte, auf denen sie gehen konnten.

    Am 15. Februar 1897 bereits hatte Pastor von Gerlach eine Station für Ambulante Männerkrankenpflege in Breslau begründet. Sie wurde in der alten Oderstadt deshalb besonders willkommen geheißen, weil man dort durch die Barmherzigen Brüder, -einen katholischen Orden-, an männliche Krankenpflege gewöhnt war, weil aber die evangelische Bevölkerung lieber Glaubensgenossen an den Betten ihrer Kranken sah. Als erster Pflegebruder war Bruder Georg Schimetzki damals noch Hilfsbruder, entsandt worden. Bei der sich ständig mehrenden Nachfrage folgten ihm bald noch andere Brüder nach. Ihre Bleibe hatten die jungen Männer in der Odervorstadt. Bald erwies es sich, daß zur besonderen Betreuung der jungen Brüder, die Beköstigung und Wäsche zunächst selbst sorgen mußten, ein Hauselternpaar unerläßlich war. Deshalb wurde im November 1897 in der Nähe des Hauptbahnhofes Friedrichstraße 12 eine größere Wohnung gemietet. Am 10. Dezember zogen in sie Diakon Friedrich Klose und Frau Pauline ein, die bis dahin in Templin im Krankenhaus tätig gewesen waren. Als Vertreter der Geistlichkeit von Breslau begrüßte der damals noch junge Pastor Richard Fuchs von St. Elisabeth die Hauseltern mit ihren jungen Brüdern. Er wurde einer der treuesten Freunde des Hauses und hat sich Jahrzehnte lang große Verdienste um die Krankenpflege in Breslau erworben. Diese Wohnung in der Friedrichsstraße wurde zunächst das Notheim der ausgewanderten Brüder. Zwar bemühte sich der Vorsitzende des Kuratoriums in Kraschnitz, den Brüdern ihre Bleibe zu nehmen, doch schützte sie das Gesetz. Der Mietvertrag war nur von den Hauseltern unterzeichnet und die Miete war ebenfalls von diesen gezahlt worden, und somit konnte ihnen das Recht der Nutzung nicht streitig gemacht werden. Auch das Meiste von der Einrichtung war Eigentum der Hauseltern Klose, und das, was sich sonst in ihr befand, waren Geschenke Pastors von Gerlach und verschiedener dankbarer Patienten. Es erinnert fast an die Auseinandersetzung Abrahams mit dem König von Sodom, wenn Hausmutter Klose in ihrem Bericht erzählt, daß die wenigen Kraschnitz gehörigen Möbelstücke in einer Dachkammer in der Matthiasstraße untergestellt wurden. Freilich das Schild an der Haustür mit der Aufschrift: ”Männerkrankenpflege der Kraschnitzer Brüder” wurde entfernt; an seine Stelle trat ein kleineres mit der Aufschrift: Männerkrankenpflege.

    Es war wunderbar gefügt, daß gerade in dieser Zeit besonders viele Brüder zur Pflege in der Stadt und der nächsten Umgebung angefordert wurden, so daß sofort Einnahmen vorhanden waren. Wenn es auch oft recht einfach herging, so war bei bescheidenen Ansprüchen und treuem Beten und Arbeiten stets das Notwendige vorhanden. Viel konnte an Ausgaben dadurch gespart werden, daß die meisten der Brüder ein Handwerk erlernt hatten und nun ihre Kenntnisse den ihrigen zur Verfügung stellen konnten. So konnten vor allem die Schuhmacher- und Schneiderarbeiten im Hause verrichtet werden, aber auch sonstige Reparaturen wurden ohne besondere Kosten bewerkstelligt.

    Die meisten Vorstände der Außenstationen wollten ihre Brüder behalten, auch wenn diese nicht mehr zu Kraschnitz gehörten, so Görbersdorf, Strehlen, Senftenberg, Wittenberg, Bergen auf Rügen, Wartburg bei New York, Seelow in der Mark, Gotha, Erfurt und Frankfurt an der Oder. Aber gerade um dieser Brüder willen, die in und außerhalb Deutschlands in der Zerstreuung arbeiteten, war es dringend nötig, daß bald ein wirkliches Brüderhaus geschaffen wurde, das die Heimat aller bildete und an das sich die Stellen wenden konnte, die Brüder hatten oder solche brauchten. Verschiedene Verhandlungen wurden diesbezüglich angeknüpft, so in Seelow in der Mark und in Posen, doch führten sie zu keinem Ergebnis. Gern hätte der Direktor der Görbersdorfer Heilanstalten ein ihm gehöriges Gebäude den Brüdern abgetreten, doch war Pastor von Gerlach, der sich am 20. September 1898 das Grundstück ansah, sehr zweifelhaft, ob sich das Gebäude, in dem ehedem eine Fabrik gewesen war und das lange Jahre unbenützt gestanden hatte, soweit umbauen ließ, daß es zu einem wirklichen Brüderhaus werden konnte. War aber auch das Brüderhaus selbst noch nicht vorhanden, so waren doch bereits die jungen Hauseltern vorgesehen, die in ihm schalten und walten sollten. Es war der junge Diakon Karl Schrade ein ehemaliger Landwirt, den Pastor von Gerlach am 26. September in Schönau an der Katzbach mit seiner Braut Klara Witwer, einer Bäckermeisterstocher, trauen wollte. Aber noch vor diesem Tage sollte nach Gottes Willen das Heim für die beiden jungen Leute und die künftige Brüderschaft gefunden werden.

    Unmittelbar von Görbersdorf aus gedachte Martin von Gerlach zur Feier des 50jährigen Bestehens der Inneren Mission in Wittenberg zu fahren.

    Nach etwa einstündigem Fußmarsch und kurzer Fahrt mit der Nebenbahn bestieg der rüstige Mann in Fellhammer den Schnellzug. Es war dem Reisenden sehr angenehm, daß er ein Abteil für sich allein fand, und bald wurde aus diesem ein kleines Büro. Aus seiner Aktentasche brachte er eine Menge Bogen hervor, die sich unter seiner flinken Hand nach kurzer Zeit mit Namen und Zahlen füllten; galt es doch nicht bloß die einzelnen Stationen und Brüder schriftlich festzuhalten, nein auch allerlei Berechnungen darüber wollten aufgestellt sein, wie man in der nächsten Zeit durchkommen konnte. In seiner Tätigkeit wurde der emsig Schreibende von Görlitz aus öfter unterbrochen, denn dort stieg ein Herr zu, der Pastor von Gerlach infolge des schwarzen Rocks, den er trug und des Regenschirmes, ohne den man in jenen Zeiten nicht zu reisen pflegte, ebenfalls für einen Geistlichen hielt. Der neue Fahrgast gab sich die größte Mühe, ein Gespräch in Gang zu bringen, doch erhielt er von seinem Partner nur einsilbige und nicht gerade sehr höfliche Antworten, da dieser gern bei seiner Arbeit bleiben wollte. Im Stillen dachte Pastor von Gerlach: In Horka, wo wir in den Zug nach Falkenberg umsteigen müssen, soll mir der Störenfried nicht wieder zu nahe kommen, um mir meine Muße zu rauben. Wirklich glückte es Pastor von Gerlach, in dem neuen Zug ein leeres Abteil zu erlangen. Sofort schloß er hinter sich die Tür, aber kaum hatte er sich niedergesetzt, da wurde sie aufs neue geöffnet und Gehrock Nr. 2 folgte wie der Schatten dem Wanderer dem Gehrock Nr. 1; aber damit nicht genug, gerade als der Zug sich in Bewegung setzte, wurde noch einmal hastig die Tür geöffnet und Gehrock Nr. 3 stieg ein. Wie staunte aber der über den neuen Zuwachs wenig entzückte Martin von Gerlach, als er nun hörte, wie die beiden anderen sich freudig begrüßten. “ Mein lieber Oberstleutnant”, redete der Zusteigende den zweiten Fahrgast an; “Mein lieber Ulbrich”, antwortete dieser. “Verzeihen Sie”, mischte sich jetzt Pastor von Gerlach in das Gespräch, “Sind Sie der Ulbrich, der einst Famulus bei Professor Kähler in Halle war?” Und als dies bejaht wurde, kam es von seinen Lippen:” Wie schön sich das trifft! Ich bin Gerlach, Ihr zweiter Nachfolger, und schon lange hats mich verlangt, Sie kennen zu lernen!” “Gerlach aus Kraschnitz” fragte hierauf der andere, “Ja, das muß ich auch sagen; Wie schön sich das trifft - und ohne seinen Amtsbruder zu Worte kommen zu lassen, fügte er hinzu: “Sie suchen doch eine neue Heimat. Wenn Sie noch nichts gefunden haben, dann böte sich in dem kleinen Städtchen Rothenburg in dem ich seit 1892 Oberpfarrer bin, eine Gelegenheit, wie sie kaum eine andere finden werden. Es gehörte zu den Charaktereigentümlichkeiten Martin von Gerlachs, daß er irgendwelchen Mangel, unter dem er litt, nur äußerst schwer zugeben konnte, und so erklärte er auch hier zunächst, daß er vermutlich in Görbersdorf kaufen würde. Oberpfarrer Ulbrich aber ließ sich durch die vorgebrachten Einwendungen nicht beirren. Er sagte nur: “Hören Sie nur erst einmal an, und als Zeugen der Wahrhaftigkeit meiner Aussagen”, fügte er lächelnd hinzu, “stelle ich Ihnen Herrn Oberstleutnant Reiche aus Görlitz vor, der mit den Verhältnissen in Rothenburg gut vertraut ist. Auf einer großen Neißeinsel” erzählte nun Pastor Ulbrich, “die schon zu dem Rothenburg benachbarten Tormersdorf gehört, liegt eine großes Grundstück, das drei aneinander liegende Gebäude und ein langes einstöckiges Nebenhaus umfaßt. In ihm betrieb Jahre hindurch ein merkwürdiger Junggeselle, - Herr von Müller war sein Name, eine Tonwarenfabrik. Er hatte sich darauf versteift, ein unzerbrechliches Steingut zu erfinde, jedoch schlugen seine Versuche vollkommen fehl. Der erste mißlungene Brand endete in einer Sandgrube, der zweite wurde in die Neiße versenkt, um nicht dem Gespött der Leute zum Opfer zu fallen. Verärgert über seinen Mißerfolg, legte von Müller die Fabrik still und wandelte die Gebäude in Wohnungen um. Sorgen um seine Existenz brauchte er sich nicht zu machen, denn er konnte bequem von seinen Zinsen leben. In seinem Testament ernannte der Sonderling seine beiden Nichten zu Alleinerben. Die eine heißt wie er Fräulein von Müller, die andere ist die Tochter unseres Superintendenten Holscher in Horka. Dem letzten Willen fügte nun der Erblasser die Bedingung an, daß das Erbe nicht unter 45000 Mark verkauft werden dürfe, wenn es aber in die Hand eines Unternehmens der Inneren Mission gegeben werde, dann müsse es für die Hälfte veräußert werden. Ist das nicht eine Zeichen von Oben?” fragte Pfarrer Ulbrich bedeutsam, und “sehen Sie sich zum mindesten die Sache an” war der Schluß seiner Darlegungen. Pastor von Gerlach fühlte deutlich, daß jetzt ein Augenblick angebrochen war, in dem die Ewigkeit in die Zeit hinein greift, doch fragte er noch: “Und die Anzahlung? Unsere Mittel sind knapp und in Görbersdorf kommt man uns in diesem Punkte sehr entgegen .” Auch hier konnte Martin Ulbrich beruhigen, indem er hinzufügte: “Auch das ist in bester Ordnung. Dicht neben dem Grundstück liegt unser Rothenburger Schloß, in dem unser sehr vermögender, neuer Patron, Herr Friedrich Martin wohnt. Er möchte nicht, daß eine Fabrik mit ihren rauchenden Schloten seine Nachbarin wird und läßt aus dem Vermögen des von ihm gestifteten Siechenhauses die Anzahlung aufbringen. Die Zinsen will er die ersten vier Jahre selbst zahlen, dann sind sie von dem erwerbenden Unternehmen mit 4% aufzubringen. Martin von Gerlachs Bedenken waren schon jetzt sehr erschüttert; er versprach nach der Wittenberger Reise kurz mit nach Rothenburg zu kommen, und am 25. September, einem Sonntag, besichtigte er nach den erhebenden Tagen in der Lutherstadt die Gebäude. Dankbar und deutlich durfte er hier erkennen, daß ihn unser Himmlischer Herr selbst nach Rothenburg gewiesen hatte.

    Da er am nächsten Tage zum Vollzug der Trauung des künftigen Hausvaters unbedingt in Schönau an der Katzbach sein mußte, gab er seinem neu gewonnenem Freunde Vollmacht, am Montag in seinem Namen das Grundstück zu kaufen und bat um einen Drahtspruch, der bis Mittag den Vollzug des Kaufs nach Schönau berichten sollte. Am 26. September gegen Mittag kam Pastor von Gerlach in dem durch Blücher berühmt gewordenen Städtchen an und wurde von dem kleinen, freundlichen Bruder Becker am Bahnhof abgeholt. “Ist etwas angekommen?”, war die erste Frage des Pastors. “Ja, ein Telegramm”, lautete die Antwort und Bruder Becker reichte ihm das unscheinbare Briefchen mit dem blauen Verschluß. Ein kurzes: “Gut!”, war die einzige Antwort, die Bruder Becker zu hören bekam, nachdem der Angekommene einen Blick hinein geworfen hatte. Kurz aber inhaltsreich war der Wortlaut. Er hieß nur: Gekauft. Ulbrich. Die Trauung wurde gehalten. Nach seiner Gewohnheit eröffnete sie Martin von Gerlach mit der Vorlesung des “Lobes der tugendsamen Frau” aus Sprüche Salomonis 31. Es folgte die Traurede, und mitten in ihr fiel der allen Zuhörern unvergeßlich gewordene Satz: “Ihr meint, Ihr werdet in Görbersdorf wohnen. Weit gefehlt. Gott hat es anders gefügt, in Rothenburg in der Lausitz ist Euch und unseren Brüdern das Nest bereitet, in dem wir hausen sollen. Als die heilige Handlung beendet und das letzte Lied verklungen war, gab es im Hochzeitshaus natürlich viel Fragen und viel Erzählen, und es ward allgemeiner Beschluß, daß am nächsten Tage schon Pastor von Gerlach mit dem jungen Ehepaar und den Diakonen Wilhelm Becker, früher Müller von Beruf, Friedrich Klose, früher Friseur, und Theophil Arlt früher Tischler, nach Rothenburg fahren sollte, um das neu gekaufte Haus zu besichtigen. Festlich wurden die drahtlich angemeldeten Gäste von den früheren Besitzerinnen empfangen, und der sich anschließende Rundgang bewies den Brüdern, daß ihnen der Herr ein fürstliches Gottesgeschenk anvertraut hatte. Die Septembersonne war schon lange versunken, als abends gegen 8 Uhr die Glocke in der Oberpfarre am Markt gezogen wurde. Die vier Männer, die ihre Besichtigung beendet hatten, klopften am Studierzimmer des jungen Oberpfarrers an, der später als hochgeschätzter Vorsteher der Pfeifferschen Anstalten in Magdeburg-Cracau als doppelter Ehrendoktor der Theologie und der Medizin das Zeitliche segnete, und baten ihn, sie als erste Brüder der neuen Brüderschaft Zoar einzusegnen. Alle vier knieten nieder und nach einem feierlichen Gebete klang es durch den niederen Raum: Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr erleuchte Sein Angesicht über dir und sein dir gnädig, der Herr erhebe Sein Angesicht auf dich, und gebe dir Frieden!

    Ein dankbares fröhliches Mal, das Frau Pastor schnell bereitet hatte, schloß sich an, dann übernachtete Pastor von Gerlach im gastfreien Pfarrhaus seines Amtsbruders, das junge Ehepaar und die Diakonen Klose und Arlt blieben in dem Hubrichschen Gasthof des Rothenburger Ratskellers, den kleinen Bruder Becker aber trieb es noch in der Nacht durch den stillen Wald nach Horka zurück, damit er möglichst bald in seiner Herberge in Strehlen landete, und im Herzen des fröhlichen Mannes klang es, als er unter dem sternenbesäten Himmel seines Wegs zog: Selig, ja selig ist der zu nennen, des Hilfe der Gott Jakobs ist.

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  • 3. Kapitel

    Aller Anfang ist schwer.

    In dem langgestreckten Gebäude, das nur aus Erd- und Dachgeschoß besteht, fand das junge Hauselternpaar für sich zwei Stuben, und ein Kämmerchen konnte für die beiden Jungbrüder Elias und Flor, die etwas später eintrafen, noch frei gemacht werden. Sonst aber herrschte auf der Insel östlich von Rothenburg im schönen Herbst 1898 “Wohnungsnot”. Viele Hilfsbedürftige und Hilfsbereite sollten in Bälde auf ihr Unterkunft finden, und die augenblicklichen Bewohner wußten noch nicht, wo und wie sie diese alle unterbringen könnten. Freilich in gute Nachbarschaft waren die ersten Zoariten gekommen. Das erste Haus, später Hermon genannt, wurde von Fräulein Holscher und ihrer Base, Fräulein Müller, bewohnt. Die beiden Damen zogen bald nach Görlitz, mit ihnen die ihnen treuergebene Emma, die in der Zeit der bittersten Inflation ihre zur Greisin gewordene Brotherrin durch Wäschewaschen erhielt. Im zweiten Hause, das später den Namen Gilead trug, lebten im Erdgeschoß zwei Arbeiterfamilien mit mehreren Kindern; im ersten Stockwerk wohnte mit dem einzigen Sohn und zwei Töchtern das junge Baumeisterehepaar Bruno Poetschke; es baute sich bald danach eine schöne Villa am Westeingang von Rothenburg. Im späteren Nebo, an das sich ein kleiner Park mit teilweise wunderbarem Baumbestand anschloß, war im Erdgeschoß die Kasse des Kreises Rothenburg untergebracht, die Kreisrentmeister Schöbel verwaltete. Im ersten Stockwerk hatte er mit seiner Gattin die Wohnung, deren Südzimmer, das später zur Vorsteherwohnung gehörte, fast ein kleiner Saal war. Berühmt war das gastfreie Ehepaar bei all seinen Bekannten im Kreisstädtchen und in dessen Umgebung durch das Festessen am Kirmestag. Jedes Jahr standen da vor jedem Gaste sechs Teller übereinander, oben ein tiefer für die Suppe, darunter fünf flache für die schönen fünf Gänge, die dieser folgten, und nicht eher durften die Schmausenden aufstehen, als bis nach jedem Gerichte von den Bedienenden ein Teller abgenommen war, und die Tafelrunde bloß noch das blendend weiße Tafeltuch vor sich hatte. Aus dem langgestreckten Gebäude, in dessen äußerstes Ende Bruder Schrade eingezogen war, hatte ehedem ein Gärtner gewohnt, mit dem das tatkräftige Fräulein Holscher manchen ernsten Strauß ausgefochten hatte, weil der Mann eifriger als seine Blumen seine allzeit durstige Leber begossen hatte. Doch vollkommen leer war dies Haus trotzdem nicht. Die einstigen Ställe im Ostgiebel - Kuh und Pferd hatten ehedem unter ihren wunderbaren Gewölben gehaust - waren von der kleinen katholischen Gemeinde Rothenburgs zu ihrer Kapelle eingerichtet worden. Jeden Sonn- und Feiertag sammelten sich die Gläubigen zum Gottesdienst in ihr, und als Beweis, das lebendige Christen trotz verschiedener Konfession in schönstem Frieden nebeneinander wohnen können, beherbergte die junge Brüderschaft ihre Schwestern und Brüder römischen Glaubens noch solange, bis deren neue Kapelle zwei Jahre später erbaut war. Sie selbst besuchte in dieser Zeit die Stadtkirche in Rothenburg.

    Gar bald setzte in den freien Räumen reges Treiben ein. Ein alter Backofen wurde weggerissen, Mauern entfernt und andere eingezogen, und überall leisteten die Brüder den gelernten Handwerkern treue Hilfe, um Kosten zu sparen. Ja, sparen tat not in diesen ersten schweren Zeiten, und es wurde meisterhaft geübt. Pastor von Gerlach hatte, nachdem er sich am 2. Oktober von seiner Gemeinde in Kraschnitz verabschiedet und am 3. Oktober das Vorsteheramt der am 27. September gegründeten Brüderschaft angenommen hatte, auf eine längere Reise begeben, um die auswärtigen Stationen zu besichtigen. Er ließ Bruder Schrade 1000 Mark Bargeld zurück. Die Mahnung, sparsam und haushälterisch damit umzugehen, war bei dem jungen Hausvater, der aus bäuerlichen Verhältnissen stammte, überflüssig gewesen. Sorgsam kehrte er jeden Groschen, ehe er ihn ausgab, mehrmals um, denn das war sein stiller Wunsch, daß er trotz der bezahlten Rechnungen bei Baumeister Poetschke noch übrig hatte, wenn der Vorsteher zurück kam. Dankbar war deshalb das vierblättrige Kleeblatt, aus dem das künftige Pflegehaus bis jetzt bestand, daß ihm aus dem großen Garten allerlei zufloß, vor allem auch Kartoffeln, womit der Tisch gedeckt werden konnte. Aber auch kleine Einnahmen fanden sich bald. Hilfe leistete in ihrer Weise besonders eine Witwe am Markte in Rothenburg. Die gute Frau war in fast krankhafter Weise darauf bedacht, das Grab ihres heimgegangenen Lebensgefährten immer wieder mit einem frischen Kranze zu schmücken. Viel Geld konnte und wollte sie dabei nicht ausgeben. Die Forderungen der an und für sich schon bescheidenen Gärtner des Städtchens waren ihr zu hoch. Als sich aber auf ihre Anfrage die Brüder, die in den herbstlichen Tagen viel übrige Blumen im Garten hatten, gern bereit erklärten, ihr den Kranz für 50 Pfennige zu liefern, durften sie oft mit einem solchen bei ihr anklopfen, und Bruder Elias ging dann stets freudestrahlend wieder heim, weil er unterwegs für den verkauften Kranz ein Sechspfundbrot einhandeln konnte, auf dem dann sogar noch ein paar Kupferpfennige lagen. Am 7. November konnte bereits das junge Vorsteherpaar in eine Notwohnung einziehen und noch ehe das alte Jahr schloß, kam der erste der Pflegebefohlenen, die Pastor von Gerlach auf seine Bitten für das neue Haus zugesagt waren. Es war der schwer gelähmte Johannes Mörbe, der im Hause blieb, bis er 47 Jahre später verlegt werden mußte. Wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk traf er am 2. Feiertag bei den Hauseltern ein. Bald folgten ihm Robert Macher und der taubstumme Karl Hinneraski, der die besondere Gabe hatte, jeden, dem er einmal begegnete in Gang und Gebärden täuschend nachzuahmen, - nur durfte der Betreffende, wenigstens für ihn sichtbar, nicht anwesend sein. Auch der erste Jungbruder fand sich noch am Jahresschluß ein. Es war der junge Schneider Fritz Hahn, der später der Friedenskirche in Schweidnitz jahrzehntelange treue Dienste als Gemeindediakon und Rendant geleistet hat. Eine erhebende Stunde, zu der auch die Behörden und die auswärtigen Brüder in großer Zahl erschienen, durfte die junge Brüderschaft am zweiten Tage des Neuen Jahres 1899 erleben. Der greise Graf Maximilian von Lüttichau aus Niesky weihte nach festlicher, in seiner Lebensbeschreibung noch heute erhaltener Rede, das neue Haus. Hierbei erhielten Haus und Brüderschaft den Namen Zoar, wobei die Theologen darüber disputierten, ob Zoar mit “die Kleine” oder “die Wasserreiche” übersetzt werden soll. Der Name “Wasserreich” traf zu, denn bei der großen Überschwemmung, ein Jahr vor dem Einzug der Brüder, hatte das Wasser mehr als meterhoch in den Räumen der Erdgeschosse gestanden, und eine sinnreiche Einrichtung brachte es dahin, daß man nur die Verschlüsse zu öffnen brauchte und in langen Gräben strömte das erwärmte Wasser des Flusses bis dicht an die Beete, auf die es in heißen Tagen vergossen ward. In der Übersetzung “die Kleine” aber lag ein Programm ihres ersten Vorstehers und seiner Getreuen. Zoar sollte nach ihrem Willen nie groß an Zahl werden. Sobald es aus höchstens 100 Diakonen bestand, sollte sich, zunächst von der Mutterbrüderschaft unterstützt, eine neue abzweigen, die dann selbständig werden sollte. Durch dies “Erdbeerrankensystem” hoffte Pastor von Gerlach, den Familiencharakter Zoars zu wahren. Dankbar ist es von den Brüdern immer empfunden worden, wenn sowohl Bruder Lehmann, der erste Führer der Deutschen Diakonenschaft, wie sein Nachfolger Bruder Weigt bei ihren Besuchen betonten: Wenn man nach Zoar kommt, so fühlt man sich immer in einer großen Familie. Und einer der Vorsteher der großen Brüderhäuser urteilte einmal: Ich kann leider aus Zeitmangel die meisten der Brüderbriefe aus den über 20 Häusern Deutschlands nicht lesen; den aus Zoar aber nehme ich mir immer vor, aus ihm weht persönlicher Familiengeist. Dem Pfleglingskleeblatt folgten bereits am 25. Februar 25 weitere Pflegebedürftige, die aus dem Provinzialpflegehause Freiburg kamen und im Herbst war die Zahl der Heimlinge schon auf 58 gestiegen. Um sie alle unterbringen zu können, wurden nun auch die Häuser Hermon und Gilead belegt. Ersteres kam in die Hände des damals noch unverheirateten Bruder Scholz letzteres in die des Hauselternpaares Theophil Arlt. Bei der wachsenden Pfleglingszahl zeigte sich bald eine neue Verlegenheit. Wohl hatte man aus den vorhandenen sehr bescheidenen Geldmitteln Betten, Decken und Leibwäsche angeschafft, und Bruder Arlt hatte neben seinem Hausvaterposten in der neuen bescheidenen Tischlerei einfache Möbel für die Krankenstuben hergestellt, aber die Lösung der Anzugfrage war eine schwierige Sache. Doch wieder wußte der junge Vorsteher Rat. Er, der einstige, adlige Einjährig-Freiwillige bei dem Gardedragonerregiment in Berlin, hatte unter seinen Verwandten und Bekannten viele Offiziere. Ihnen schrieb er und bat um die aller ältesten und abgelegten Uniformen, die nutzlos in den Schränken hingen, und bald trafen größere und kleinere Pakete ein, die alle “bunte Röcke” enthielten. Ein merkwürdiges Bild auf dem Zoarhofe war die Folge dieser Mildtätigkeit. Nicht wie Epileptiker und Idioten sahen die neuen Zoarbürger der Kleidung nach aus, sondern wie Krieger aller Waffengattungen. Freilich Degen und Achselstücke fehlten, aber sonst trieben sich hellgrüne Jäger und dunkle Pioniere, hellblaue Husaren und dunkelblaue Infanteristen in Menge herum, bis nach und nach aus den bunten Farben solche wurden, die grau und schwarz bedenklich glichen.

    Auch außerhalb des Brüderhauses ging es bereits 1899 erfreulich weiter. Am 4. Mai wurde in Breslau-Scheiting ein Grundstück für die ambulante Krankenpflege erworben, und bereits am 8. Mai zogen die Brüder aus der Friedrichsstraße in das leere Haus ein.

    Besonders wichtige Ereignisse brachte der Brüdertag des Jahres 1899. Am 25. September wurde die Kapelle, die bis dahin die katholische Gemeinde allein benutzt hatte, zum “Kripplein Christi” der Brüderschaft geweiht und gleichzeitig fand das erste Jahresfest mit der Einsegnung von sechs Brüdern als Diakone statt. Am nächsten Tag wurden die neuen Statuten festgelegt und auf Grund von ihnen konnte am 6. Februar 1900 die Brüderschaft als Verein im Vereinsregister des Amtsgerichts eingetragen werden.

    Einen neuen Arbeitszweig und eine Erweiterung des Geländes zugleich, sollte eine Anfrage der Stadt Berlin bringen. Sie suchte Plätze für Fürsorgezöglinge, die sie weitab von den Versuchungen der Großstadt, denen sie zumeist erlegen waren, zu tüchtigen Menschen erziehen lassen wollte. Die Brüderschaft konnte ihr entgegenkommen, indem sie das Bauerngrundstück des Nachbar Nierig kaufte. Es brachte, außer dem eigentlichen Bauernhof, 30 Morgen guten Feldes in der Neißeaue. Das neue Gebäude, das im Bauernhof errichtet wurde, erhielt im Gedenken an den ersten Kaiser des 2. Deutschen Reiches den Namen Wilhelmshof und das Wort des sterbenden Monarchen: “Ich habe keine Zeit, müde zu sein.” wurde als heilige Mahnung an die Front des Hauses geprägt.

    Um die Brüderschaft vor ähnlichen Stürmen zu bewahren, wie man sie in Kraschnitz durchlebt hatte, wurde diese nicht als “Stiftung”, sondern als “Genossenschaft” gegründet. Nach den Satzungen, die sich ein halbes Jahrhundert hindurch bewährt haben, wird die Brüderschaft vom Vorsteher geleitet und vertreten. Nur für besondere Fälle - vor allen Dingen Erwerb, Verkauf und Belastung - ist ihm ein “Innerer Rat” beigegeben, der an jedem Brüdertag gewählt wird. Seine Mitglieder tragen den Namen Senioren bzw. Seniorenstellvertreter. Sie wurden in Wirklichkeit nicht bloß bei derartig wichtigen Veranlassungen, sondern bei allen wichtigeren Entschließungen zusammen gerufen. Scherzhaft bezeichnete der Gründer einmal seine Brüderschaft als “Cäsareische Republik”, als er sie aber ein andermal eine “Demokratie” nannte, entgegnete ihm eine schlagfertige Verwandte: “Richtig, aber mit einem höchst autokratischen Kopf.” In beiden Wortspielen prägt sich der eigenartige Charakter aus, der die Brüderschaft so lange von den übrigen 22 Brüderschaften Deutschlands unterschied, als sie selbständig eingetragener Verein blieb. Merkwürdig war auch das Wahlsystem für den auf Lebenszeit zu ernennenden Vorsteher. Sobald sich nach dem Tode oder der Amtsniederlegung des Vorstehers eine Neuwahl notwendig machte, wählten die Diakonen durch Zettel, auf denen je drei Namen von Evangelischen Geistlichen, “den Männern ihres Vertrauens” standen, das “Konklave”. Für oder auch gegen den Gewählten hatten dann die “Ehrenmitbrüder”, das heißt Evangelische Männer, die sich um die Brüderschaft Verdienste erworben hatten, ihr Placet oder ihr Veto abzugeben. In diesen ersten Satzungen der Brüderschaft verband sich der Scharfsinn des Juristen fein mit dem Herzen des Theologen. Beides vereinigte sich auch in dem Gründer der Brüderschaft. Nur auf den Wunsch seines Vaters hatte Martin von Gerlach Jurisprudenz studiert. Nach abgelegter Referendarprüfung aber erbat er von diesem die Erlaubnis, nun Theologe zu werden und führte diesen Plan bis zum Ende durch.

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  • 4.Kapitel

    Aus der Enge in die Weite.

    Schon sehr früh, und man darf vielleicht sagen zu früh, sah sich Pastor von Gerlach nach Orten um, an denen beim raschen Wachsen der Brüderschaft eine Zweiggründung entstehen könnte. Lange Zeit hatte es ihm in dieser Beziehung das Rittergut Deschka angetan, das auf weithin sichtbarer Anhöhe in der Nähe der Glasstadt Penzig die Neißeaue und die Görlitzer Neiße überragt. Dieser Plan wurde jedoch wieder fallen gelassen und mancher andere mit ihm zu Gunsten einer Erwerbung in Westpreußen. Den Ausschlag gab die Erwägung, daß diese Provinz noch kein Brüderhausbesaß und vermutlich ein solches am meisten begrüßte. Am 7. Dezember 1906 wurde deshalb dicht vor der Garnison des einstigen Deutschen Kronprinzen Wilhelm, Danzig-Langfuhr, die Besitzung Silberhammer erworben. Das Anwesen, das aus einem kleinen Schlößchen und aus einem angrenzenden Gute bestand, ist nicht ohne Geschichte. Einst hatte es, so wird berichtet, den Äbten von Oliva gehört! Kurz nach den Freiheitskriegen wohnte in den Mauern von Silberhammer Freiherr J. von Eichendorff, der damals in Danzig als Regierungsrat Dienst tat. In dieser seiner “Sommer-Villegiatur” schrieb der Dichter sein Drama “ Der letzte Held von Marienburg” und alle die Schriften, in denen er sich für die Wiederherstellung der trutzigen Feste des Deutsch-Ritterordens einsetzte. In dem kleinen Schlößchen entstand auch das frische Idyll “Aus dem Leben eines Taugenichts”.

    Es war am 3. Januar des Jahres 1907, als Diakon Karl Schrade mit seiner Familie nach Danzig-Silberhammer übersiedelte. Nachdem die notwendigen baulichen Arbeiten vollendet waren, fand am 27. August 1907 die Einweihung des neuen Hauses statt. Bereits im April war auch Pastor von Gerlach dorthin übergesiedelt. Er zog als Witwer in das Schlößchen ein, denn seine Lebensgefährtin Klara geb. von Treskow, war in Zoar heimgegangen. Bald nach dem Einzug führte er seine zweite Gattin, Eva von Tiedemann, in sein verwaistes Heim ein.

    In Zoar wurde am 9. April 1907 als Brüderhausvorsteher Pastor Ernst Steinwald eingeführt. Er hatte bis dahin in Smyrna seines Amtes als Deutscher Seelsorger gewaltet. Bald schlang sich um ihn und seine Brüder ein inniges Band des Vertrauens, und als äußeres Zeichen desselben trug er auch die Brüdertracht, die Pastor von Gerlach mittlerweile eingeführt hatte. Beim Dienstantritt Pastor Steinwalds war beschlossen worden, künftig zwischen dem Amt des Brüderschaftsvorstehers und des Brüderhausvorstehers zu unterscheiden. Als Grundlage für das reibungslose Zusammenarbeiten der zunächst zwei Männer waren folgende Sätze aufgestellt:

    1. Der Brüderschaftsvorsteher ist gehalten, zu neuen Einrichtungen die vorherige Zustimmung aller Brüderhausvorsteher einzuholen.

    2. Ein Brüderhausvorsteher ist gehalten, zu Neuerungen und größeren Unternehmungen seines Brüderhauses, die vorherige Zustimmung des Brüderschaftsvorstehers einzuholen.

    3. Der Beirat der Diakonen bleibt gemeinsames Organ der ganzen Brüderschaft.

    Sowohl in Silberhammer wie in Rothenburg ging es in den ersten Jahren rüstig vorwärts. In Silberhammer entstand neben dem kleinen Bauernhaus, in dem einst der Schloßvogt gewohnt hatte, und das jetzt Familie Schrade als Wohnung diente, der Ackerhof. Etwa 100 Meter davon entfernt, erhob sich, ganz neu erbaut, das dreistöckige Gartenhaus, in dem eine stattliche Anzahl von Pflegebefohlenen Platz hatte und in dem auch die Kapelle eingebaut war. Etwa 100 Meter höher stand auf einer Anhöhe das Alte Stift, das Pensionäre aufnehmen sollte. Diese Häuser gehörten laut gerichtlicher Eintragung der Brüderschaft Zoar. Auf dem gleichen Blatte aber, auf dem der Kauf eingetragen war, standen die sehr hohen Hypotheken, die man hatte aufnehmen müssen, um das Grundstück zu erwerben und auszubauen. Es war jedoch unmöglich gewesen, in einem Zeitraum von noch nicht zehn Jahren soviel Gelder zurückzulegen, um Silberhammer ohne Schulden zu kaufen und umzubauen.

    Auch das Brüderhaus in Rothenburg blieb nicht ohne Erweiterung. Nachdem bereits im Jahre 1902 im Osten jenseits der Neiße in der Heide für 100 Mark ein Friedhof für die Toten erworben worden war, kam es am 9. Juli 1907 zum Erwerb eines Bauerngutes im Westen des Städtchens. Dem Kauf ging eine merkwürdige, zum Teil grausige Geschichte voraus. Etwa 200 Meter entfernt von dem gerade in diesen Monaten entstehenden Bahnhof von Rothenburg hatte ein merkwürdiges Bauernehepaar sein Anwesen. Er, Bauer Rolle, ein Mann mit Riesenhänden und Bärenkräften, konnte sich im Schaffen nicht genug tun. Sie, die Bäuerin, eine Tierarzttochter aus Thüringen, machte sich das Leben weniger schwer. Die Leute im Städtchen erzählten sich, daß sie bei den Einkäufen gern einmal in “die Krone” abschwenkte, um sich in allen Ehren ein Gläschen Bier zu gönnen. Dank der stattlichen Mitgift, die Frau Rolle von daheim erhalten hatte, konnten sich die Leute trotz des nicht großen Gutes nicht bloß eine Magd, sondern auch einen Ackerkutscher halten. Eines Tages, als dieser seinen Platz verlassen hatte und in anderen Dienst gegangen war, meldete sich auf eine Anzeige in der Zeitung ein junger Mann, der infolge seines artigen und bescheidenen Wesens beiden Eheleuten vorzüglich gefiel. Sie stellten ihn ein und, da er auch in der Arbeit Vorzügliches leistete, ward das Verhältnis zwischen Herrschaft und Angestelltem so gut, daß Mann und Frau im Stillen den Plan faßten, den jungen Mann in ihrem kinderlosen Hause als Sohn anzunehmen. Da plötzlich erschien die Polizei und verhaftete den von beiden Eheleuten so Hochgeschätzten, - es war Sternickel, der berüchtigte Bauchaufschlitzer, der sich unter falschem Namen vermietet hatte. Als nun der Unhold vor dem Richter gestand, daß er für den Tag nach seiner Verhaftung das gleiche Verbrechen an Frau Rolle geplant hatte, das er schon in anderen Häusern an der Bäuerin verübt hatte, und daß dann Scheune und Gut in Flammen aufgegangen wären, war dem Ehepaar der Besitz verleidet. Sie boten ihn unter den günstigsten Bedingungen zum Verkaufe an und trachteten danach möglichst bald in die Thüringer Berge zurückzukehren.

    Bei der weiten Entfernung zwischen Rothenburg und Silberhammer und bei der Eile, mit der der Kauf vollzogen werden mußte, wenn das Gut der Brüderschaft nicht entgehen sollte, war es dem Brüderhausvorsteher Steinwald nicht möglich, sich der vorherigen Zustimmung des Brüderschaftsvorstehers zu vergewissern. (Anmerkung am Rand v. H.-J. Wollstadt: Nicht richtig, hat zugestimmt!) So brachte der Kauf eine Meinungsverschiedenheit der beiden Vorsteher mit sich, die, wenn auch nicht gleich, so doch bald zur Trennung beider führte. Pastor Steinwald, der bei der Erwerbung von dem Grundsatze ausgegangen war, daß sich Zoar, soweit nur irgend möglich auf Selbsternährung einstellen müßte, benützte die zwei Jahre, die er noch in Rothenburg blieb, um an das kleine Bauernhaus aber außerhalb des Gehöfts einen großen Rindviehstall anzubauen, über dem sich Schlafräume befanden, während der Tagesraum im Bauernhause blieb. Kurze Zeit wurde in dem neu erworbenen Grundstück, das den Namen Pniel erhielt, Trinkerrettungsarbeit getrieben, dann wurde es wie der Wilhelmshof für die Erziehungsarbeit an den Fürsorgezöglingen bereit gestellt.

    Am 28. August 1909 schied Pastor Steinwald mit der Nadel des Ehrenbruders geschmückt aus Zoar. Äußerlich war er vom Brüderhause weit entfernt, denn er übernahm die Gemeinde Ibbenbüren in Westfalen, innerlich blieb er mit dem Hause eng verbunden bis zu seinem Heimgang in Bad Qynhausen, wo er seinen Ruhestand verlebte.

    Der Nachfolger Pastor Steinwalds wurde Pastor Max Meister, der schon am 2. September 1909 sein Amt antrat. Niemand hatte geglaubt, daß der tunerisch und dichterisch vorzüglich begabte Mann sich als derartiger Praktikus erweisen würde, als der er sich bewährt hat. Vor allem baulich ging es unter Pastor Meister mit großen Schritten vorwärts. Auf dem Felde der ehemals Nieringschen Wirtschaft wurde ein neues neuzeitliches Pflegehaus erbaut. In dem nördlichen Flügel seines Erdgeschosses fand die Kapelle zum “Kripplein Christi“, die trotz -Durchbrechens einer Mauer für die ständig wachsende Zoargemeinde zu klein geworden war, Aufnahme. Weil sich aber das “Kripplein Christi” im Hause befand, wurde ihm der Name Bethlehem zuteil. Nach der Weihe des Hauses, die bei der 13jährigen Geburtstagsfeier der Brüderschaft am 26. September 1911 stattfand, gedachte Pastor Meister in seiner baulichen Tätigkeit etwas zu rasten, zumal er zuvor schon das große Wirtschaftsgebäude errichtet hatte, das vor allem eine neue Wäscherei in sich aufnahm und in das später die Bäckerei eingebaut wurde, da wurde er am 1. Tage des Jahres 1912 zu weiterem Bauen gezwungen. Andächtig saß am Jahresmorgen die Zoargemeinde im “Kripplein Christ”. Bruder Klose hielt Lesegottesdienst, da der Vorsteher rheumatismuskrank in seiner Wohnung lag. Da öffnete sich während der Predigt leise die Tür und Mutter Klose kam auf den Fußspitzen herein. 3-4 der älteren Brüder, die hinten saßen am Arme ziehend, verließ sie den Raum so leise, wie sie gekommen war, und die Brüder folgten ihr nicht minder leise. Scharfe Ohren konnten hören, daß nach dem Schließen der Tür der Schlüssel leise umgedreht wurde. Als nach dem Segen von außen geöffnet wurde, sah man die böse Überraschung des Neujahresmorgens: Der Dachstuhl von Hermon und Gilead stand in hellen Flammen. Ein Schwachsinniger, der einmal ein “schönes Feuer” hatte sehen wollen, hatte das Werk vollbracht. Nur mit Mühe konnte man den auf seinem Liegestuhl liegenden Vorsteher aus dem stark verqualmten Nebo heraus tragen. Das zerstörte Dach erforderte sofortige Erneuerung. Eine schöne Mansarde entstand an seiner Statt.

    1913 zog es Pastor Meister in das Gemeindepfarramt zurück. Als Ehrenbruder Zoars ging er in die Provinz Posen. Nunmehr kehrte Pastor von Gerlach von Danzig nach Rothenburg zurück. Es erwies sich als das Richtige, daß der Brüderschaftsvorsteher in Herzen der Brüderschaft wohnte. Während die Pastoren Steinwald und Meister neben ihrer sonstigen Arbeit auch den Brüderunterricht bewältigt hatten, nötigte die starke Reisetätigkeit, die jedem Brüderschaftsvorsteher obliegt, Pastor von Gerlach, einen Brüderlehrer bzw. einen zweiten Geistlichen zu berufen. Kandidat Kressin, Missionar Siebert, Pastor Zeller und später Pastor Kohlschütter traten ihm im Laufe der Zeit zur Seite.

    Obwohl der Vorsteher, so oft es ihm möglich war, die anstrengende Reise von Rothenburg nach Danzig zurücklegte, fing Silberhammer bald an zu kränkeln. Pastor Eccius, der dort Brüderhausvorsteher geworden war, blieb nur ein Jahr. Pastor Zimmermann, der Stadtmissionsleiter von Danzig, übernahm während des Krieges die Leitung des Hauses nur nebenamtlich.

    Über den bis dahin unverwüstlichen Pastor von Gerlach kam jetzt ein sehr schweres Magenleiden, das ihn zwang, sich mehr und mehr zu schonen, der treue Senior Becker wurde ebenfalls schwer krank, und so kam wie von ungefähr über die Brüderschaft ein ähnlich verheerendes Unwetter wie das, das am 2. August 1914 durch den Weltkrieg über das Deutsche Vaterland herein gebrochen war.

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  • 5.Kapitel

    Des Herren Güte ist es, daß wir nicht gar aus sind.

    Zu den Deutschen, die am hoffnungsfreudigsten und am opferfreudigsten zugleich in den Weltkrieg von 1914 hinein gingen, gehörte Pastor von Gerlach. Er lebte der festen Überzeugung, daß sein von einer Welt überfallenes Vaterland aus den Kriegswettern schöner und herrlicher hervorgehen würde, als es je gewesen war. Kein persönliches Opfer und keines der Brüderschaft erschien ihm deshalb zu groß, als das man es nicht bringen könnte. Alle die prächtigen, kernigen Stiefel und Schnürschuhe, die Meister Meier in seiner Werkstatt angefertigt hatte, all die Hemden und sonstige Leibwäsche, die in den Kammern lagen, dazu Bettwäsche und Krankenkittel wurden willig und opferfreudig dem Vaterlande mit seinen Heeren und Lazaretten zur Verfügung gestellt. Man durfte ja bestimmt rechnen, daß nach einem siegreichen Frieden alles reichlich wieder erstattet werden würde. Auch von den Brüdern schonte sich nicht einer. Was nur irgend entbehrlich war meldete sich zur freiwilligen Dienst mit der Waffe oder mit dem Roten Kreuz auf weißem Felde am linken Arm. Bereits in den allerersten Tagen ging der Heimarzt Dr. med. Knape, der erst am 8. Juli nach dem Heimgang des jahrelang bewährten Dr. Hüttenmüller die Arbeit von Rothenburg aus übernommen hatte, ins Feld, mit ihm Hausvater Schulz, der schon als freiwilliger Kriegskrankenwärter in China um die Jahrhundertwende den Krieg kennen gelernt hatte, und die Diakonen Karl Buckisch und Adolf Irmer. Nur drei Wochen währte es, und der erste Zoarbruder starb den Heldentod, es war der blutjunge Hermann Tirpitz. Am 5. September zog von Breslau Scheitnig aus Hausvater Klose mit neun Brüdern als Felddiakone zur 5. Armee nach Frankreich. Doch den Monaten der Begeisterung folgten die Jahre der Bewährung, in denen von den Daheimgebleibenen fast größere Opfer gefordert wurden als von den Draußenstehenden. Zu den mit am schwersten Geprüften in den Jahren 1917 und 18 gehörten die Zoarleute auf der Neißeinsel. Durch die vielen Einberufungen wurde der Mangel an Brüdern so groß, daß z.B. Bruder Karl Irmer, der Hausvater von Wilhelmshof, nachdem der Vorsteher erkrankt war, bei Beerdigungen erst mit seinen Jungen aus dem Fürsorgehaus das Grab schaufelte und dann an diesem als Diener des Wortes die Sterbegebete verrichtete. Und gerade die Beerdigungen mehrten sich von Woche zu Woche. Nicht bloß gegen die wehrhaften Männer des Deutschen Volkes wurde ja bekanntlich der Krieg geführt. Furchtbarer noch als der Kampf mit den blanken Waffen war die Hungerblockade, die man über die Landesbewohner brachte. Konnte schon den arbeitskräftigen, erwerbstätigen Männern und Frauen nur das aller notwendigste an Lebensmitteln bewilligt werden, so blieb für die armen Pflegebefohlenen von Zoar trotz aller Bemühungen des Vorstehers und des Seniors ungefähr nichts übrig. “Hunger, Hunger”, war das Wort, das die armen gequälten Menschenkinder ausriefen, sobald sie die auf dem Hofe trafen, von denen sie wußten, sie wollten ihnen helfen und konnten es doch nicht. Immer zahlreicher wurden deshalb die Särge, die Meister Barth, ein alter treubewährter Herrnhuter, in seiner Werkstatt anfertigen mußte. In einer besonders schlimmen Woche forderte man sieben an. Wie stark entvölkert und infolge Nahrungs- und Materialmangels Zoar geworden war, dafür nur ein Beispiel: Haus Bethlehem, das in seinen besten Zeiten über 100 Pflegebefohlene unter seinem Dache barg, hatte nur noch 40 Pfleglinge. Für sie waren noch 47 Hemden vorhanden. Mehrere Male in der Woche mußte gewaschen werden, damit wenigstens in 10-14 Tagen ein Jeder die Wäsche wechseln konnte. Der Mangel an allen anderen Dingen war dementsprechend.

    Schwerer als diese Schläge aber wirkte es sich auf das Haus und die Brüderschaft aus, daß die Besten der jungen Brüder im Felde geblieben waren und daß auch der Vorsteher, wohl infolge der Überanstrengung, derartig schwer erkrankte, daß er nur noch im Liegestuhl sitzend arbeiten konnte. Auch die rechte Hand Pastor von Gerlach, Bruder Senior Becker war derartig schwer erkrankt, daß er bei seinen Rundgängen durch die Häuser einen Tragestuhl benutzen mußte. Die Verbindung mit dem fernliegenden Silberhammer war bei dem spärlichen Zugverkehr fast vollkommen unterbrochen, und mancherlei Schaden machte sich dort bemerkbar.

    Unter diesen Umständen, entschloß sich Pastor von Gerlach im Februar 1920 schweren Herzens, sein Amt aufzugeben. In einem “Brüdergruße”, bat er die Brüder und besonders auch die Ehrenbrüder, sich nach einem geeigneten Manne umzusehen, und er selbst schrieb unermüdlich, um einen solchen zu finden. Sogar den damals 61jährigen Heinrich Lhotzky, den bekannten Schriftsteller, bat er um seinen Rat für die Wahl eines neuen Vorstehers.

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  • 6.Kapitel

    “-- der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.”

    Unter denen, die auf den freiwerdenden Posten in Zoar aufmerksam gemacht worden waren, sahen sich nur zwei das Brüderhaus an. Es war der junge Pastor Brettschneider, der bald als Brüderlehrer an das Rauhe Haus in Hamburg ging, und Divisionspfarrer Zitzmann, der wegen der Auflösung des Heeres sich ein neues Amt suchen mußte. Er hielt auf Bitten Pastors von Gerlach am Tage seines Besuchs die Abendandacht im Kripplein Christi über die Bitte der Griechen Joh. 12: “Herr wir möchten Jesum gern sehen.” Leider konnte weder der Vorsteher noch der Senior infolge ihrer Krankheit an der Andacht teilnehmen. Beide Pastoren schieden von einander mit der gegenseitigen Zusage, daß sie sich in jeder Weise ungebunden fühlen wollten. Pastor Zitzmann, der die großen Schwierigkeiten, die seiner warteten, gesehen hatte und der nur sehr ungern aus seiner Sächsischen Landeskirche schied, fuhr mit dem Gedanken von dannen, daß er wohl schwerlich nach Rothenburg kommen würde; nur seine Lebensgefährtin, der er von Zoar erzählte, sagte zuversichtlich: “Das wird der Platz sein, an den wir gehen sollen.” Auch die Sächsische Landeskirche sah es nicht gern, daß Pastoren in andre Kirchengebiete übergingen, da durch den Heldentod vieler ihrer jungen Geistlichen, große Lücken entstanden waren. Merkwürdigerweise aber boten sich bei jeder Stelle, für die man Pastor Zitzmann ausersah, Schwierigkeiten, an die man nicht gedacht hatte, obwohl die beiden Oberkonsistorialräte, die ihn noch von der Zeit ihrer Superintendentur her kannten, für ihn eintraten. Der eine schlug ihn für die Superintendentur Werdau vor, doch war er erst 39 Jahre alt, und Sachsen stellte Superintendenten erst mit frühestens 40 Jahren an. Der andere wollte ihn in die Arbeitergemeinde Freital-Potschapel bringen, doch sollten Stellen, die von der Großstadt mit Straßenbahn zu erreichen waren, für Kinder besitzende Pastoren freigehalten werden, während Zitzmanns Ehe kinderlos war. D.D. Rüling, der einstige Pfarrer von St. Johannes in Leipzig, hätte seinen Schüler gern als zweiten Nachfolger in seinem Amte gesehen, da sein erster Nachfolger zu kränkeln begann, aber die Stelle war noch nicht erledigt. Seine Amtsbrüder vom Militär, wünschten ihn als Wehrkreispfarrer für Sachsen zu sehen, und Militäroberpfarrer Platz, dem die Stelle zuerst angetragen worden war, verzichtete um seinetwillen auf sie, aber einer der maßgebenden Herren war der Ansicht, daß der Dienst des Wehrkreispfarrers hauptsächlich aus Büro- und Verwaltungsaufgaben bestehen würde, und dazu sei der für das Praktische begabte “zu schade”. Er selbst, der in dieser Zeit als Gartenarbeiter tätig war und täglich mit den Leunaarbeitern zusammen nach Leipzig zurück fuhr, wäre gern in die Volksmission gegangen, doch bat ihn seine Frau, die in den langen Kriegsjahren ihn kaum gesehen hatte, von diesem Platz, der dauerndes Reisen erforderte, abzusehen. In all dies Hin und Her kam plötzlich die Nachricht von der einstimmigen Wahl zum Vorsteher von Zoar durch das Konklave. Es hatte aus Kirchenrat Primarius Fuchs/Breslau, Pastor Steinwald/Ibbenbüren und Pastor Schäfer/Klein-Schönau bei Zittau bestanden. Der Gewählte erfuhr von der Tatsache in den Ostertagen durch zwei herzliche Briefe von Pastor Kohlschütter dem zweiten Geistlichen Zoars, und von Bruder Becker, dem 1. Senior. Etliche Tage später traf ein Brief von Pastor von Gerlach ein, in dem dieser die Wahl amtlich mitteilte. Er fügte hinzu: Ehe ich mich nun satzungsgemäß an die Herren Ehrenbrüder wende, damit diese ihre Wahl bestätigen, muß ich mir erst noch über Ihre Stellung zu Christus, dem Hochgelobten klar werden und lade Sie deshalb zu einer Aussprache nach Zoar ein. Pastor Zitzmann antwortete in einem höflichen Brief, daß er bedauere, diese Einladung nicht annehmen zu können. Er hätte bei seinem ersten Besuche in Zoar fast drei Stunden mit Pastor von Gerlach gesprochen, wobei die Erörterung seines theologischen Werdeganges der Hauptinhalt des Gesprächs gewesen sei; auch habe er am Schluß der Besprechung ausdrücklich gefragt, ob weitere Fragen gewünscht würden, was ausdrücklich verneint worden sei. In der Aufforderung zu einer nochmaligen Aussprache könne er nur Mißtrauen erblicken, er würde aber sein Amt bloß dann antreten, wenn man ihm mit vollem Vertrauen entgegen käme. Im gleichen Brief wies Pastor Zitzmann auf den jungen Pastor Gabriel hin, der heute noch in großem Segen in Halle wirkt, und riet, diesem den Vorsteherposten anzutragen. Da die Verhältnisse in Zoar dringend einen gesunden und vollkräftigen Vorsteher erforderten, war in der Zwischenzeit der Vorsitzende des Ehrenbrüderrates, Primarius Fuchs, nach Rothenburg gereist und hatte Pastor von Gerlach dringendst gebeten, seinen Widerstand aufzugeben, da sonst die schwersten Folgen für die Brüderschaft zu befürchten seien; und auf das, was er von Pastor Fuchs erfahren hatte, hielt sich Bruder Dühmke, der damals als Blaukreuzarbeiter in Breslau arbeitete, für verpflichtet, sich einzuschalten, um zwischen dem alten und dem künftigen Vorsteher zu vermitteln. In einem freundlichen Briefe teilte er Pastor Zitzmann mit, daß die Zoarbrüder seinem Kommen mit vollem Vertrauen entgegen schauten, daß sie aber gleichzeitig darunter litten, daß Pastor von Gerlach nicht freudigen Herzens “Ja” sagen könnte, weil er nicht Herr über sein Mißtrauen zu werden vermöchte. Um hier zu vermitteln, legte Bruder Dühmke dem gewählten aber noch nicht bestätigten Vorsteher drei Fragen vor, um deren Bejahung er bat. Sie lauteten:

    1. Glauben Sie an Gott den Vater und einzigen Schöpfer?

    2. Glauben Sie an Jesum Christum als unseren einzigen Erlöser?

    3. Glauben Sie an den Heiligen Geist als unseren einzigen Helfer und Tröster?

    Pastor Zitzmann dankte in einem freundlichen Briefe und teilte Bruder Dühmke mit, daß er diese drei Fragen ohne weiteres mit einem offenen “Ja” beantworten könne. Er vermute aber, daß der Briefschreiber dies Ja noch näher ausgeführt haben wolle. Wenn er dies tuen wolle, so müsse er eine kleine Dogmatik schreiben und dazu fehle ihm die Zeit. Etliche Tage danach traf ein Brief Pastor von Gerlachs ein, in dem dieser schrieb: “Nun ist Klarheit geworden. Bruder Dühmke hat drei Fragen formuliert, auf die er um Antwort gebeten hat, es ist ihm aber kein unbedingtes Ja gegeben worden. Der Grund ist sicher darin zu suchen, daß Sie zu den Leuten gehören, die nicht bekennen wollen frei, was ihres Herzens Glauben sei, weil sie keinen Glauben haben.” Pastor Zitzmann fühlte sich durch diesen Brief schwer beleidigt. Bereits am übernächsten Tage war er in Rothenburg. Höchst überrascht empfing Frau Pastor von Gerlach den unvermuteten Gast, bewirtete ihn freundlich auf den schattigen Veranda, zu der wenige Jahre zuvor der freundliche Nachbar, Herr von Martin das Holz aus seinen Forsten gestiftet hatte, und bat, ihren Mann vorläufig zu entschuldigen, da ihm vom Arzt strengstens befohlen sei, unter Mittag etliche Stunden zu ruhen. Kurze Zeit danach erschien der Kranke der recht leidend aussah. Er begrüßte den Angekommenen ebenfalls sehr freundlich, wenngleich eine gewisse Reserve nicht zu verkennen war, und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß er nun endlich zu der gewünschten Aussprache gekommen sei. “Nein”, war die Antwort, “verehrter Bruder, nicht zu einer Aussprache bin ich zunächst gekommen, sondern Ihr Brief an mich gebietet mir, Rechenschaft von Ihnen darüber zu erbitten, warum Sie mich ohne Grund beleidigen”. “Sie von mir Rechenschaft erbitten”, war die erstaunte Gegenfrage, ”inwiefern habe ich Sie denn beleidigt?” “Sie haben mir als Pastor und Evangelischem Theologen geschrieben, daß ich keinen Glauben hätte, und eine größere Beleidigung gibt es für unseren Stand kaum. Aber damit wir nicht in neue Erregung kommen”, fuhr Pastor Zitzmann fort, der merkte, wie Pastor von Gerlach aufgeregt wurde, “darf ich Sie wohl bitten, daß wir uns zunächst setzen, und nun erlaube ich mir die Frage: Kennen Sie die Fragen, die Bruder Dühmke mir vorgelegt hat?” Der Ältere mußte verneinen, und der Jüngere nannte sie nun, wobei er bemerkte, wie ein Lächeln über die Züge seines älteren Bruders glitt. “Sie lächeln, verehrter Herr Bruder”, fuhr Pastor Zitzmann dann fort, “und mit diesem Lächeln zeigen Sie an, daß es schwer war kurz auf die Fragen Bruder Dühmkes zu antworten, wenn die Antwort befriedigen sollte. Aber damit Sie nun in Klarheit über meine Stellung zum zweiten Artikel kommen, so will ich sie Ihnen kurz darlegen, und Sie können dann fragen, was Ihnen beliebt. Die unumstößliche Tatsache meines Glaubens ist die Auferstehung des Herren im verklärten Leibe, wie sie uns von den Augenzeugen überliefert ist. Wenn ich aber dies annehme, dann kann ich nicht anders, dann muß ich, nach vorn und hinten gehend, alle Tatsachen bejahen, die der zweite Artikel von Christus nennt und Ihn als meine Herrn anerkennen.” Die Augen Pastor von Gerlachs wurden während der kurzen Ausführungen immer größer, und plötzlich kam es von seinen Lippen: ”Ja, wenn es so steht, dann sind wir ja gar nicht so weit voneinander entfernt, wenngleich Sie mir wohl bei der Verbalinspiration, auf der ich stehe, nicht folgen werden, denn ich möchte fast mit der Missouri-Synode auch die Agende inspiriert wissen. Unter diesen Umständen lasse ich alle meine Bedenken fallen, Sie bleiben sofort hier.”

    Pastor Zitzmann konnte dies nicht zusagen, da er noch seine Angelegenheiten in Leipzig regeln mußte und bat auch, vor endgültiger Zusage am Abend die anwesenden Diakonen versammelt sprechen zu können, da er befürchte, daß sich infolge des langen Zögerns in der Wahlangelegenheit bei ihnen Mißtrauen könne eingeschlichen haben. Die gern gewährte Besprechung verlief in schönster Harmonie und schuf bereits ein Band des Vertrauens zwischen dem künftigen Vorsteher und seinen künftigen Mitarbeitern. Als sich der Zoargast am anderen Morgen von seinem Gastgeber verabschiedete, war dieser vollkommen verändert. Frisch leuchteten die Augen des Kranken und ein feines, leichtes Rot war auf seinen Wangen zu sehen. Er konnte dankbar gestehen, daß er seit langer Zeit das erste Mal wieder die Nacht fest durchgeschlafen habe. Pastor von Gerlach reiste schon wenige Tage danach auf das Familiengut der Gerlachs, Rohrbeck in der Mark, zum Besuch seines Bruders, des Major a.D. Servatius von Gerlach, kurz darauf kaufte er das Kloster Königsberg in der Mark, in dem er wohnte, bis er sich einen schönen Sitz in Blankenburg am Harz erwarb. Hier konnte den im Ruhestande wieder rüstig Gewordenen sein Nachfolger an einem schönen, sonnigen Tage besuchen, um ihm von seinem Werke zu erzählen. Im bitterkalten Winter ging der Greis am 15. Februar 1929 heim. Seine Lebensgefährtin blieb in dem schönen Wohnsitz, rüstig und noch über die Achtzig das geliebte Klavier spielend bis sie 1945 die Augen schloß, nur wenige Stunden vor dem Einzug der Amerikaner in Blankenburg.

    Pastor Zitzmann traf ganz überraschend für Zoar am 3. August 1920 dort ein., gerade als man dabei war, die Girlanden zu seinem Empfang zu winden. Er konnte dies noch verhindern. Durch die Verhältnisse gezwungen mußte er die Arbeit aufnehmen, noch ehe er einen amtlichen Auftrag dazu erhalten hatte. Es traf sich schön, daß Anfang September der 39. Kongreß für die Innere Mission Innere Mission Deutschlands in Breslau stattfand. Da mit ihm eine Versammlung der Schlesischen Diakonenschaft verbunden war, so konnte der künftige Vorsteher gleich eine größere Anzahl der in der Provinz arbeitenden Zoarbrüder kennen lernen, auch wurde er durch Eingreifen in die Diskussion bei der Behandlung der Volksmission den anwesenden Personen Schlesiens bekannt. In diesen Tagen lernte ihn auch der Vorsitzende des Ehrenbrüderrates, der um die Brüderschaft hochverdiente Primarius Fuchs, kennen. Mit ihm und Superintendent Lindner Niesky/Ödernitz wurde vereinbart, daß die Einführung am Jahresfest Ende September stattfinden sollte. Um als Primus inter pares seine Werk zu tun, sollte der Einzuführende erst vor Primarius Fuchs das Diakonengelübde ablegen und als Diakon eingesegnet und dann vom Superintendenten des Kirchenkreises eingewiesen werden. Die Einführung des neuen Vorstehers am Dienstag, dem 28. September, trug in ihrer äußersten Einfachheit ganz den Stempel der entbehrungsreichen Zeit, in der sie stattfand. Hocherfreulich war es aber, daß trotz der hohen Fahrpreise ungefähr alle Diakonen anwesend waren und dazu eine sehr stattliche Anzahl von Ehrenbrüdern. Dem Jahresfest folgte am folgenden Morgen der Brüdertag. In ihm wurde auf Vorschlag des neuen Vorstehers der Altvorsteher zum Ehrenvorsteher ernannt. Bruder Kretschmer der in Rohrbeck, ganz nahe bei Königsberg/Mark als Schriftenmissionar arbeitete, erhielt den Auftrag, das von einem Jungbruder gezeichnete Diplom zu überreichen. Der Bericht Pastor Zitzmanns, der etwa 6 Wochen in die Verhältnisse Zoars hatte Einblick nehmen können, und die Kassenübersicht, die Bruder Gleisberg gab, zeigte sehr deutlich, welch große Anstrengungen notwendig waren, um das Haus, das der alte Vorsteher in seiner Antrittspredigt über Matth. 8,23-27 als ein sturmumtobtes Schiff geschildert hatte, ungefährdet durch die Unwetter zu leiten. Im Vertrauen auf den großen Herrn, der auch heute noch Sein: Schweige und verstumme! sprechen kann, ging die Brüderschaft an die Arbeit und deutlich durfte sie Seine Treue und Macht spüren.

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  • 7.Kapitel

    “Gott war mit uns, Er maß die Prüfungszeit --!”

    Wenn das Schiff in Not ist, dann gehören alle Mann auf Deck, und man darf nicht urteilen, daß sämtliche in Zoar tätigen Diakonen und Jungbrüder nicht bloß bis an den Rand ihrer Kräfte gingen, sondern oft weit über sie hinaus. Die meisten versahen zwei Ämter in einer Person. Der Hausvater von Gilead, Diakon Gleisberg übernahm gleichzeitig Kasse und Büro; es konnte ihm bald Herr Hugo Bachmann als einzige Hilfskraft zur Seite gegeben werden, den der Vorsteher im Kriegsgefangenenübergangslager Großporitsch kennen und schätzen gelernt hatte und der sich bittend an ihn wandte, weil er als Dolmetscher bei der Überwachungsstelle Emmerich aus Sprasamkeitsrücksichten abgebaut wurde. Vor allem hat er sich durch eine peinlich genau geführte Chronik verdient gemacht, die leider durch die Beschießung verloren gegangen zu sein scheint. Bethlehem wurde von dem an sich schon im Ruhestande lebenden Senior, Diakon Wilhelm Becker, der sich wieder sehr gut erholt hatte und der Brüderwitwe Pauline Klieser verwaltet. Hausvater Buckisch waltete neben seiner Arbeit in Hermon als einziger Bäcker in der Bäckerei seines Berufes. Hausvater Schimetzki, der im Laufe der Jahrzehnte ein äußerst tüchtiger Gärtner geworden war, versorgte neben dem Hause Zoar nicht bloß den Friedhof sondern erzeugte im großen Zoargarten soviel Gemüse, daß durch den Verkauf noch gutes Geld eingenommen erden konnte. Bruder Irmer, der Hausvaters des Wilhelmshofes, hatte an sich mit seinen Zöglingen reichlich zu tun, warf aber als ehemaliger Schuhmacher immer wieder einen wachsamen Blick in die Schuhmacherei, die im Ganzen damals nur von dem taubstummen Heinrich versorgt ward. Bruder Schrade der Hausvater von Pniel, bewies ein wunderbares Geschick, die Augen offen zu halten, um zu sehen, wo es einen vorteilhaften Kauf zu machen gab; ihm dankte es der Vorsteher auch, daß er nach etlicher Zeit nicht mehr die Revisionsgänge zu den in Stellungen befindlichen Jungen in der Umgegend zu Fuß zurücklegen mußte, denn sein Sohn Otto, Bürolehrling im Landratsamt, hatte aus allerlei altem Zeug ein “Fahrrad” zurecht gebaut, auf dem als “Dienstrad des Vorstehers” manche Fahrt geleistet werden konnte; leider fehlte für die Nachtfahrten die Laterne. So oft die Mittel für diese zusammen waren, war der Preis wieder um das Doppelte gestiegen. Sämtliche Diakonen waren sich darin eins, daß sie in dieser schweren Zeit kein Gehalt beziehen konnten. Nur für die Kinder gab es ein bescheidenes Kindergeld, sonst bestanden die Einkünfte lediglich aus freier Station, die die Hausväter mit ihren Familien in Natura bezogen. Die nicht aus den Heimküchen verpflegten Familien erhielten einschließlich des Vorstehers das, was auf Marken zu beziehen war, im rohen Zustande und für das sonst zu Kaufende bekam jeder zunächst monatlich 60 Mark für sich und die Familie, wobei zu bedenken ist, daß die Mark noch etwa 20 Pfennige galt und immer mehr sank. Erforderte schon dies eine große Opferbereitschaft, so gebot die Not des Hauses noch weiter zu gehen. Pastor von Gerlach hatte empfohlen, eine Hypothek von 30 000 Mark aufzunehmen, doch war dies unmöglich, weil man ja auf diese Weise Papiermark bekommen hätte, die dann als Goldmark zurück gezahlt werden mußte. Es blieb nichts andres übrig, als daß Brüder und Vorsteher zusammen legten, was sie bekämen, und so ward wieder ein Betriebskapital geschaffen, mit denen die Rechnungen, die reichlich aufgelaufen waren, bezahlt wurden. Die geliehenen Gelder wurden nach Stabilisierung der Mark von der Brüderschaft voll aufgewertet, doch forderten sämtliche Beteiligten nur die Hälfte zurück. Um möglichst die Ausgaben zu drosseln, übte man bereits damals die nachher in Deutschland vielgerühmte “Autarkie” in weitgehendstem maße, vor allem bei der Instandsetzung der durch den Krieg, in dem nichts erneuert werden konnte, sehr verbrauchten Häuser; aber auch Neueinrichtungen wagte man auf diesem Wege zu schaffen. Schon Pastor von Gerlach hatte geplant, Hermon durch Einziehen von Mauern zu einem Altherrenheim mit Einzelstuben umzubauen. Bei der Ausführung des Gedankens half Missionsanwärter Richter sehr wacker. Er, der als Bautechniker kurze Zeit praktisch auf dem Bau als Maurer gearbeitet hatte, führte die Halbsteinwände auf, zu denen Fa. Poetschke in großer Weitzügigkeit die Gerüste geliehen hatte; als allerdings dann “Vater Mücke” zum Putzen geholt wurde, weil Bruder Richters Kenntnisse nicht so weit reichten, war er sehr bedenklich, ob es möglich wäre, über das Kunstwerk des “Studierten” einen glatten Putz zu bringen; doch gelang es. Das Tünchen, in dem er selbst etwas Kenntnisse hatte, brachte der Vorsteher etlichen anderen bei, und so konnten nach und nach alle Zimmer in ein schönes Gewand gehüllt werden. Die alten Schiffer halfen sich, wie auch die Apostelgeschichte berichtet, in schweren Stürmen oft dadurch, daß sie das Schiff von zu schwerem Ballast befreiten. Nicht anders mußte es Zoar tun, Silberhammer, das im Ganzen nur mit Schulden gekauft worden war, war eine zu schwere Last. Wohl gaben sich Pastor Kohlschütter, der als Vorsteher dorthin versetzt war, und die Brüder Arlt, Thorand, Volkmann, Heinisch und Staehler, die dort tätig waren, ehrliche Mühe, die weiten Räume wieder voll zu belegen, aber das Hinterland des kleinen Freistaates Danzig war zu klein, um genügend Erziehungsbefohlene zu bekommen, zumal auch noch eine staatliche Erziehungsanstalt bestand. Die Zuschüsse, die das Haus von Rothenburg erforderte, waren so groß, daß sie nicht geleistet werden konnten, wenn nicht das Ganze in Gefahr kommen sollte. So waren es die Silberhammer Diakonen selbst, die zuerst den Gedanken äußerten, die überschuldeten Häuser möchten verkauft werden. Als der Gedanke Wirklichkeit wurde, war zwar der geldliche Erlös bei der Überschuldung nur gering, aber zwei Dinge waren erreicht. Zoar hatte eine Schuldenlast, die immer höher zu werden drohte, weniger zu verzinsen und es hatte dem dortigen Vorsteher und den Diakonen Beamtenstellen verholfen, so daß sie in einer Zeit, wo sehr viele Diakone abgebaut wurden, vor dem brotlos werden sicher waren. Auch die Breslauer Ambulante Krankenpflege konnte nicht mehr gehalten werden. Die Inflation zwang alle die Kreise, die ehedem in Krankheitsfällen um einen Pfleger gebeten hatten, zu äußerster Sparsamkeit, und aus diesem Grunde warteten die Brüder oft vergebens auf Arbeit. Bruder Klose und Frau wurden deshalb nach Zoar zurück berufen und übernahmen das sich immer stärker bevölkernde Bethlehem, das für Bruder Becker zu schwer wurde. Alle die Schwierigkeiten wurden noch schwieriger durch die furchtbare Inflation, unter deren Last das besiegte Deutschland seufzte. Der Geldwert entrann unter den Händen. Um mit dem noch gar nicht eingenommenen, sondern erst zu erwartendem Gelde wenigsten etwas anfangen zu können, mußte zu den merkwürdigsten Mitteln gegriffen werden. So fuhr jeden 27. des Monat Jungbruder Günther Richter, der unentgeltlich bei seinen Verwandten übernachten konnte, mit der fertigen Abrechnung nach Breslau. Am nächsten Morgen erhielt er die Pflegegelder ausgezahlt und brachte sie sofort zu den Firmen, um damit die Waren zu bezahlen, die erst in etlichen Tagen geliefert werden konnten. Doch größer als der Helfer war die Not auch hier nicht. Es hat Augenblicke gegeben, wo die Hilfe von oben mit Händen zu spüren war. So kam z.B. ein Morgen, an dem laut Rechnung, die der Postbote brachte, bei Androhung der Pfändung sofort 14 000 Mark gezahlt werden mußten. Kassierer, Vorsteher und Senior standen ratlos, bis der alte Bruder Becker sagte; “Das war erst der einfache Briefträger, der Geldbriefträger kommt erst noch, und ich bin überzeugt, er bringt was wir brauchen.” Bruder Beckers Glaube behielt Recht. Nicht bloß 14 000 Mark sondern noch 1000 Mark mehr stand auf dem Scheckabschnitt, der kurz danach eintraf. Wenn Gott hilft, dann tut Er es meist durch Menschen, und dankbar muß anerkannt werden, daß Zoar in seiner Not immer wieder neue Freunde erstanden. An erster Stelle muß da der nach Menschengedanken zu früh heimgegangene Pastor und spätere Superintendent Sudergat von Bernstadt in Schlesien genannt werden. Der Mann, der einst in seiner Jugend als Missionsanwärter der Berliner Mission in Zoar Betten für unsere Kranken gebaut hatte, und der dann lange Jahre treue Dienste als Pastor in Amerika geleistet hatte, weil ihm die Gesundheit nicht gestattete, auf das Missionsfeld zu gehen, hatte die Stätte nicht vergessen, wo er sich die ersten Sporen verdient hatte. Er, der mit seiner rein privaten Amerikahilfe unsagbaren Segen in Schlesien gestiftet hat, war der erste der tatkräftig eingriff. Ihm verdankte Zoar die Mittel mit denen man aus einem aufgelösten Lazarett Krankenkittel kaufte, damit die Frau Vorsteherin im Verein mit der wieder ins Leben gerufenen Schneiderei neue Hemden für Bethlehem schaffen konnte. Derselbe Helfer verschaffte dem Vorsteher eine neue Torpedoschreibmaschine, damit nicht wie bisher alle Schreibarbeit mit der Hand geleistet werden mußte. Er war es auch, der Pastor Zitzmann als erster zur Volksmission in seine Gemeinde berief. Manche Volksmissionswochen in Schlesien und anderswo folgten dieser ersten, und jede brachte neue Freunde und oft recht beachtliche Geldmittel. Zu dem helfenden Pastor traten andere liebe Menschenfreunde. Am Finanzamt Rothenburg wirkte als Revisor der Fabrikbetriebe in der Zeit der Inflation Finanzinspektor Poetschke-Schneider, der mit Pastor Zitzmann bald nach des Amtsantritt gut bekannt geworden war. Dieser menschenfreundliche Beamte erzählte gelegentlich einer Einsichtnahme in den Betrieb des Papierfabrikanten Walter Mehling in Neudorf bei Mücka diesem sehr sozial gesinnten Industriellen von der schweren Lage Zoars, und sofort wurde Herr Mehling einer der treuesten Freunde des Hauses. Er sandte nicht bloß umgehend einen großen Packen ganz wenig gebrauchter Anzüge und gut erhaltener Uniformen nebst neuwertiger Leibwäsche, sondern legte dem Geschenk zwanzig Flaschen vorzüglichen Südwein bei. Sie erwiesen sich bald als ein Gottesgeschenk. Wenige Tage danach setzte eine Art Grippeepidemie in Zoar ein, die besonders die pflegenden Brüder ergriff, und der köstliche Tropfen wirkte zum Glühwein bereitet geradezu Wunder. Einmal durfte der größte Wagen vom Wilhelmshof nach Neudorf gesandt werden und kehrte mit Briketts beladen wieder zurück; er half die Lücke zu füllen, die in dem stattlichen Kohlenvorrat entstanden war, zu dem der Glashüttenbesitzer Künzel, dessen jüngstes Töchterchen der Vorsteher getauft hatte, durch die Spende einer ganzen Lore geholfen hatte. Im Herbst 1922 drückte der treue Zoarfreund nach einer Besprechung dem Vorsteher 50 000 Mark Papiergeld in die Hand und Weihnachten danach 150 000 Mark. Bei dieser Gelegenheit sollte sich unser treuer Helfer zu dem aller größten Liebesdienst bereit erklären, den er Zoar erwies. Kurz vor dem Christfest rief der Vorsteher in den Rothenburger Ratskeller, über dem das Finanzamt seine Räume hatte. Herr Mehling wollte hier gern einen persönlichen Weihnachtswunsch Pastor Zitzmanns erfahren. Aber es sollte so sein, daß diesem keiner einfiel. Trotz allem Nachdenkens mußte er sagen: “Lieber Mehling, durch das reiche Geldgeschenk bin ich wunschlos glücklich!” -- erst später fiel ihm ein: Hättest dir doch eine Fahrradlaterne wünschen können. Doch es war so gefügt. Pastor Zitzmann faßte nämlich plötzlich einen Entschluß. Er sagte: “Einen Wunsch hätte ich wohl, nicht für mich sondern für das Haus.” - “Und der wäre?” -- “Manchmal kann ich kaufen und habe im Augenblick kein Geld, wenn ich es auch etwas später durch die Pflegegelder bekomme. Wenn Sie dann einmal für kurze Zeit für uns gutsagen könnten, so würde uns unter Umständen ein sehr großer Dienst erwiesen.” Herr Mehling entgegnete: “Mit dem Gutsagen, ist’s ein bedenklich Ding, doch sage ich nicht unbedingt Nein; wenn eine solche Gelegenheit kommt, dann wenden Sie sich ruhig an mich, und ich werde tun, was mit möglich ist.” Der Augenblick war nicht fern. In den ersten Tagen des Jahres 1923 stieg der Dollar auf 1000 Mark. Als diese Schreckensnachricht bekannt ward, klang es im Herzen des Vorstehers: Jetzt geht es nicht mehr weiter, wenn nicht etwas Besonderes unternommen wird. Am gleichen Vormittag ging er auf die Post, um sich in Neudorf anzumelden, -- denn der Fernsprecher war aus Sparsamkeitsgründen abgegeben worden. Der Besuch wurde fernmündlich angenommen, und bereits am Mittag fuhr der Vorsteher 4. Klasse bis Mücka, um dann durch tiefen Schnee nach Neudorf zu wandern. Nach längerem Warten kam Herr Mehling, der eine wichtige Sitzung mit auswärtigen Vertretern der Papierbranche hatte, aus seinem Privatkontor heraus. Es folgte eine kurze Begrüßung, dann erinnerte Pastor Zitzmann an die Zusage und bat: “Wenn es Ihnen möglich ist, so sagen Sie bitte jetzt für zwei Millionen für uns gut.” Ein kurzes Überlegen, und die Gegenfrage: “Auf wie lange?” -- “Auf höchstens sechs Wochen.” Wieder ein kurzes Überlegen, und Herr Mehling ging an den Fernsprecher, verlangte die Communalständische Bank Görlitz und gewährte ihr gegenüber die Bitte. Dem bewegt dankendem Vorsteher wurde schnell noch eine wunderbare Zigarre angeboten, dann bat ihn der treue Helfer: “Entschuldigen Sie bitte, daß ich mich Ihnen nicht länger widmen kann, da ich mehrere Herren bei mir habe, mit denen ich dringend verhandeln muß.” - und der beglückte Wanderer aus Rothenburg stand wieder draußen. Noch in Mücka wurde für die Summe telegraphisch eine große Sendung von lange haltbaren Lebensmitteln bestellt und das Geld ebenfalls telegraphisch angewiesen. Es währte etwa eine Woche, da kam die große Sendung an. Sie wurde sicher bewahrt und in den allerschwersten, noch folgenden 11 Monaten der Inflation verbraucht. -- Zu einer Hilfsaktion ganz eigener Art erweckte Ehrenbruder Primarius Fuchs den Mut der Brüderschaft. Sie ließ, wie es viele Städte taten, “Notgeld” drucken, das von Sammlern gern gekauft wurde. Neben dem “Kleingeld”, das mit 10 Pfennig beginnend und mit 10 Mark endend in durchsichtigen Umschlägen verkauft wurde, gab es auch Großgeld in 50 Mark, 100 Mark und 300 Markscheinen. Sogar auf dem Amtsgericht in Rothenburg waren sie deponiert, und es gelang Ehrenbruder Justizinspektor Fritze, >der die Kasse führte, des öfteren an einen glücklichen Prozeßgewinner einen Schein abzusetzen. Mit ihm freute sich dann unser gleich treuer Freund und Ehrenbruder, der spätere Landgerichtspräsident Dr. Leske, der damals Gerichtsrat in Rothenburg war und mit seiner Familie regelmäßig an den Sonntagsgottesdiensten im Kripplein Christi teilnahm. - Als treuer Freund Zoars bewährte sich auch der damalige Landrat von Rothenburg, Herr Johannes Großmann. Gern stand er mit seinen sämtlichen Beamten jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung des Hauses; sie wußten alle, daß sie damit im Sinne der Provinzialverwaltung in Breslau handelten. Über diesen großen Helfern sollen die nach Hunderten zählenden Freunde Zoars nicht vergessen sein, die hin und her besonders in Sachsen und Schlesien verstreut wohnten. Bei den Volksmissionen und Vorträgen des Vorstehers waren sie zu einem großen Freundeskreis zusammen geschlossen worden, der monatlich in den Blättern von der “Zoarlinde” Nachricht über Brüder- und Pflegehaus erhielt. Einer von ihnen, ein Zimmermann in Petersdorf, dessen Name leider unbekannt geblieben ist, durfte die Frühlingsschwalbe sein, die noch in der schwersten Inflation einen Lenz ahnen ließ. Unter dem Riesenberg von Papiergeldscheinen, die nach jedem Vortrag der Volksmission auf dem Tisch lagen, fand sich auch stets ein winzig kleines Scheinchen dunkelblau auf weiß gedruckt, mit dem Aufdruck: Zwanzig Goldpfennige! Ganz in der Ferne sah man da eine kleine Hilfe aufleuchten, und ganz plötzlich ward sie Wirklichkeit. Im November 1923, als die Goldmark den Wert von 2 Billionen Papiermark erlangt hatte, trat die Stabilisierung der Währung ein, und es waren die Voraussetzungen eines neuen Wirtschaftslebens gegeben.

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  • 8.Kapitel

    “Nach dem Sturme fahren wir sicher durch die Wellen”

    Wie in der Natur der Frühling oft über Nacht kommt, so war der Lenz einer neu aufblühenden Wirtschaft über Nacht eingezogen, und sprossendes Leben regte sich überall. Nur, wer das Ende 1923 und den Anfang 1924 bewußt erlebt hat, weiß, was man plötzlich für einen Pfennig kaufen konnte und schier rätselhaft war es, was man für wenig größere Summen erhielt. Unter diesen Umständen war es auch Zoar möglich, sich bald reichlich mit neuen Wäschevorräten und neuen Stoffen einzudecken, die in der Schneiderei, die nun Meisterdiakon Edler anvertraut war, zu Anzügen verarbeitet wurden. In der Schuhmacherei, die in der allerschwersten Zeit der aus Oberschlesien geflüchtete Meister Laube übernommen hatte, wurden neue kernige Schuhe fabriziert und auch nach auswärts vorzügliche Schaft- und Langstiefel nach Maß gefertigt, die in der ganzen Umgegend begehrt waren. Unter diesen günstigen Umständen regten sich auch bald Wünsche zum Bauen. Auf Bitten des jungen Bruder Kutter, der anstelle Bruder Schrades das Gut Pniel “in den Feldern” übernommen hatte und in ihm mit ganzer Hingabe Erziehungsarbeit an Jungen zwischen 14 und 21 Jahren trieb, wurde bereits 1925 ein Stallgebäude aufgeführt, das eigene Schweinezucht ermöglichte, und unter dessen Dach auch die Tischlerei Platz fand, die Tischlermeister Schäfer übernommen hatte, der später wie auch Meister Laube als “Mitbruder” in die Brüderschaft aufgenommen wurde. Noch im Winter 1925 wurde ein neues kleines Werk in Angriff genommen. Da neue Plätze für Schwachsinnige leichteren Grades von der Provinz dringend begehrt wurden und da sie wegen der hohen Kosten nicht selbst zu bauen wagte, entschloß sich Zoar, in dem großen Boden des Hauses Bethlehem neue Stuben für Alte zu errichten. Gerade weil diese schiefe Wände hatten, waren sie recht gemütlich. Traulich sollten die neuen Räume auch dadurch werden, daß aus ihnen alle Nummern verbannt wurden. Jedes Zimmer trug einen besonderen Namen und auch die einzelnen Betten wurden dementsprechend benannt. Ein Zimmer, das aus den Geldern erbaut wurde, das die Schulkinder des Kreises gesammelt hatten, hieß “die Schulstube” und in ihr waren die Betten “des Lehrers”, “des Kantors”, “des Direktors” und des “Schulrates”. In den übrigen Zimmern bekam jeder Ehrenbruder ein kleines Denkmal gesetzt. Nach Ehrenbruder Fuchs war der “Fuchsbau” genannt; in ihm schlief der “Rotfuchs”, der “Blaufuchs”, der “Schwarzfuchs” und der “Silberfuchs”. Nach Ehrenbruder Marinepfarrer Hühnermörder hieß ein Zimmer der “Hühnerstall”. In ihm wurde gleichsam das Kinderlied: “Fuchs du hast die Gans gestohlen” aufgeführt. Es gab da den “Jäger”, “den Hahn”, “die Henne”, und “die Gans”. Was oben begonnen war, wurde im unteren Stockwerk weiter geführt. Nach Ehrenbruder Max Schäfer waren zwei kleinere Zimmere benannt. In der “Maxklinik”, die ja von Breslau her jedem Schlesier bekannt war, wohnte der “Chefarzt”, “der Assistenzarzt” und “der Patient”. In der “Schäferhütte” lagen nach dem Gedicht von Bürger der “Schäfer”, der “Kaiser” und “der Abt” beieinander. Der große Krankensaal erhielt nach Pastor Martin von Gerlach den Namen “die Martinsklause” und jeder Kranke in ihm hatte einen Namen, nach den Personen des gleich benannten Romans von Ganghofer. Diese Namen bereiteten den Patienten viel Spaß und ermöglichten gleichzeitig genaue Kontrolle über die Bettwäsche, da die betreffenden Namen und dahinter die Nummern “1”, “2” und “3” mit der Stickmaschine in diese groß eingestickt waren. Das System, das sich vorzüglich bewährte, wurde nach und nach in sämtlichen Häusern durchgeführt. Alle hatten sie weiße Wäsche mit roter Stickerei.

    Das Jahr 1926 brachte eine Anfrage der Provinzialverwaltung Schlesien. Sie hatte beabsichtigt, ein Haus für 60 bildungsfähige aber schwachbegabte Schulentlassene zu errichten. Die Summe von 3000 Mark, die man dort als Baubedarf für den Kopf errechnet hatte, war der Verwaltung zu hoch und sie erkundigte sich, ob Zoar sich getraue, den Bau billiger auszuführen. Die nötige Summe wollte sie gegen Verzinsung und Amortisation in 30 Jahren leihen. Nach eingehender Berechnung mit dem treuen Freunde des Hauses, Baumeister Roder, der als rechte Hand dem alt gewordenen Baumeister Poetschke zur Seite stand, konnte der Vorsteher nach Breslau berichten, daß er mit 2000 Mark für den Kopf, also für die Summe von 120 000 Mark den Bau wage. Daraufhin wurde der Vertrag abgeschlossen und im April 1926 mit dem Bau begonnen; bereits am Jahresfest im September konnte die Weihe vollzogen werden. Der Weiherede des Vorstehers lag Apg. 20,10 zu Grunde. Die künftigen Bewohner des Hauses mit dem schwerverletzten Eutyches vergleichend, mahnte er seine Mitarbeiter: Machet kein Getümmel, denn seine Seele ist noch in ihm! Wir wollen sie wecken!, und gab nun dem Hause den Namen der Stadt Troas, in der Eutyches gelebt hatte. Als Hausvater zog Meisterdiakon Schimpke der bis dahin die Schmiede verwaltet und sich oft als Kunstschmied bewährt hatte, mit Frau und Kindern in das neue Heim ein. Damit er diesem seine volle Kraft weihen konnte, wurde für die Schmiede der Altgeselle Wilhelm Polenz eingestellt.

    Das gleiche Jahr 1926 gab der Brüderschaft Gelegenheit, für ihre Altdiakone das Haus “Abendfrieden” in Tormersdorf zu kaufen, zu der auch die Plantage mit 400 Apfelbäumen gehörte. Das Haus, vor dem sich ein weiter Garten breitete und von dem aus man nur wenig Schritte in die Görlitzer Heide mit ihren rauschenden Kiefern hatte, bot nach dem Umbau Platz für 5 Parteien. Der Kauf wäre unmöglich gewesen, wenn nicht der Jagdherr Baron von Kittlitz, ein vielseitig begabter Mediziner auf Schloß Zoblitz, in entgegenkommender Weise die Anzahlung zum größten Teil vorgestreckt hätte. Da sich die Belegschaft Zoars durch die neuen Bauten stark vergrößert hatte, machte sich ein neuer stärkerer Brunnen notwendig. Bei seiner Errichtung gab es ein interessantes Erlebnis. Mit der Wünschelrute war eine starke Quelle gefunden worden, die aber gerade mitten in einem Nebenwege lag, der kassiert werden mußte, wenn man den Brunnen dort baggern wollte. Der Brunnenbaumeister war der Ansicht, wenn die Quelle wirklich stark sei, dann könne man den Brunnen auch etwa zwei Meter von der Stelle entfernt in das Seitenland legen. Es wurde nun gebohrt, doch selbst bei acht Metern war noch kein Wasser zu finden; als man aber dann an der gewünschten Stelle suchte, quoll schon bei drei Metern überreiches Wasser. Nachdem das Werk beendet war, bat Zoar seinen Nachbar, Herrn von Martin, um dessen Motorspritze. Sie arbeitete eine Stunde lang, aber der Wasserspiegel sank nicht um einen Zentimeter.

    Noch ein Geschenk sollte das Jahr 1926 der Brüderschaft bringen. Im Frühjahr hatte unter Vorsitz des Generalsuperintendenten D. Schian in Breslau eine große Versammlung getagt, die sich mit dem Elend der Jungwanderer beschäftigte, die die Arbeitslosigkeit von Zuhause weggetrieben hatte, und die in ihrer Verlassenheit zu Vagabunden zu werden drohten. Um vor allem den Ehrlichen unter ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, wurde auf Vorschlag des Vorsitzenden Pastor Zitzmann beauftragt, eine “Jungwandererkolonie” zu gründen. Wunderbarerweise bot kurz danach ein in schwer bedrängten Lage lebender Mann sein Anwesen zum Kauf an. Es war das kleine Rittergut Leuthen mit 338 Morgen Grundbesitz. Das Anwesen lag fast 25 Km von Zoar entfernt in Kreise Sagan, unmittelbar an der Brandenburger Grenze. Der bisherige Besitzer wollte auf jeden Fall die Zwangsversteigerung vermeiden und verlangt nur 30 000 Mark als Kaufpreis. Bei dem augenblicklichen Zustand des Gutes, das nur noch zwei Pferde und zwei Kühe und kaum noch Waldbesitz hatte, war der Kaufpreis entsprechend, und der als Sachverständiger herzu gezogene Dr. Braune von Lobetal, riet zum Erwerb. Der Centralausschuß für die Innere Mission in Berlin, der sich sehr für die Sache interessierte, stellte auf Bitten des Vorstehers auf etliche Jahre ein Darlehen von 40 000 Mark gegen Verzinsung zur Verfügung, da ja vieles angeschafft werden mußte, und der Kauf wurde bei dem Amtsgericht in Halbau vollzogen. Die Verwaltung der Kolonie wurde in vollem Vertrauen in die Hände von Bruder Kutter und Frau gelegt, die sich in Wilhelmshof vorzüglich bewährt hatten. Unter den neuen Hauseltern blühte die Kolonie und das Gut wunderbar auf. Anstatt der zwei Pferde standen bald drei im Stalle. Die zwei Kühe vermehrten sich nach und nach mit Jungvieh auf 20 Stück und auch der übrige Viehbestand an Schweinen und Federvieh ward bedeutend zahlreicher. Die Felder wurden in Kultur gebracht, und sogar Weizen konnte angebaut werden. Den abgeholzten Wald schonte der neue Hausvater neu an, und er gedieh recht gut. Als später für Zoar ein Traktor angeschafft wurde, konnte auch für Leuthen ein solcher bewilligt werden. Die Kolonie vermochte ihn aus eigenen Mitteln zu bestreiten, da sie in dem Glassand, der unter den Wäldern lag und abgebaut wurde, eine gute Einnahmequelle besaß. Jungwanderer meldeten sich allerdings nicht in der Menge, wie man erst gedacht hatte, aber manches erwachsene Sorgenkind konnte aufgenommen und gefördert werden. Freilich für den Vorsteher bedeutete der neue Erwerb eine starke Arbeitsvermehrung. Wenigstens alle 14 Tage mußte er nach dem Sonntagsgottesdienst in Zoar mit dem Rade nach der Kolonie fahren und kam dann erst in der elften Stunde wieder nach Hause, nachdem er Gottesdienst in dem großen Speisesaal, der sogar eine kleine Orgel besaß, gehalten und alles sonstige Notwendige geregelt hatte. Bisweilen war seine Anwesenheit auch in der Woche notwendig. Ein Tag blieb ihm unvergeßlich, an dem er fernmündlich dringendst sofort um seinen Besuch gebeten wurde, ohne daß es möglich war, den Grund zu erfahren. Als er ankam, wurde ihm die traurige Tatsache gemeldet, daß ein sonst vollkommen harmloser Pflegling von knabenhaftem Wuchse, der in Leuthen in einem Bauergute in Stellung gegeben war, seinen bejahrten Brotherrn und dessen Frau mit dem Kartoffelstampfer erschlagen hatte, weil die schon etwas wunderliche Bäuerin seinem Lieblingskaninchen etwas zu Leide getan hatte. Der alte Bauer war im 70er Kriege der Bursche des damaligen Leutnants und nunmehrigen Reichspräsidenten von Hindenburg gewesen.

    Da der um das Wohl des Vorstehers geradezu väterlich besorgte Ehrenbruder Landrat Großmann von den dauernden weiten Radtouren eine gesundheitliche Schädigung befürchtete, so beantragte er die Anschaffung eines Autos und stellte 1000 Mark Beihilfe vom Kreis für Zoar in Aussicht, wenn das Auto offen wäre und 1500 Mark, wenn man ein geschlossenes anschaffte. Die Frage wurde so gelöst, daß der Vorsteher das Fahrzeug durch Abzahlung auf eigene Kosten kaufte und die Summe durch die Kilometergelder bestritt, die er von den Provinzen für die Besuche bei den Zöglingen, die in Stellung waren, erhielt.

    Nachdem der Troasbau vollendet war, wurde der bei ihm bewährte Polier Becker, der sich nach einem ruhigen Posten sehnte, als Hofmaurer angestellt. Es war nun nicht bloß möglich, kleinere Baulichkeiten in eigener Regie herzustellen, sonder es konnten auch Zöglinge zu Maurern angelernt werden, die dann bei der Firma Poetschke, auf deren Lehrlingsrolle sie standen, ausgelernt und geprüft wurden. Von großem Vorteil war es auch, daß jetzt mit der eigenen Herstellung von Zementsteinen in größerem Volumen als die Ziegelsteine begonnen wurde. Mit ihrer Hilfe war es möglich, sehr billig und doch gut zu bauen. So konnte bereits 1927 die Tischlerei in Wilhelmshof nach Süden erweitert werden. In dem lichten, weiten Raum, der durch den Neubau entstand, hatten neben den Maschinen, die neu angeschafft worden waren, zehn Hobelbänke Platz. Damit war die Zoartischlerei die größte am Platz geworden. Außer im Maurer- und Tischlerhandwerk konnten Lehrlinge in der Bäckerei, der Schneiderei, der Korbmacherei, der Bürstenbinderei, der Buchbinderei, der Schuhmacherei, der Holzbildhauerei herangebildet werden. Auch durch das Büro ging ein Lehrling, der später Direktor eines großem Unternehmens in Berlin wurde, wo er den Bomben zum Opfer fiel.

    Leider wurde Polier Becker der Brüderschaft bald durch frühen Tod entrissen, doch fand sei sehr guten Ersatz, als Meister Fritz Wende an seine Stelle trat. Das erste Werk des neuen Mitarbeiters war das Pfortenhaus. Es war den Brüdern immer ein häßlicher Anblick gewesen, daß sich gleich am Eingang Zoars zwei alte Kohlenställe befanden, zwischen denen sich gern allerlei Schmutz ansammelte. Das Ärgernis wurde beseitigt, als nun an ihre Stelle ein Keller trat, über dem sich das Pfortenhaus erhob. Es bot zunächst eine Pförtnerstube, von der aus das Tor mit kleiner Eingangspforte, das Meisterdiakon Schimpke in feiner Kunstschmiedearbeit gefertigt hatte, beobachtet werden konnte. Neben der Pförtnerstube fand sich ein schöner weiter Ausstellungsraum, in dem alles zu sehen war, was Zoar in seinen sieben Werkstätten herstellte. Meister Wende, der besonders im Kunstputz vorzügliches leistete, prägte an der Ostseite in wetterfesten, großen Buchstaben den trutzigen Vers: Gottes Wort und Luthers Lehr vergehen nun und nimmermehr!, in die Mauer ein, und der junge Meisterdiakon Beckert der die Prüfung als Tischler und Holzbildhauer abgelegt hatte, zierte die Westseite mit einer Figur des Reformators, die abends von oben elektrisch beleuchtet wurde. Am 450. Geburtstag Martin Luthers ward das kleine Denkmal abends bei Fackelschein geweiht.

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    Etwas vor dieser Zeit wurde auch der Posten des Nachtwächters eingeführt, den die Jungdiakonen reihum versahen. Um zehn Uhr sangen die fünf Brüder vom Dienst gemeinsam das “Wächterlied”, dann erstatteten sie dem Vorsteher die Abendmeldung über die Häuser, und von nun an blieb nur der Wächter auf seinem Posten, der stündlich den Wächtervers sang. Früh, um vier Uhr, nachdem das “Alle Sterne müssen schwinden, tut die Sonn den Tag verkünden, Gott sei Dank, der diese Nacht uns in Gnaden hat bewacht”, verklungen war, durfte er sich in der Pförtnerstube schlafen legen.

    1928 wurde der große Kuhstall für 24 Großhaupt errichtet und damit der erste Schritt zu der Erweiterung des Gutshofes Pniel getan. Den Plan dazu hatte Inspektor Bonfig von der Stinnes´schen Gutsverwaltung in Biehain entworfen. In den beiden nächsten Jahren wurde an den Stall erst die Schweizerwohnung angebaut, die für einen Bruder gedacht war, der die Melkermeisterprüfung abgelegt hatte und fähig war, Lehrlinge unter den Zöglingen in seinem Handwerk auszubilden. Dann folgte die große unterkellerte Scheune nach, die im Verein mit dem geräumigen Mansardboden über dem Kuhstall die gesamte Ernte an Getreide und Heu aufnehmen konnte, soweit letzteres nicht schon über dem Pferdestall mit Futterschacht untergebracht war.

    1930 wurde der erste Schritt zum künftigen Brüderhaus getan. Der bisher wenig schöne und zu klein gewordene Brüdersaal wurde durch einen Anbau nach Osten stark vergrößert. Es war ungefähr das letzte Werk des letzten Maurers, der Gewölbe zu mauern verstand, - Maurer Horschke in Bremenhain -, daß gleich feste Gewölbe aufgeführt wurden, die den bereits vorhandenen an Schönheit und Festigkeit nichts nachgaben. Die bis dahin einfachen Glasfenster wurden zu Spitzbogenfenstern mit echten Butzenscheiben umgeformt. Nach Osten wurde ein dreiteiliges Fenster nach dem Muster des Dürerschen Gemäldes: “Der Heilige Hieronimus im Gehäus!” errichtet, das in seinem Bogen den Gründer des Hauses, Pastor von Gerlach zeigte. In den Spitzbogenfenstern sah man die übrigen bei der Gründung beteiligten Personen: Fräulein Holscher als frühere Besitzerin, Oberpfarrer Ulbrich als der Mann, der die Brüderschaft nach Rothenburg gewiesen hatte, Bruder Becker als der erste Diakon. Die kunstgeübten Hände Meisterdiakon Schimpkes zierten den weiten Raum mit drei Kronleuchtern, die in der Mitte eine Laterne mit Kathedralglas hatten, die durch eine starke Birne erleuchtet wurde, die aber auch für natürliche Kerzenlichte geeignet waren, die bei besonderen festliche Abenden angezündet wurden. Der junge Meisterdiakon Beckert hatte die Wände, die mit Holz verkleidet waren, mit feinen Skulpturen geschmückt, die in großen Zügen die Kirchengeschichte Deutschlands und Schlesiens darstellten und hatte seine Kunst auch auf Ton übertragen, denn auch der große Mittelofen und die beiden Seitenkamine, in denen bei besonderen Feiern offenes Feuer loderte, waren mit Skulpturen geschmückt. Ein besonderes Zierrat für den Raum war der feine Prunkschrank, der in seinem unteren Teil fleißige Arbeiter auf dem Felde und schmausende Menschen am gedeckten Tische zeigte und in den oben die Worte Goethes eingeschnitzt waren: Tages Arbeit, Abends Gäste, Saure Wochen, Frohe Feste. Der Schrank barg in sich die grünen Römer, aus denen bei den Brüderhochzeiten getrunken wurde, denn jeder eingesegnete Diakon, der die Braut heimführte, die ihre Probezeit in Zoar geleistet hatte, hatte das Anrecht darauf, daß ihm die Hochzeit mit 25 Gedecken ausgerichtet wurde. Dieser kleineren Feier am Nachmittag folgte dann der allgemeine, meist erweiterte Brüderabend. Der schönste Schmuck des Hauses war das Kruzifix, das die Evangelischen Frauen von Rothenburg zu einem Weihnachtsfest der Brüderschaft geschenkt hatten. Frau Oberpfarrer Stock und ihr Schwester Fräulein von Bohlen, hatten es aus Oberammergau kommen lassen.

    Über den neu errichteten Teil des Brüdersaals, der bereits den Mansardenstil aufwies, in dem das ganze Brüderhaus gedacht war, waren etliche Gastzimmer erbaut, neben ihm befand sich der große Unterrichtsraum nach Süden und der Speiseraum, in dem auch das Klavier zum Üben stand, nach Norden. Ein lang gehegter Wunsch konnte bei dem Bau in Erfüllung gehen. Zoar bekam an Stelle der “Schelle”, die vor dem Bodenfenster über der Schuhmacherei hing und zum Gottesdienst “schellte”, zwei Bronzeglocken, die in dem kleinen Türmchen - einer Nachbildung des Rothenburger Rathausturms - über dem Brüdersaal Aufnahme fanden. Die eine von ihnen bildete gleichzeitig das Denkmal für die im Weltkrieg gefallenen Brüder und ist mit dem eisernen Kreuze geschmückt. Diese besondere Bestimmung erhielt die Glocke der Brüderschaft im Kriege. Sie war bereits während einer Dienstreise des Landrats Blendermann ungefähr mit Gewalt abgenommen worden. Als aber der Vorsteher sofort nach dessen Rückkehr bei ihn vorstellig wurde und auf den Dienst hinwies, dem die Glocke den gefallenen Helden zu leisten hatte, wurde sie von dem in jeder Weise billig denkendem Beamten zurück gegeben. Gern hätte der Vorsteher damals das Brüderhaus weiter gebaut, doch war ja Zoar nur auf die Einnahmen angewiesen, die es aus seiner Arbeit bekam, und so mußte vor allem das Pflegehaus zuerst sachgemäß ausgebaut werden.

    Da sich im kalten Winter 1930 bei einer Scharlachepidemie die bisherige Deckersche Isolierbaracke als zu kalt erwiesen hatte, so galt es im nächsten Jahre zunächst ein Isolierhaus zu errichten. Zu diesem Zweck wurde vorschriftsmäßig 30 Meter vom nächsten Hause entfernt die “Stille” gebaut. Da man hoffen durfte, daß sie wie ihre Vorgängerin wohl kaum je für ihren eigentlichen Zweck gebraucht wurde, so bestimmte man das Gebäude von vornherein zur Aufnahme der Kursusbrüder. Dem entsprechend war auch die Einrichtung des großen Arbeitsraumes. Er hatte an den Fenstern je einen Schreibtisch für je zwei Brüder und in der Mitte einen für sechs oder acht. Damit sie sich beim Arbeiten nicht störten, waren die Tische so eingerichtet, wie man es in den Universitätsbüchereien öfters findet. Kleine, leichte Scheidewände hinderten die Brüder daran, sich beim Arbeiten zu stören.

    Das gleiche Jahr 1931 brachte noch den Bau des Wasserturms im Pniel, das in diesem Jahre auf Bitten der Provinzialverwaltung, die ihre Zöglinge dorthin gab, den Namen Wilhelmshof erhielt, während der frühere Wilhelmshof in Pniel umbenannt wurde. Zwischen dem Wasserturm und dem Kuhstall wurde ein massiver Wagenschuppen errichtet, über dem später noch ein Haus für Altdiakone entstehen sollte, denn die Brüderschaft war bemüht, jedem in ihrem Dienst bewährten und alt gewordenen Diakon freie Wohnung für sich und die Frau bzw. wo notwendig für die Familie zu gewähren.

    1932 entstand zwischen Pniel und Bethlehem ein großer massiver und im Winter heizbarer Arbeitsraum. Seine Hauptaufgabe war, die Herstellung von Zementsteinen auch im Winter zu ermöglichen. Daneben sollte das Gebäude aber auch dazu dienen, bei großen Festlichkeiten eine große Schar von Gästen aufzunehmen. Aus diesem Grunde war am südlichen Ende eine große Küche mit Kochmaschine und Kessel eingebaut worden. In ihr befand sich auch die “Brücke” zur Aufnahme des Filmapparates, mit dessen Hilfe Vorführungen in dem über 400 Menschen fassenden Saale stattfinden konnten. Mancher schöne Sonntagabend wurde auf diese Weise der Zoargemeinde bereitet. Als Filmoperateur arbeitete Meisterdiakon Fiedler, der auch den Vorsteher im Auto begleitete, wenn dieser den Zoarfilm in Schlesien, Sachsen ja bis nach Thüringen auf Vortragsreisen vorführen ließ.

    Eine besondere Aufgabe hatte die Not der Zeit in diesem Jahre der Brüderschaft gestellt. Der Rat der Stadt Rothenburg plante ein Jugendnotwerk. An jedem Mittag sollten junge, arbeitslose Männer ein kräftiges Essen erhalten, und um keine unnötigen Kosten entstehen zu lassen, bat er die Brüderschaft, gegen Entschädigung den jungen Leuten den Tisch zu decken. Der Vorsteher, der in der Arbeit ein Stück Volksmission sah, nahm den Auftrag unter der Bedingung an, daß die Teilnehmer sich verpflichteten, vor und nach dem Essen je eine Stunde zu arbeiten. Die Sache glückte recht gut. Ja, als es gelang, die eigentlichen Wilhelmshöfer unter Benutzung augenblicklich noch unbenutzter Räume etwas enger zu legen, ward aus dem Jugendnotwerk ein freiwilliger Arbeitsdienst, zu dem sich fast alle meldeten. Zu den Wilhelmshöfern in der blauen Kluft mit braunem Kragen und zu den Trojanern in der roten Kluft mit grünem Kragen traten nun die Arbeitsdienstler in der grünen Kluft mit schwarzem Kragen. In der Führung leistete der von Zoar bestimmte Bruder Müller und der von den jungen Leuten aus ihren Reihen gewählte Noeser Kurt Schwalbe recht Gutes, und es war für die jungen Leute ein schwerer Schlag, als kurz nach der “Erhebung” die Christlichen Arbeitsdienste aufgelöst wurden und sie, soweit sie nicht Arbeit nachweisen konnten, in den Arbeitsdienst der Partei übertreten mußten. Ehe dies geschah, konnten die jungen Leute noch bei einem dringend notwendigen Werke helfen. Zoar war bis dahin nicht gepflastert. Herbst und Winter und erstes Frühjahr bedeuteten außer in Frosttagen eine Katastrophe, da man beim Gehen oft tief versank. Dazu kam ein anderes. Mitten im Hof standen Holz-, Kohlen- und Kleintierställe, die in ihrem fast baufälligen Zustande keinen schönen Anblick boten. Hier Änderung zu schaffen, war der Wunsch aller. Die Tiere waren leicht unterzubringen, da die gesamte Landwirtschaft auch von Pniel, wo solche getrieben worden war, nach dem neuen Wilhelmshof verlegt wurde. Dorthin wurden nun alle Abfälle, die zum Verfüttern waren, geliefert und dies gab von den selbst geschlachteten Schweinen an die Häuser ab. Holz und Kohlen mußten, wenn nicht neue Ställe im Hof entstehen sollten, unter der Erde verschwinden. Aus diesem Grunde wurde am nördlichen Ende der Bäckerei ein Keller errichtet, der alles Heizmaterial aufnehmen konnte. In dem nun planierten Hofe wurde eine breite Fahrstraße errichtet, die unmittelbar auf die Kapelle zu führte und zu ihrer Seite ward ein Bürgersteig gebaut, zu dem rote Platten auf einer Presse selbst hergestellt wurden. Als ein Landesbaumeister die Bauweise, die sich Meister Wende selbst ausgedacht hatte, sah, war er für die Sache hoch interessiert und verschaffte Zoar eine ganze Lore Zement umsonst.

    Ein Lieblingswunsch wurde in dieser Zeit allen, besonders aber dem alten freundlichen Senior Becker erfüllt. Der alte Schlesier sehnte sich nach “einer Uhre”, die mit ihrem Stundenschlag alles zur Pünktlichkeit mahnte. Eines Tages ließ sie von Gilead aus ihre Stimme erschallen.

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    Mitten in den Beginn dieser Arbeiten kam die Machtübernahme durch die NSDAP. Sie brachte sofort starke Änderungen. Nicht bloß der FAD der Brüderschaft wurde aufgelöst sondern auch die körperlich gesunden Wilhelmshöfer wurden nach Wohlau gebracht, um dort SA-mäßig erzogen zu werden. Nur die, die den körperlichen Anstrengungen nicht gewachsen waren oder sonst Anstoß erregten, - vor allem auch durch ihren nicht reinarischen Stammbaum, - kamen zurück und andere mit ihnen, die aus anderen Heimen und Anstalten nach Wohlau gekommen waren. Für die “Trojaner”, unter denen sich mancher als bildungsfähig erwiesen hatte, war unter der neuen Regierung kein Interesse mehr vorhanden. Die einen wurden nach Hause entlassen, die anderen wurden unter die eigentlichen Pfleglinge aufgenommen. So stand das neueste und schönste Haus leer. Ein billig denkender unter den führenden Männern, Oberinspektor Franke. Breslau, dem Zoar leid tat, weil es plötzlich derartig entvölkert wurde, fragte an, ob man wohl die bisherigen Insassen des Landesarbeitshauses in Liegnitz aufnehmen würde, da dieses zu einer SA-Kaserne benötigt wurde. Da die Zahl ungefähr der Aufnahmefähigkeit des Hauses entsprach, so nahm der Vorsteher das Angebot gern an. Die Männer kamen, sie wurden in Troas aufgenommen, aber es dauerte nur wenig Wochen, und das neue saubere Haus war durch die neuen Gäste so verwanzt, daß die Insekten sogar in die Hausvaterwohnung eindrangen. Schleunigst wurde durch Desinfektion mit Blaugas, die 1400 Mark kostete, dem Übelstand zu Leibe gegangen; als aber die von ihrer Last Befreiten wieder in die reinen Räume zurück gekehrt waren, wurden sie in ein leer gewordenes Provinzialgebäude überführt; nur etliche durften auf ihre besonderen Bitten bleiben, - es waren die Besten, die sich in Zoar wohl fühlten; unter ihnen eine ehemaliger Schlosser, der durch unglückliche Familienverhältnisse zum Trinker geworden war, und der dem Hause noch viele gute Dienste leistete.

    Gerade bei dem nächsten Werke, das sich Zoar vornahm, hat dieser neue Arbeiter Vorzügliches geleistet. Um die großen Wiesen am Mühlgraben, deren zweiter Schnitt in heißen Jahren meist vertrocknete, stets ertragfähig zu machen, entschloß sich der Vorsteher, sie tiefer als den Wasserspiegel des Grabens zu legen, damit durch Ziehen eines Ventils bei Trockenheit die ganzen Flächen bewässert werden konnten. Die eine große Wiese wurde deshalb durch Dämme in drei kleinere geteilt und die erste 40 Zentimeter, die zweite 50 und die dritte 60 Zentimeter unter den Wasserspiegel gelegt, so daß sie etwa in 12 Stunden nach dem Ziehen eines Ventil unter Wasser stehen konnten. Die Sache gelang vorzüglich und es wurden jährlich vier Schnitte erzielt; nach dem letzten Schnitt war noch ein Abweiden möglich.

    Auch in Leuthen war es baulich schön voran gegangen. An das geräumige Gutshaus war ein Waschhaus und Baderäume für die Kolonisten angebaut worden. 1927 errichtete man eine Wasserleitung. Im nächsten Jahr wurde ein altes strohgedecktes Arbeiterhaus neu aufgestockt und mit Mansarde versehen, so daß es über 20 Heimlinge aufnehmen konnte. Es erhielt wegen seiner etwas erhöhten Lage den Namen “Berghaus”. Um den erhöhten Viehbestand unterbringen zu können, erwarb der Hausvater vom Nachbar ein Grundstück, das umgebaut und zur Kolonie geschlagen werden konnte; auch wurde nach dem Verscheiden der Vorbesitzerin des Gutes, die in einem zur Kolonie gehörigen Häuschen die “Herberge” gehabt hatte, die frei gewordene Wohnung für einen verheirateten Diakonen, der den Hausvater vertreten konnte, umgebaut.

    Das Jahr 1938 zeigte, wie nötig der Neubau der kleinen, baufällig werdenden Hausvaterwohnung in Wilhelmshof war. Obwohl die Arbeitskräfte infolge der Verfügungen der NSDAP gering geworden waren und man ja nach wie vor auf den rund 250 Morgen betragenden Feldern des Wilhelmshofes fleißige Hände brauchte, wurde der Bau doch gewagt. Man setzte alles ein, was an arbeitskräftigen Händen vorhanden war, und es war ein schönes Bild, wenn beim Ausschachten des tiefen Kellers in den unterrichtsfreien Stunden der junge Brüderpastor Schwotzer als letzter in der Reihe derer, die unten schaufelten, die Erde mit jugendlich kräftigen Armen nach oben warf, damit sie dort der Vorsteher als erster der langen Reihe derer, die oben arbeiteten, weiter befördern konnte. Freilich so schnell, als das Haus unter Dach gekommen war, ging der weitere Ausbau nicht, denn es fing an, an allerlei zu fehlen, und als der Krieg ausbrach, waren wohl die Fenster bereits im Haus, aber zu Türen und Treppen war man noch nicht gekommen.

    O dieser Krieg! Wie viel machte er doch unmöglich, was in Kopf und Herz noch geplant war. Unten in Zoar hatte man es erfahren dürfen, was die Felder an Mehrertrag bringen konnten, wenn es nicht an Wasser fehlte, und zu der Bewässerung der Wiesen war auch die künstliche Bewässerung der Felder getreten. Der stille, aber in praktischen Dingen unersetzbar tüchtige Bruder Meisterdiakon Schimpke hatte die treffliche Neuerung dadurch durchgeführt, daß er mittelst einer Pumpe im “Pumpenhäuschen” mitten in den Feldern die reichlichen Abwässer noch einmal hob und sie sich dann in den Feldern in kleine Gräben verlaufen und versickern ließ. Den Ertrag der Felder steigerte man dadurch, daß man den Kies, der sich dicht unter der Oberfläche findet, über zwei Meter tief ausschachtete, um ihn zu verkaufen und die Hohlräume mit Asche zu füllen, auf die dann der abgehobene Humus von Neuem kam. Schon im nächsten Jahr zeigten die Rüben an den betreffenden Stellen, wie viel ertragreicher der Boden dadurch geworden war. Lag auch in den sandigen Feldern des Wilhelmshofes die Sache etwas schwieriger, so plante man doch dort ebenfalls künstliche Bewässerung, damit es auch die Felder bewiesen, was die aus Sand und Kies erbauten Mauern des Gehöftes verkündeten: Sand ist Gold! In der Mitte der langgestreckten Felder, wo günstigerweise der Starkstrom das Gelände überquert, war ein Windmotor geplant, der mit Hilfe der reichlich wehenden West- und Südwinde aus einem Brunnen, der nur 2-3 Meter tief zu werden brauchte, das Wasser heben sollte, das durch natürlichen Fall aus einem Bassin verregnet werden konnte. Für windstille Zeiten sollte ein Transformator neben dem Motor errichtet werden, der dann elektrischen Betrieb möglich machte.

    Doch über der Arbeit an den Pflegehäusern war die an den auszubildenden Brüdern nicht vergessen worden. Da kurz nach dem Dienstantritt des neuen Vorstehers der Brüderlehrer, Pastor Kohlschütter, nach Silberhammer ging, trat zunächst Vikar Zimmermann, den Pastor Zitzmann im Weltkrieg kennen und schätzen gelernt hatte, an seine Stelle. Ihm folgte Kandidat Dietrich Gottschewski, der bis dahin als Erzieher im Pädagogium in Niesky gewesen war und der dem Vorsteher gelegentlich einer Volksmission in Niesky näher trat. Während der Zeit seiner Wirksamkeit wurde als “Bauern- und Volkshochschule” der “Heidehof” errichtet, um mit seiner Hilfe den Gedanken der Diakonie in weitere Kreise zu tragen. Als Vikar Gottschewski abberufen wurde, um nach kurzer Arbeit im Predigerseminar Naumburg und auf dem Lande nach St. Bernhardin in Breslau berufen zu werden, trat Pastor Erdmann Schott, der sich kurz zuvor den Titel des Lizentiaten erworben hatte, an seine Stelle. Pastor Schott führte in der Zeit seiner Tätigkeit in Zoar die Schwester seines Vorgängers als Gattin heim und dem jungen Paar, das auch Mutter Gottschewski zu sich genommen hatte, wurde in seiner traulichen Wohnung im Erdgeschoß von Nebo das erste Töchterchen geschenkt. Nach mehrjähriger Tätigkeit berief die Universität Greifswald als Patron der Kirche in Dersekow, Lizentiat Schott als Pfarrer dorthin und erteilte ihm gleichzeitig Lehrauftrag an ihrer Hochschule. Durch die Vermittlung von Herrn Generalsuperintendent Zänker kam nun Vikar Willi Röthe nach Zoar und diente den jungen Brüdern bis er ins Pfarramt ging und sein Vater, Studiendirektor i.R. Röthe, an seine Stelle trat. 1937 zog es Familie Röthe zu ihren Verwandten an den Rhein und nun trat aus Dresden die “rechte Hand des Bischofs von Sachsen”, Pastor Hellmut Schwotzer, in das Brüderhaus. Er blieb, bis er nach Ausbruch des Krieges in den Herresdienst kam und dann, als er Offizier geworden war, als Vorsteher an das Schlesische Krüppelheim berufen wurde. Freilich ist mit den genannten hauptamtlichen Brüderlehrern der Lehrkörper von Zoar nicht erschöpfend genannt. Stets wurden dem Vorsteher vom Schlesischen Konsistorium Lehrvikare zugewiesen, - einmal waren es deren Sechs, so daß ein kleines Kandidatenkonvikt entstand -, und die meisten von ihnen halfen beim Unterricht. Es seien nur die Namen Pusch, Giesel, Wunderlich, Rohr und vor allem Trompke genannt. Gerade Kandidat Trompke hatte sich die Herzen aller in Zoar erworben, so daß er noch im Kriege als zweiter Pastor und Nachfolger des Vorstehers gewählt wurde. Zum Schmerze aller ist er nicht heimgekehrt. Während des Krieges half dem Vorsteher beim Unterricht der schon bejahrte pommerische Kandidat Kasten, der eckige, kantige Mann, der kaum ein Buch besaß, der aber den Inhalt aller Bücher, die er las, fest im Kopfe hatte. Auch Lehrer aus Rothenburg und Umgegend halfen immer wieder beim Unterricht in den Realien, so Lehrer Mattheus und Felsberg aus Rothenburg. Vor allem der erste, der hochbegabte Pädagoge, an dem die Kinder hingen wie die Kletten und der eine feine Geschichte des Kreisstädtchens Rothenburg schrieb, wird in Zoar unvergessen bleiben. Leider fiel er schon in den ersten Kriegstagen einem heimtückischen Unfall zum Opfer, er erstickte mit etlichen Kameraden durch Ofengase im Unterstand. Die Reihe all dieser Helfer würde unvollkommen sein, sollte nicht noch des Mannes gedacht werden, der an Treue unter allen Mitarbeitern im Brüderhaus kaum seines Gleichen hatte. Es ist Pastor Ludolf Borchert. Infolge unglücklicher Familienverhältnisse hatte er aus dem Amte scheiden müssen und arbeitete in der Zeit der Inflation erst als Arbeiter und dann als Bürogehilfe im Bergwerk Kohlfurt. Durch die Vermittlung von Pastor Bunke, dem einstigen Vorsteher des Johannesstiftes in Spandau, wurde Pastor Zitzmann auf ihn aufmerksam gemacht und zog ihn nach Rothenburg. Er hat es nie zu bereuen gehabt, denn immer mehr wurde “Vater Borchert” zum treuesten Freunde des Hauses. Ob der viel reisende Vorsteher mit dem Auto zum ersten Zuge nach Görlitz oder Penzig fuhr, Pastor Borchert war meist da; und wenn der Verreiste in später Nacht zurückkehrte, Pastor Borchert erstattete sehr oft Bericht über alles, was vorgefallen war. Während des Baues von Troas kann der Mann, der alle drei Systeme der Kurzschrift beherrschte und auch auf der Schreibmaschine gut zu Hause war, während der Frühstückspause auf den Bau, um die Post zu bringen. Man nahm auf zwei Schemeln Platz und sofort wurden die Antworten in Kurzschrift aufgenommen. Oft lagen schon zu Mittag die fertigen Briefe zur Unterschrift vor. Ob es auf der Kanzel zu vertreten galt, ob Choraufführungen eingeübt wurden, der treue Mann, der auch als Krankenseelsorger Vorzügliches leistete, stand seinem Mann, bis er als 70jähriger, nachdem seine treue aber nervenkranke Frau heimgegangen war, zu seinen Kindern zog. In Hirschberg, wo er auch im Alter noch ein geschätztes Mitglied des Kirchenchores der Gnadenkirche war, ging er, rüstig bis zuletzt, heim.

    Neben den theoretisch-biblischen Ausbildungsmöglichkeiten die alle diese Lehrer den jungen Zoarbrüdern boten, wurde die pflegerisch praktische Arbeit nicht hintangesetzt. Immer mehr wuchs die Nachfrage nach Diakonen, die die staatliche Krankenpflegerprüfung bestanden hatten. Und da der Vorsteher der Überzeugung war, daß der Diakon nirgends besser Mission an Männern treiben könnte, als am Krankenbett, wenn er hierzu äußerlich und innerlich gerüstet war, so widmete er diesem Zweige besondere Aufmerksamkeit. Zuerst in Moers am Rhein, dann in dem Luisenhospital in Aachen und zuletzt auch im Diakonissenkrankenhaus in Liegnitz konnten Krankenpflegeschulen für die Diakone eröffnet werden, aus denen mancher tüchtige Pflegediakon hervor gegangen ist, der noch heute im Dienste steht.

    Das allerschönste aber an der Arbeit von 1920 bis 1940 war das Band innigsten Vertrauens, das sich zwischen den Kirchlichen und Weltlichen Behörden und dem Brüderhaus, geschlungen hatte. Oftmals kam Generalsuperintendent Dr. D. Schian zu den Diakonenprüfungen nach Rothenburg, bei denen er selbst Fragen stellte und einmal die ganze Kirchengeschichte allein prüfte, und immer wieder versicherte er, daß er gern prüfe und gern komme, weil er jedesmal feststellen dürfte, daß die Schüler etwas tüchtiges gelernt hätten. Selten wird ein Kirchenmann festlicher empfangen worden sein als Dr. D. Schian bei seiner letzten Generalvisitation, wo er an einem schönen Maientage durch die via triumphalis ging, die ihm zu Ehren vom Tor bis zum Kripplein Christi von den jungen Männern des Freiwilligen Arbeitsdienstes errichtet war und wo er die Ansprache bei der Maiandacht über den “Weltenmorgen” hielt. Bischof D. Zänker, der dem Geschiedenen im Amte folgte, hielt die Festpredigt beim 40jährigen Bestehen der Brüderschaft, und Festtage waren es ebenfalls wenn die Pastoren des Provinzialvereins, Heuser, Bunzel und Krause kamen. Nicht minder schön aber gestaltete sich das Verhältnis zu den weltlichen Behörden. Treue Freundschaft herrschte zwischen dem Hause und den Landesräten Dr. Bechmaier, der die Fürsorgezöglinge betreute, und Matthias, der das Dezernat für die Pflegebedürftigen hatte. Das gute Verhältnis aber, das zwischen Zoar und Landrat Großmann bestanden hatte, setzte sich auch mit dessen Nachfolger fort, dem der Vorsteher dienstlich dadurch näher trat, daß er sich auf Bitten des Vorsitzenden des Ehrenbrüderrates von Zoar, Superintendent Lindner, in den Kreistag wählen ließ. Bis zur Machtübernahme arbeitete er als gewähltes Mitglied des Kreisausschusses mit dem Landratsamt in voller Harmonie.

    Wenn man heute diese Zeit überschaut, dann erscheint sie wie ein sonnenbestrahlter Weg, bis es plötzlich in das Elend des Krieges ging. Er wurde für Zoar dadurch besonders schlimm, daß ihn die Partei je länger je mehr nicht bloß als Krieg nach außen sondern vor allem nach innen führte, um das zu vernichten, was sich mit ihrer Weltanschauung nicht vertrug und die goldenen Brücken nicht betrat, die von Seiten der Partei gebaut wurden, um möglichst viele zu ihr hinüber zu ziehen.

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  • 9.Kapitel

    -- fürchte dich nicht, dein Fels ist der Herr! --

    Am 1. September 1939 brach der zweite Weltkrieg aus, und gewaltig waren die Umwälzungen, die er für die Brüderschaft mit sich brachte. Gleich in den ersten Tagen mußte sich Pastor Schwotzer und mit ihm eine stattliche Anzahl von Diakonen und Jungbrüdern für den Heeresdienst melden. Von den in Rothenburg dienenden Zoariten fielen für den Dienst aus, die Diakonen Edler, Georg Wansner, der als erster den Heldentod starb, Kobilke, Matuschek, Fiedler, Karschunke, Neumann, in Leuthen wurde Bruder Tralls einberufen. Außer diesen verlor Zoar für den Dienst Büroleiter Bachmann, den Schmiedealtgesellen Polenz und viele Jungbrüder. Für die Arbeit blieben außer dem Vorsteher nur noch die Diakonen Gleisberg, Kretschmer, Schimpke und Pohl zur Verfügung, dazu die Mitbrüder Schuhmachermeister Laube und Tischlermeister Schäfer. Als Ersterer plötzlich auf der Fahrt nach Spree einem Schlaganfall erlag, trat an seine Stelle Bruder Meisterdiakon Hoffmann. In das Büro kam als dienstuntauglich Buchhalter Polte nach kurzer Arbeit als Zahlmeisteraspirant zurück. Der Vorsteher, der bei einer Offizierskontrolle vollkommen felddienstfähig befunden worden war, mußte, wie ihm inoffiziell mitgeteilt war, mit einer Einberufung als Festungspfarrer rechnen, und es war damals Ehrenbruder Schäfer, der sich schon im Ruhestand befand, als Vertreter ausersehen. Doch nicht nur Männer hatte Zoar zur Verfügung zu stellen, auch ein Hilfslazarett von 60 Betten, das als Abzweig des großen Lazaretts im Schlesischen Krüppelheim gedacht war, sollte es einrichten. Oberstabsarzt Dr. Bartenwerfer, der als Chefarzt des Krüppelheimes auch zum Chefarzt des Lazaretts befohlen war, besichtigte Bethlehem, und sprach sich über alles, was er vorfand, hoch befriedigt aus. Anders aber wurde es, als wenige Tage später ein aktiver höherer Militärarzt zur Besichtigung kam. Haus und Räume gefielen ihm ebenfalls sehr gut, er hielt es aber für unmöglich, daß sich in der Umgebung unserer Schwachsinnigen die Verwundeten, die ja in Hof und Garten mit ihnen zusammen kamen, erholen könnten. Um den ziemlich energisch vorgetragenen Wünschen nach anderer Umgebung entgegen zu kommen, entschloß sich der Vorsteher zu einem etwas gewagten Unternehmen. Die Junges des Wilhelmshofes wurden aus ihren gewohnten Räumen heraus genommen und im Neubau untergebracht, der noch ohne Treppen und Stubentüren war und teilweise sogar ohne Dielen. Auf Leitern mußten die armen Kerle zunächst in ihre Wohnungen steigen, aber sie taten es gern; denn zu welchem Opfer war ein deutscher Junge damals nicht bereit, wenn es galt, einem Verwundeten zu dienen. In den frei gewordenen Räumen waltete der Vorsteher mit der “Malerkolonne”, die er sich erst einrichten mußte, und bald strahlte das Hilfslazarett im schönsten Glanze. Besonders gemütlich war der Tagesraum geworden. In seiner Mitte befand sich der große breite Eßtisch. An den Seiten waren drei gemütliche Ecken eingerichtet worden; die “Schreibecke” mit einem gewaltigen Diplomatenschreibtisch, die “Musikecke” mit dem Klavier und die “Plauderecke” mit bequemen Lehnstühlen. Zum Reinemachen hatten sich freundlicherweise, nachdem die Maler ihres Amtes gewaltet hatten, auch mehrere Frauen aus der Stadt zur Verfügung gestellt. Der erst so wenig befriedigt gewesene Generalarzt war nunmehr von allem hoch entzückt und freute sich, daß alles so wohl gelungen war. Auch anderen Kriegern als den Verwundeten konnte Zoar dienen; - Kriegsgefangene gab es ja in Menge. Sie sollten in Lagern untergebracht werden, wo sie unter Aufsicht wohnten und schliefen, um tagsüber zu Landwirten und Gewerbetreibenden zur Arbeit zu gehen. Auf Anfrage erklärte sich der Innenrat bereit, ein solches Lager zu errichten. Im Arbeits- und Festraum fand es Aufnahme. Bald kehrten erst Galizier, dann Belgier und zuletzt Franzosen in Zoar ein. Das Verhältnis zwischen Wirten und Gästen - ein Wort, das in Gegenwart von Hitlerleuten ausgesprochen die schwersten Folgen nach sich ziehen konnte - war ein ganz vorzügliches. Das Herz der Franzosen wurde besonders gewonnen, als ihnen der Vorsteher zu Weihnachten mit Erlaubnis des Erzpriesters in Görlitz und mit Hilfe der Zoarkinder nach der deutschen Christnacht eine französische hielt. Freilich sangen die Kinder dabei deutsche Weihnachtslieder, die Lesungen aber und die Ansprache waren französisch und auch das “Stille Nacht, Heilige Nacht” war ins Französische übersetzt worden. Wie sich die Gefangenen zu Zoar gehörend fühlten, zeigte sich besonders am 15. November 1940. Ein Psychopath aus Thüringen, der am nächsten Tag ins Elternhaus zurück kehren sollte, hatte am Abend den Holzstall neben der Bäckerei angesteckt. Schon fing auch diese an Feuer zu fangen, und mußte geräumt werden. Da sprangen die Gefangenen zu, mit einem Eifer, als gälte es ihre eigene Sache. Vor allem retteten sie die schweren Mehlsäcke vor dem gefräßigen Element. Gott sei Dank konnte das Gebäude, dessen Pappdach schon brannte, durch die aufopfernde Arbeit von Meisterdiakon Schimpke und Klempnermeister Kopisch aus der Stadt und von vielen helfenden anderen Händen erhalten bleiben. Auch sonst brachte das Unglück des Tages noch Glück für Zoar.

    Als der Frühling 1941 nahte, wurde die Brüderschaft aufgefordert, wie früher wieder Seidenraupen zu züchten, da Seide zur Herstellung für Fallschirme besonders begehrt war. Der Vorsteher erklärte darauf, er habe die Raupen frühere in den Räumen gezüchtet, die jetzt die Kriegsgefangenen inne hätten, und auch der Ersatzboden, den er dann benützt hätte, sei von polnischen Zivilarbeitern belegt worden; er könne nur dann züchten, wenn Baumaterial für ein Haus bewilligt würde, das an Stelle des abgebrannten Schuppens träte, zumal auch die Keller gefährdet seien, wenn über sie kein Dach käme. Es wurde alles bewilligt, und in Eile entstand das “Brandhaus”, wie es der Zoarvolksmund nannte. Daß 1950 ein Interim-Brüderhaus in den Räumen errichtet werden konnte, und daß seit 1952 eine ganze Reihe Heimlinge in ihnen ein gemütliches Zuhause fanden, ist das Verdienst der Seidenraupen.

    Obgleich schon hier und da Übergriffe der Partei stattgefunden hatten und z.B. der jetzige Diakon Schwarz mit einem anderen damaligen Jungbruder vorübergehend wegen unvorsichtiger, aber wahrer Äußerungen in Haft genommen war, die dann aufgehoben wurde, war das Verhältnis zur Partei im Ganzen tragbar. Vor allem der Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Hans Slanina, der in Rothenburg als Sohn des Arztes Dr. med. Slanina groß geworden war, und viele Parteigenossen unter den Bürgern der Stadt wußten die Arbeit des Hauses zu schätzen und hatten mit eigenen Augen gesehen, was in ihm geleistet worden war. Aus ihrer Überzeugung machten sie keinen Hehl, und als in einer kleinen Parteiversammlung der Gedanke laut wurde, Zoar müsse in die Hände der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt kommen, mit einem Parteigenossen als Direktor, fiel das Wort: Zoar hat nie einen Direktor gehabt sondern einen Vorsteher und weil der Vorarbeiter war, deshalb ist’s in die Höhe gekommen, rührt da nicht daran. Trotz alledem blieb bei den Heißspornen der Wunsch, das Unternehmen, das mit Leuthen fast 400 Pflegebefohlene hatte, in die Hände zu bekommen. Der erste Vorstoß wurde im Mai 1941 gewagt. An einem Sonntag kam während des Gottesdienstes eine größere Kommission, geführt von Landesrat Saalmann, dem Kommissar der Freien Wohlfahrtspflege in Breslau, in das Zoardörfchen. Sie warteten einen Augenblick, und das Gesicht des Kreisleiters soll zum Photographieren gewesen sein, als er die stattliche Gemeinde, zu der sich sehr oft auch Rothenburger gesellten, aus dem Kripplein Christi strömen sah. Dem Vorsteher, der schnell seinen Talar ausgezogen hatte und die Besucher begrüßte, wurde eröffnet, man sei gekommen, um sich alles anzusehen und zu prüfen, inwieweit die Häuser der Allgemeinheit noch zweckentsprechender dienen könnten. Man wolle in Frieden mit der Brüderschaft arbeiten, aber das sei Bedingung, daß die “jüdischen Namen” der Häuser verschwänden; hierüber fordere man eine sofortige Erklärung. Pastor Zitzmann antwortete, er habe die Namen nicht gegeben, ja er habe erkannt, daß die Meisten mit diesen Bezeichnungen nichts anzufangen wüßten und z.B. Pniel in Kniel verkehrten; er habe Briefe empfangen mit der Anschrift an das “Zoa” und etliche Male sogar an das “Zoo”. Dies alles bedeute eine Herabwürdigung der Namen, und so hoffe er, daß die Brüder einverstanden seien, wenn man die Hausnamen baldigst ins Deutsche übersetze oder andere Benennungen an ihre Stelle treten lasse. Anders sei es mit “Zoar”. Dieser Name sei in den Satzungen verankert und könne deshalb nur durch den Beschluß des Brüdertages geändert werden und man möge sich deshalb bis zum September gedulden, in dem alljährlich die Brüder zusammen kämen. Hiermit gaben sich die Besucher zufrieden. In der nun folgenden Besichtigung der Häuser stachen ihnen besonders Troas und der Wilhelmshof in die Augen, und sie machten aus ihrer Anerkennung keinen Hehl. Danach ging man in scheinbarem Frieden auseinander. Auch der Ortsgruppenleiter, mit dem der Vorsteher auf dem Markte noch kurz sprach, schien nichts zu befürchten.

    Schon in der nächsten Sitzung des Innenrates gab man den Häusern Hermon und Gilead, deren Vereinigung bevorstand, den Namen “Abendsonne”, Zoar sollte “Gartenhaus “ heißen, Bethlehem “Auenblick” und Pniel wegen seiner Bauweise im rechten Winkel “das Glück im Winkel”! Der nächste Brüdertag beschloß den Namen der Brüderschaft und des Gesamtpflegehauses in “Martinshof” umzuwandeln. Für das “Martin” war ein vierfacher Grund vorhanden. Man dachte zuerst an den Reformator unserer Kirche, wie ja die Brüderschaft ansich auf Evangelisch-Lutherischem Bekenntnis steht, wenngleich viele Glieder der Union in ihr sind und sie vor allem der Altpreußischen Union diente. Gleichzeitig wollte man drei Männern, die sich um die Brüderschaft besonders verdient gemacht hatten, mit dem Namen ein Denkmal errichten. Es waren Pastor Martin von Gerlach, der Gründer, Pastor Martin Ulbrich, der Wegweiser nach Rothenburg, der sich gern die “Hebamme Zoars” genannt hatte und die Herren von Martin, Vater und Sohn, die dem Hause als treueste Nachbarn sehr viele Dienste leisteten. Den Namen Martinshof wählte man, weil es schon ein Martinshaus und ein Martinsstift in Schlesien gab. Nebenbei wurde wohl auch an den deutsch-germanischen Klang des Ausdrucks “Hof” gedacht.

    Kurze Zeit nach dem Besuche der Kommission kam das Ansuchen an die Brüderschaft, sofort ein jüdisches Altersheim aus Breslau aufzunehmen, da man das Haus in der Kirschenallee, in dem dies bis jetzt gewesen sei, anderweitig benötige. Der Vorsteher erklärte, daß dies zur Zeit unmöglich sei, da alle Betten und Räume belegt seien, höchstens könne man 60 Leute aufnehmen, wenn die Heeresverwaltung das Hilfslazarett, das gerade unbelegt war, frei geben würde. Da sich bei genauer Prüfung das Angelegenheit ergab, daß 130 Juden aufgenommen werden müßten, so erklärte auch der zugezogene Kreisarzt Dr. Cauer, daß eine Aufnahme unmöglich sei. Nur wenige Tage später, an einem Sonnabend, war der Vorsteher, der jetzt soweit es ihm die anderen Geschäfte erlaubten, praktischen Brüderdienst tat, mit den Jungen auf dem Felde hinter Troas, um Sojabohnen zu hacken. Plötzlich kam Diakon Pohl, der wegen seines Lungenleidens vom Heeresdienst frei war aber trotzdem in großer Treue die gesamte Büroarbeit allein bewältigte, und meldete: Eben kam ein Ferngespräch vom Landratsamt, Herr Pastor möchte so schnell als möglich zum Herrn Landrat kommen, zuvor aber zu Herrn Direktor Hoffmann beim Wohlfahrtsamt. Der Vorsteher übergab die Jungen einer Hilfskraft, vertauschte schleunigst die Arbeitskleidung mit einem Straßenanzug und ... eilte auf dem Motorrad, das er sich an Stelle des ins Feld gegangenen Autos angeschafft hatte, zum Landratsamt. Direktor Dr. Hoffmann, den er zuerst aufsuchte, eröffnete ihm dort: “Denken Sie, eben ist ein Ferngespräch von Liegnitz gekommen: Der gesamte Martinshof ist auf Grund des Reichsleistungsgesetzes beschlagnahmt! Wir sollen in der Angelegenheit sofort zum Landrat kommen.” Dem jungen Landrat Dr. Blendermann, der etliche Monate später um nicht mehr mit dem Kreisleiter zusammen arbeiten zu müssen, als freiwilliger Kanonier ins Feld ging und nach dem Zusammenbruch reformierter Theologe wurde, war die Angelegenheit offenbar sehr unangenehm. Als er den Fernspruch wiederholte, unterbrach ihn Dr. Hoffmann und sagte: “Herr, Landrat, was Sie jetzt anordnen, entspricht nicht dem Reichsleistungsgesetz. Dies sagt, daß der Betrieb, der zu Leistungen heran gezogen wird, nicht gefährdet werden darf; Martinshof kann aber keine Diakonen mehr ausbilden, wenn ihm seine Häuser genommen werden.” Die etwas erregt gegebene Entgegnung des Landrates an Dr. Hoffmann war: “Herr Doktor, ich habe nur den Befehl meiner vorgesetzten Behörde in Breslau auszuführen!”, dann wandte er sich an Pastor Zitzmann und fragte: “Wie stellen Sie sich dazu?” Dieser erwiderte: “Herr Landrat, ich verstehe es, daß Sie Ihrer vorgesetzten Dienststelle gehorsam sind, aber ich hoffe, Sie verstehen es auch, daß ich sofort am Montag nach Breslau fahre, um energischen Protest einzulegen.” - Damit war die Besprechung beendet. Am Nachmittag rief Lizentiat Krause vom Provinzialverein für Innere Mission in Breslau an, weil er von der Angelegenheit gehört hatte, und es wurde verabredet, daß beide Pastoren am Montag gemeinsam bei Landesrat Saalmann vorstellig werden wollten. Wie oftmals bei schwierigen Angelegenheiten, so ließ sich auch diesmal Landesrat Saalmann nicht persönlich sprechen, es mußte mit seinem ständigen Vertreter, Psychiater Dr. med. Tewes, verhandelt werden. Dieser bestand ganz rigoros auf der Forderung, daß der gesamte Martinshof sofort vom gesamten Personal und den gesamten Pfleglingen zu räumen sei; er solle vollkommen mit Juden belegt werden, und daher müßten alle Arier aus ihm verschwinden. Auf die Frage des Vorstehers, wohin die Brüder mit ihren Familien ziehen sollten, entgegnete der Herr Doktor: Ach, in Niesky sind ja auch viele Brüder, die werden Sie schon aufnehmen! Pastor Zitzmann sagte darauf: “Verehrter Herr Doktor, erstens ist Niesky voller Ausgebombter und hat deshalb selbst keinen Platz, dann ist aber auch manches andere zu bedenken. Unter unseren Brüderfrauen haben wir z.B. eine, deren Mann jetzt gerade das E.K. bekommen hatte. Soll diese nun hinaus melden: Zum Dank für Deine Tapferkeit bin ich mit meinen Kindern auf die Straße gesetzt worden? Ich fürchte, daß das böse Stimmung bei dessen Kameraden erwecken wird.” Dr. Tewes wurde bedenklich und sagte: “Wir müssen ja wegen der Verlegung der Kranken noch einmal nach dem Martinshof kommen, da wird sich dort alles am besten mündlich erledigen lassen. Stellen Sie bis Freitag eine Liste auf, in der Sie namentlich Vorschläge über die Unterbringung der Kranken machen. Die, bei denen es möglich ist, möchten wir zu ihren Familien entlassen, die anderen leichteren Fälle kommen in Altersheime; für die schweren Fälle kommt Unterbringung in Provinzialheil- und Pflegeanstalten in Frage. Die nächsten Tage brachten für den Vorsteher weite Motorradfahrten. Er wollte die näher wohnenden Familien der Heimlinge bewegen, diese, wenn möglich bei sich aufzunehmen und konnte die Gründe nur mündlich offenbaren, Bruder Pohl aber schrieb bis tief in die Nächte, um die Fernwohnenden dringend zu bitten, ihre bei uns untergebrachten Angehörigen baldigst persönlich abzuholen. Unter den Heimlingen gab es nun eine ganze Reihe, die kein Zuhause hatte, die aber Vorsteher und Brüder auf keinen Fall in eine Heil- und Pflegeanstalt geben wollten. Man beschloß, sie in das leerstehende Berghaus in Leuthen zu nehmen.

    Der Freitag kam. Die Losung an ihm war Daniel 6,24: Sie zogen Daniel aus dem Graben, und man spürte keinen Schaden an ihm, denn er hatte Gott vertraut! Wahrlich ein stärkendes Wort!

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    Am frühen, glühend heißen Nachmittag traf eine zahlreiche Kommission mit Landesrat Saalmann an ihrer Spitze und mit Dr. Tewes nebst etlichen anderen Herren ein. Auch Lizentiat Krause war mit seinem Auto erschienen. Am liebsten hätte Landesrat Saalmann nach seiner Gewohnheit die Sache auf dem Hofe neben den Autos abgewickelt, doch gelang es, ihn zu bewegen, mit den Übrigen auf der Veranda von Nebo Platz zu nehmen. Hier wurden alle Kranken durchgesprochen. Als man an den Ersten kam, der kein Zuhause hatte und doch nicht in ein Altersheim aufgenommen werden konnte, sagte der Vorsteher: ”Wird entlassen!” “Wohin denn? Hat er Angehörige?” “Nein!” war die Antwort. “Wohin wollen Sie ihn denn entlassen?” “Zu uns; wir haben in Leuthen ein Haus, dahin nehmen wir ihn.” “Wer bezahlt?” “Wir selber.” “Dann mag es gehen.”--- Als das zweite der Sorgenkinder des Vorstehers an die Reihe kam, hieß es wieder: “Wird entlassen.” “ Etwa auch zu Ihnen?” “Jawohl meine Herren!” “ Herr Pastor”, sagte jetzt Dr. Tewes “Lassen Sie sich von ihrem weichen Herzen nicht zu weit treiben.”. “Mein sogenanntes weiches Herz”, war die Entgegnung, “ist meine Sache, aber das sage ich Ihnen, meine Herren, die Kranken, die ich hier behalten will, bekommen Sie nicht, erhalten werde ich sie schon können.” “Vom Provinzialverein der IM bekommen Sie vorläufig 1000 Mark dazu”, fügte hier Lizentiat Krause ein, der sich bis dahin im Ganzen schweigend verhalten hatte. “Ja, aber warum wollen Sie denn diese Leute durchaus nicht in eine unserer Anstalten geben?”, fragte jetzt Dr. Tewes. “Weil ich weiß, was ihnen dort droht!” “Was denn?”, war die nächste kurze Frage, und Pastor Zitzmann entgegnete darauf: “Meine Herren, ich will Ihnen nicht die Zahlen nennen, welche mir persönlich von vertrauenswürdigen Männern genannt wurden, von Kranken, die der Euthanasie zum Opfer gefallen sind, und ich bin überzeugt, daß dies hier genau so zu werden vermag. Die bezeichnenden Antwort des Landesrates Saalmann (Gauamtsleiter NSV) war: “Das ist bei uns in Schlesien unmöglich, wir haben ja kein Krematorium.” Auch hier konnte Pastor Zitzmann entgegnen, daß dies nicht unbedingt vor der Euthanasie eines Schlesier schütze. Vor Kurzem noch war im Martinshof ein Schizophreniker gewesen, der sterilisiert werden mußte, wenn er weiter in dem halboffenen Heim bleiben sollte. Durch die Sterilisation wäre das Sippenblatt des Schwagers des Kranken, der ein Stabsoffizier bei den Fliegern war, “beschmutzt” worden. Um dies zu verhindern, war der Kranke in die geschlossene Anstalt Freiburg verlegt worden. Kurz danach wollte ihn seine Mutter besuchen. Man entgegnete ihr, ihr Sohn sei verlegt worden, man wisse aber selbst nicht wohin, sie würde es bald erfahren. Noch nicht 14 Tage danach war der Mutter die Asche des Kindes zugesandt worden. Als den Herren dieser Fall erzählt worden war, schwiegen sie still.

    Es wurden nun sämtliche Kranken bis zum Ende durchgesprochen, und dann kam die schwere Frage: Was wird mit dem Personal, wir brauchen die Häuser für uns? Die ganz bestimmte Antwort des Vorstehers hieß: “Wir gehen auf keinen Fall hinaus, es sei denn, daß man uns mit Polizei oder SS auf die Straße wirft.” “Nun”, fuhr Dr. Tewes fort: “es bleibt eine Möglichkeit, Sie hier zu lassen,, die ist aber an drei Bedingungen geknüpft. Erstens: Wenn Sie hierbleiben wollen, dann müssen Sie die Aufsicht über die Juden übernehmen, wollen Sie das?” Pastor Zitzmann entgegnete nach kurzem Überlegen:“Deutsche Soldaten müssen jetzt auch Juden bewachen; wir sind auch nichts Besseres als diese, deshalb erkläre ich mich für die Brüder und mich einverstanden.” “Gut” fuhr Dr. Tewes fort, “aber als Aufsichtführende müssen Sie zweitens Revolver tragen, wollen Sie das?” “Das ist mir noch weniger angenehm”, sagte Pastor Zitzmann, “aber Revolver habe ich im Felde auch tragen müssen, warum soll es hier nicht auch sein, nur verlange ich, daß wir ganz genaue Verhaltungsmaßregeln bekommen.” “Das sollen Sie”, antwortete Dr. Tewes, und der Kreisleiter fügte hinzu: “Ich werde die ganze Sache durch einen rassepolitischen Vortrag unterbauen.”--Ergänzend sei hier eingefügt, daß die Aufsicht nie praktisch ausgeübt worden ist. Als die Juden kamen, wurden sie einem “Ältesten” aus ihren Reihen unterstellt, der für alles, was ihr Verhalten betraf, verantwortlich sein sollte; auch die Gestapo, die über dem Ganzen wachen sollte, hat sich nur selten sehen lassen. -- “Aber nun die Hauptbedingung”hob Dr. Tewes noch einmal an: “Martinshof soll ein Mustergetto werden. Es kann sein, daß wir Abbildungen der Räumlichkeiten in Zeitungen auch in neutralen Ländern bringen, die zeigen sollen, wie gut die Juden hier untergebracht sind. Deshalb muß alles von Anfang bis Ende neu hergerichtet werden, vor allem gilt es sämtliche Räume neu zu weißen. Getrauen Sie sich, das zu bewerkstelligen? In 14 Tagen sollen die ersten Juden in Bethlehem einziehen, und in spätestens sechs Wochen die letzten?” Als die Frage mit einem bestimmten “Ja” beantwortet worden war und dies dann auch näher begründet wurde, fiel wohl den Breslauer Besuchern ein Stein vom Herzen, denn mit lediglich bestellten Kräften hätte bei dem Mangel an Facharbeitern die Riesenarbeit kaum bewältigt werden können. Die Unterredung war damit beendet, und die Diakonen, die der Vorsteher als letzte Hilfstruppe zur Verteidigung ihrer Wohnungen in den Brüdersaal bestellt hatte, konnten ebenfalls wieder in die Häuser gehen.

    Es folgten für den Martinshof Wochen schwerster Arbeit. Die leichter Kranken wurden einzeln für die Rückkehr in die Heimat oder für die Aufnahme in Altersheime fertig gemacht, die schwereren (ca.30-40? Anm.) fuhren mit Sonderzug am 17. Juni nach Bunzlau und am 19. Juni nach Plagwitz. Nachdem die Kranken weg waren, mußten sämtliche Möbelstücke aus den Räumen entfernt werden. Soweit sie nicht in den Sälen, die Herr von Martin in seiner Fabrik zur Verfügung gestellt hatte, untergebracht werden konnten, lagen sie zumeist unter freiem Himmel. Dann begann das Tünchen. Es wurde dadurch besonders erschwert, daß bisher die meisten Räume mit Kreideanstrich versehen waren. Aus Mangel an Leim konnte dieser nicht erneuert werden, und infolge dessen war es nötig, die Wände erst gründlich abzulauchen und dann Kalkanstrich darauf zu bringen. Während der Arbeit stellten sich aber fast täglich neue Besucher der Partei ein, um sich von dem Fortschreiten zu überzeugen, und fast nie ging es dabei ohne Debatten und Gespräche ab.

    Eine von diesen Unterhaltungen möge festgehalten sein, weil sie einen kleinen Gewinn brachte, über den sich alle freuten. Dem Vorsteher war im Gespräch mit einem höheren Parteigenossen das Wort “Bethlehem” entschlüpft, worauf dieser sagte: “Ich denke, die jüdischen Namen sind verschwunden, und da bringen Sie wieder das “Bethlehem”? Infolge des brüsken Tones, in dem diese Worte gesprochen wurden, wurde der Vorsteher, obwohl der Name “Auenblick” schon gegeben war, innerlich erregt und sagte: “Verzeihen Sie, aber Bethlehem ist kein jüdischer Name .In Bethlehem ist unser Heiland geboren und durch Ihn ist dieses Wort in den deutschen Sprachschatz gekommen, denn wir singen ja sogar von “Bethlehems” Stall usw. Der so Belehrte schwieg und infolge dessen wurde stillschweigend der Name Auenblick gestrichen und Bethlehem blieb.

    Während der Arbeiten war Pastor Zitzmann schnell noch einmal nach Görlitz gefahren und hatte die Räume samt und sonders der Heeresverwaltung zu Lazarettzwecken angeboten. Diese hätten das Angebot gern angenommen, doch wurde alles durch die Weigerung des sonst stets zugänglichen Oberstabsarzt Dr. Bartenwerfer zu zunichte. Dieser fürchtete bei derartiger Vermehrung der Verwundeten noch mehr mit Verwaltungsarbeiten belastet zu werden; er wollte aber vor allem Operateur bleiben.

    Kaum war Bethlehem als erstes Haus fertig geworden, da kamen 130 alte Jüdinnen und Juden aus dem Heim in der Kirschenallee in Breslau. Nicht weniger als 14 Waggons zum Teil allerkostbarster Möbel brachten sie mit, die alle in dem einen Haus untergebracht werden sollten. Diese Zusammenpferchung von Menschen mußte besonders denen, die sie etwas mildern konnten, ans Herz greifen. Der Innenrat beschloß deshalb, die Kapelle frei zu geben, indem man die Gottesdienste in den Brüdersaal verlegte. Daß man für diese Maßnahme nicht erst die Erlaubnis der Partei eingeholt hatte, wurde zwar übel vermerkt, aber es geschah nichts weiter. Zündstoff für einen Zusammenstoß mit der NSDAP lag allerdings überall in Menge. So war strengstens jeder Verkehr zwischen Ariern und Juden verboten; wer bei solchem ertappt wurde, mußte auf strengste Bestrafung gefaßt sein. Um möglichst jede Berührung zwischen den Martinshöfern und den neu Eingezogenen zu vermeiden, gab es nicht bloß jüdische und arische Türen und Straßen, sondern sogar jüdische und arische Klosetts. Zu den Spaziergängen war den Juden, von denen etliche Erlaubnisscheine für Gänge in die Stadt erhielten, der “Judenweg” südlich der Tormersdorfer Brücke, parallel der Neiße eingeräumt; Deutsche durften ihn nicht mehr betreten. Nach und nach folgten den ersten Israeliten aus Breslau noch andere aus Glogau und Görlitz, so daß zuletzt die Zahl fast 750 betrug. Ein schwerer Anstoß für die Partei war es nun, daß sich im Martinshof noch immer das Kriegsgefangenenlager befand. Man befürchtete, daß hier leicht Spionage getrieben werden könnte. Obwohl sich nun der Vorsteher erbot, den Gefangenen einen besonderen Eingang von hinten durch die Felder zu verschaffen und obwohl die Heeresverwaltung auf keinen Fall das schönste und gesündeste ihrer Lager aufgeben wollte, zuletzt kapitulierte das Militär, und zum großen Leidwesen der Gefangenen mußten diese drei kleinere Lager im Stern in Tormersdorf, in Geheege und in der von Martinschen Fabrik beziehen. In dem großen frei gewordenen Raum, aus dem die Lagerstätten und sonstigen Einrichtungsgegenstände entfernt worden waren, sollten sich die Juden nach dem Willen der Partei ein “Kasino” errichten, in dem auch allerlei Gebrauchsgegenstände feilgeboten werden sollten. Es sollte auf diese Weise der Verkehr mit der Stadt vermindert werden. Ein Kasino errichteten die Juden freilich nicht, sondern mit Hilfe von allerlei kostbaren Teppichen usw., bauten sie sich eine Synagoge zurecht. Diese wurde nach etlichen Wochen der Anlaß zum schwersten Zusammenstoß zwischen Dr. Tewes und dem Vorsteher. Eines Montag war der stellvertretende Judenälteste - der eigentliche Älteste war nach Breslau gereist, - zum Pastor gekommen. “Denken Sie nur”, klagte er, “Sie haben uns unser Letztes genommen. Diese Nacht ist in der Synagoge eingebrochen worden, was sollen wir tun?” (Anmerkung Wollstadt: D. Hoffmann und SA-Männer sind durch die Fenster im Auftrag des Kreisleiters, Trinkgelage im Ratskeller mit den Heiligen Geräten/ Fischer ist 1943 bereits an einer unerklärlichen Krankheit, Leibschmerzen, gestorben auf dem Transport von Emmaus Niesky nach Görlitz, als Gottesgericht empfunden) Der Vorsteher zuckte die Achseln und sagte: “Wenn eingebrochen worden ist, geht man zur Polizei und erstattet Anzeige.” Dies tat der Mann und ging zum Polizeileutnant auf dem Landratsamt. Mittags rief der Kreisleiter an und sagte: “Ich habe gehört, daß heute Nacht etwas im Martinshof passiert ist, was ist denn los?” “Ja, Herr Kreisleiter, es ist in der Synagoge eingebrochen worden.” war die Antwort des Vorstehers, der vermutete, wo die “Einbrecher” zu suchen seien. “Was ist darauf veranlaßt worden?”, fragte der Anrufende weiter. “Ich habe die Juden an die Polizei verwiesen.” Erregt antwortete der Kreisleiter Fischer: “Der Judenälteste soll sofort an den Apparat kommen.” Dies geschah, und Ältester Saul, der inzwischen von seiner Reise zurück gekehrt war, erhielt nun Anweisung, bei der Gestapo Meldung zu machen. Er tat dies; aber gegen die Absicht des Auftraggebers wandte er sich nicht, wie dieser angenommen hatte, an die Gestapo in Görlitz sondern gleich an die in Breslau. Etwa 14 Tage später war für Sonntag eine Revision des Wilhelmshofes durch eine Jugendkommission angemeldet worden. Sie sollte nach dem Gottesdienst stattfinden. Als aber der Vorsteher aus der Kapelle kam, fand er nur Kreisleiter Fischer vor, der ihm erklärte, die übrigen Damen und Herren kämen erst nach 13 Uhr, sie seinen unterwegs aufgehalten worden. Diese Verzögerung war für Pastor Zitzmann äußerst unangenehm. Er wollte auf jeden Fall bei der Revision persönlich anwesend sein, hatte aber als Stellvertreter des im Kriege weilenden Pastors Stolze von Sänitz in Pechern Gottesdienst mit Heldengedächtnis anberaumt. Es blieb nichts anderes übrig, als die Feier fernmündlich zwei Stunden später zu legen. Endlich nach 13 Uhr 30 trafen die Breslauer Herrschaften in Wilhelmshof ein, nachdem sie vorher die Synagoge eingehend besichtigt und im Ratskeller in Rothenburg zu Mittag gegessen hatten. Der Vorsteher empfing sie im Hofe des Wilhelmshofes an den Autos und sagte dabei: “Meine Herren, wenn Sie noch etwas zu besprechen haben, dann bitte ich dies gleich zu tun, denn ich muß unbedingt um 16 Uhr zu einem schon einmal verlegten Gottesdienst im fast 20 Kilometer entfernten Pechern sein.” “Ja”, antwortete Dr. Tewes mit hochrotem Kopfe und mit erregtem Tone: “Wir haben etwas ganz besonderes mit Ihnen zu besprechen. Sie haben sich nicht entblödet, den Juden eine Synagoge zu errichten, das ist ein Kapitalverbrechen!” Starr vor Staunen sagte hierauf der Vorsteher, “Das ist nicht wahr.” Dr. Tewes aber erwiderte fest und bestimmt: “Das ist wahr. Der Judenälteste Saul hat uns gesagt, daß Sie ihm die Bretter für den Bau gegeben und auch die Bänke freundlichst zur Verfügung gestellt haben.” Ziemlich laut und erregt antwortete hierauf Pastor Zitzmann: “Wenn der Judenälteste Saul das wirklich gesagt hat, dann hat er hundsgemein gelogen.” Oben an den Fenstern hatten sich mittlerweile die Jungen versammelt und hatten an dem Streit offenbar großes Interesse. Um sie nicht weiter Zeugen der Auseinandersetzung sein zu lassen, warf jetzt Hausvater Karschunke, der krankheitshalber aus dem Heeresdienst entlassen worden war, ein: “Meine Herrschaften, ist es nicht besser, wir besprechen das alles in meiner Wohnung; ich bitte Sie, bei mit einzutreten.” Dies Anerbieten wurde angenommen, und auf dem Wege zur Hausvaterwohnung fand der Vorsteher seine Ruhe wieder. Im Zimmer des Hausvaters nahm er das Wort und sagte: “Meine Herren, an jedem Elefanten ist eine Mücke, so ist es auch hier. Als das Gefangenenlager aufgelöst werden mußte, mußten auch die Lagerstätten der Gefangenen abgebrochen werden, wodurch eine Unmenge Bretter frei geworden sind. Ich habe damals die Anweisung gegeben, diese Bretter auf dem Boden im "Glück im Winkel" zu verstauen, und das ist auch geschehen. Wenn sich die Juden davon heimlich etwas zurück behalten haben, so ist das deren aber nicht meine Schuld. “Ja, das mag sein, aber die Juden haben ausdrücklich gesagt, Sie hätten ihnen die Bänke freundlichst zur Verfügung gestellt, wie stellen Sie sich dazu?”, fragte nun Dr. Tewes weiter. Die Antwort lautete: “Die Sache verhält sich so: Kurz nachdem die Juden gekommen waren, fand ein großer Arbeitsappell statt, bei dem vom Landjäger alle Arbeitsfähigen zur Arbeit auf den umliegenden Gütern ausgesucht werden sollten. Ältester Saul bat mich, da sich bei der sicher länger dauernden Veranstaltung auch die Greise und Greisinnen mit einzufinden hatten, denen das lange Stehen unmöglich würde, ihm unsere Bänke zu leihen, die noch draußen im Freien standen. Ich habe das getan; wenn die Juden sie dann wieder in ihrer Synagoge behalten haben, so liegt wieder eine Schuld von diesen, aber nicht von mir vor.” Jetzt mischte sich plötzlich Kreisleiter Fischer in die Auseinandersetzung und sagte: “Es ist eben wieder die alte Sache. Juden und Arier dicht beieinander, da wird eben gemauschelt. Hier hilft nichts anderes, die Arier müssen sobald als möglich raus.” Als diese Worte gefallen waren, packte den Vorsteher plötzlich eine unbeschreibliche Wut. In ihr brüllte er im schönsten Kasernentone den Kreisleiter an: “Herr Kreisleiter, Sie betonen immer, daß sie Deutscher und Arier sind, das bin ich auch, ja Ihnen gegenüber möchte ich betonen, ich bin deutscher Offizier, als solcher weiche ich nicht, Sie können machen, was Sie wollen! Merken Sie sich das ein für alle mal!” Diese Tonart, die die Herren sonst nicht gewöhnt waren, bewirkte eine sekundenlange peinliche Stille. Etliche Zeit fiel kein Wort, bis plötzlich eine von den Damen sagte: “Aber wir sind doch hierher gekommen, um das Jungenheim anzusehen! Wollen wir das nicht tun?” Ohne weiteres zu sagen, wurden nun ziemlich eilig die Räume durchschritten. Besonders beeindruckt waren die Herrschaften, als einer der Jungen beim Betreten des Tagesraumes stolz und stramm meldete: “Erziehungsheim Wilhelmshof belegt mit 45 Mann!” Und dann lautete das Urteil: Wenn unsere Jungen überall so untergebracht wären, wie hier, dann könnten wir zufrieden sein. Nun folgte ein kurzer Abschied. Die Herren bestiegen ihre Autos und der Vorsteher beeilte sich, mit dem Motorrad noch rechtzeitig zum Gottesdienst zu kommen. An der Ecke wurde er noch einmal von Direktor Hoffmann angehalten, der Ihm sagte: “Herr Pastor, Sie haben fein gekämpft; ich kann Ihnen mitteilen, daß ich deutlich gehört habe, daß keine Anzeige gemacht werden wird. Selbstverständlich stellte der Vorsteher am nächsten Tage den Judenältesten Saul wegen der Reden, die er nach den Worten von Dr. Tewes geführt haben sollte, und es ergab sich, daß diese ganz anders gelautet hatten. Man hatte den Juden nahe gelegt, von sich aus zu bitten, daß der Martinshof als wirkliches Getto, frei von allen Ariern werden möchte, damit sie auf diese Weise mehr Wohnraum hätten. Hatte der Judenälteste schon darauf entgegnet, daß sie zu solcher Bitte keinen Grund hätten und die Martinshofleute nicht um ihre Heimat bringen wollten, so bat er nur himmelhoch: “Herr Pastor, lassen Sie sich nicht verdrängen, denn wenn wir Sie und die Brüder nicht mehr hier haben, dann sind wir ja ohne jeden menschlichen Schutz und der Willkür der Partei vollkommen preisgegeben.”

    Ein Nachspiel sollte die Angelegenheit aber noch haben. Kurze Zeit danach, als der Vorsteher zur Trauung eines Bruders in Carlshöhe in Oberschlesien weilte, kam aus dem Brüderhaus die fernmündliche Nachricht, daß er am nächsten Tage zwischen 8 und 12 Uhr bei der Gestapo in Breslau sein sollte. Als er sich etwa ½ 10 Uhr dort meldete, wurde ihm gesagt: “Der Herr, der die Sache bearbeitet, ist nicht da, warten Sie draußen, bis er wieder kommt.” Der so Beschiedene wartete eine Stunde und länger, dann wagte er sich noch einmal in den Raum und machte darauf aufmerksam, daß sein Zug kurz nach 12 Uhr abführe; vermutlich handele es sich auch nur um weitere Belegung des Martinshofes mit Juden, denn das habe ihm Dr. Tewes den er soeben getroffen habe, auf seine Frage gesagt. Er wurde noch einmal hinaus gewiesen, aber man sagte ihm dazu, daß sich der Vertreter des abwesenden Amtsträgers erst informieren müßte. Es verrannen noch einmal 20 Minuten, dann begann in Zimmer 23 die Untersuchung. Nach umständlicher Erörterung der Frage, warum der Vorsteher nicht PG geworden sei, wurde er scharf verwarnt, den Juden irgendwelche Ratschläge zu geben. Er dürfe ihnen auch keine Freundlichkeiten erweisen und solle sie vor allem nicht religiös beeinflussen. Der so Beschiedene antwortete, von ausgesprochenen Freundlichkeiten könne keine Rede sein, die Brüder so wie er bemühten sich nur, den Juden gegenüber gerecht zu sein. Dazu bewege sie ein besonderer Umstand. Zu den größten Wohltätern des Martinshofes habe auch ein Mann gehört, von dem man erst ganz kurz vor seinem Tode erfahren habe, daß er als Jude geboren, aber schon in frühester Jugend getauft worden sei. Dieser Mann, dem die Brüderschaft unendlich viel Gutes verdanke, sehe man im Geiste immer mitten unter den Juden stehen, denn wenn er diese Zeit erlebt hätte, würde er auch dorthin gebracht worden sein. Es sei der einstige Primarius von St. Elisabeth, Kirchenrat Fuchs. Kaum war dieser Name gefallen, als der Verhandelnde sich wie umgewandelt zeigte,-- er war offenbar einer der vielen Konfirmanden des Genannten gewesen. Ein Bruder hätte den angeschuldigten Vorsteher nicht freundlicher ermahnen können, als er es nun tat. Immer wieder betonte er: Ja nicht seelsorgerlich an den Juden arbeiten! Pastor Zitzmann, der durch die Wendung ermutigt worden war, antwortete: “Ja, lieber Herr, Sie dürfen nicht vergessen, daß unter diesen Leuten israelitischen Blutes auch Evangelische sind! Wir haben z.B. einen alten Studienrat, der vor 38 Jahren in ehrlicher Überzeugung getauft worden ist und seitdem sich als Christ bewiesen hat. Er ist jetzt schwer krank. Wenn er stirbt, so geht sicher der Rabbiner nicht mit zum Grabe, und er will ihn auch nicht haben. Soll dieser Mann, nur weil er seiner ehrlichen Überzeugung gefolgt ist, hinauf getragen werden wie ein toter Hund?” Der Amtsträger überlegte kurz und sagte: “Eine Beerdigung in einfachster Form gestatte ich Ihnen in solchem Falle. “Und wenn der Sterbende das Heilige Abendmahl begehrt, darf das gewährt werden?” “Heiliges Abendmahl dürfen Sie ebenfalls spenden.” Es folgte eine kurze Verabschiedung, und da der Verhandelnde nicht von “Sterbeabendmahl” gesprochen hatte, hielt Pastor Zitzmann nun einen Gottesdienst in Abendmahlsform mit den Juden evangelischer Konfession. Eine solche fand auch noch am Abend vor ihrem Weggang statt. Viele Nichtchristen wohnten der Feier hinter der Bretterwand, durch die die Interimskapelle von dem mit Juden belegten Nebenraum getrennt war, bei; andere standen draußen vor den Fenstern und hörten von dort aus zu. Einer von diesen Nichtchristen bedankte sich am Morgen nach der Feier und gestand, daß er mit vielen anderen draußen gelauscht habe. Doch ehe der Abschied kam, erfolgten noch zwei entscheidungsreiche Aussprachen. Die erste war beim Kreisleiter Fischer in Niesky. Eines Tages wurden die beiden Meisterdiakonen Edler und Hofmann in die Kreisstelle Niesky bestellt. Auf der Ladung stand: Behufs Verwendung als Handwerker im besetzten Polen! Als ihm diese Ladung vorgelegt wurde, entschied der Vorsteher: Ich gehe mit! Die drei Männer fuhren mit dem Rade nach Niesky. Dort blieben die beiden Diakonen im Gasthof der Brüdergemeine, und der Vorsteher trat zur großen Verwunderung des Kreisleiters an ihrer Stelle ins Dienstzimmer in. Er begann: “Sie wundern sich, Herr Kreisleiter, daß nicht die geladenen Brüder, die ich bei Tschammer gelassen habe, sondern ich komme; aber es liegt mir viel an einer Aussprache mit Ihnen. Man hat erst mehr als einmal versucht, mich als den Kopf der Brüderschaft wegzubringen, um diese zu vernichten. Das ist nicht gelungen. Jetzt versucht man gleichsam anzufangen, die Glieder abzuschneiden, in dem man zunächst zwei Handwerker nach Polen bringen möchte. Es sieht mir beinahe so aus, als wollten Sie unser ganzes Unternehmen wegnehmen. Ich möchte Ihnen deshalb die gleiche Frage vorlegen, die ich schon an den Herrn Landrat und an den Herrn Ortsgruppenleiter gestellt habe: “Auf Grund welcher Gesetzesparagraphen meinen Sie so handeln zu können?” Kreisleiter Fischer bat nach diesen Worten Pastor Zitzmann, erst einmal Platz zu nehmen, und sagte dann: “Herr Pastor, wir wollen nicht in diesem Tone miteinander reden, sondern wir wollen versuchen, in Frieden zusammen zu kommen.” er fuhr in wohlwollender Art fort: “Ich kenne Ihr Haus sowohl aus eigener Erfahrung wie auch durch das Urteil vieler Rothenburger Parteigenossen, die länger mit Ihnen bekannt sind als ich. Ich darf Ihnen offen sagen: Wir erkennen das an, was Sie im Laufe von fast 25 Jahren geleistet haben. Ihre Diakonen, die Sie sich herangezogen, sind tüchtige Arbeiter, und auch die Jungen haben bei Ihnen etwas Ordentliches gelernt. Ihr Wilhelmshof, den Sie ohne jede Hypothek nur mit Ausnützung der vorhandenen Kräfte erbauten, ist, wie wir restlos anerkennen, das schönste Bauerngut des ganzen Kreises geworden. Ist es nicht das Einfachste, wir kommen zusammen. Sie übergeben uns Ihre ganze Sache und kommen selbst als gut besoldeter Direktor mit und auch Ihre Diakonen, die wir bedeutend besser stellen würden, behalten Sie unter Ihrer Leitung. Wie denken Sie über meinen Vorschlag?” Pastor Zitzmann sah den Kreisleiter an und sagte dann: “Was Sie vorschlagen, wäre vielleicht unter einer Bedingung nicht vollkommen ausgeschlossen.” “Und diese Bedingung heißt?” “ Die Bedingung heißt: Christus!”, war die kurze aber deutliche Antwort des Gefragten. “Na, das ist natürlich ausgeschlossen”, entgegnete der Kreisleiter und der Pastor sagte nun zusammenfassend: “So, jetzt haben wir klare Linie! Sie haben anerkannt, daß wir mit Christus Tüchtiges geleistet haben. Mit Ihm wollen Sie uns nicht haben, und ohne Ihn können wir nicht kommen, also müssen wir getrennt bleiben!” Es folgte noch ein längeres Gespräch, das der Kreisleiter vertraulich zu behandeln bat, dann waren die Verhandlungen zu Ende.

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    Eine zweite, erregte Auseinandersetzung folgte kurz danach an einem Sonntagvormittag. An ihm fuhr Landesrat Saalmann mit einem ganzen Stab von Amtsträgern unangemeldet im Martinshof vor. Er bat den Vorsteher in den Garten, in dem sich alle seine Begleiter versammelten, und erklärte ihm dort, offenbar in nicht ganz nüchternem Zustande: “Herr Pastor, ich will Ihnen nur heute sagen, daß ich Ihre Brüderschaft auflöse.” “Nanu, warum denn?”, fragte erstaunt der Vorsteher. “Das können Sie sich doch denken”, war die Antwort. “Diese Sache ist doch längst überlebt.” “Und, was wird mit den anderen Brüderschaften in Deutschland, denn es gibt ihrer mehr als 20?” “Werden auch aufgelöst, sind ebenso überlebt.” “Und die Schwesternschaften in den Diakonissenhäusern, wie denken Sie über diese?” “Genauso überlebt, haben ja keinen Nachwuchs mehr.” Hier fand der Pastor endlich einen Punkt, an dem er dem Herrn Landesrat etwas zu denken aufgeben konnte. Er sagte, - und dabei war eine Pille für den noch jungen gesunden Mann und eine ganze Reihe seiner Begleiter -, “Daß wir augenblicklich keinen Ersatz haben, ist verständlich, denn die jungen Leute, die sonst zu uns kommen, weilen jetzt dort, wo der junge Mann in der Not des Vaterlandes hingehört, im Felde; aber die Diakonissenhäuser haben immer noch Nachwuchs. Freilich, ich gebe zu, daß der Nachwuchs nicht so reichlich ist, wie ihn sich die Schwesternschaften wünschen, aber ich habe selbst im Breslau dem Vortrage zugehört, in dem Sie, Herr Landesrat, erklärten, daß es Ihnen auch bei Ihren Braunen Schwestern an Nachwuchs fehlt.” - den weiteren Schluß zu ziehen, überließ Pastor Zitzmann dem Herrn Landesrat selbst. Dann fuhr er fort: “Und wie denken Sie über unser Vermögen im Falle einer Auflösung?” “Pah, Vermögen ist ja gar keines da. Wenn die Hypotheken ausgezahlt werden müßten, bliebe nichts übrig.” “Bitte recht sehr”, entgegnete der Vorsteher “wir haben eine ganz genaue, kaufmännische Buchführung mit jährlicher Bilanz! Wir sind trotz des fortwährenden Bauens nur mit 19% belastet, das ist wirtschaftlich gesund.” “Hilft alles nichts”, erklärte nunmehr der Landesrat “Wenn ich Sie tot machen will, dann steht das vollkommen in meiner Macht, ich gebe Ihnen einfach keine Kranken mehr, wenn die Juden einmal weg sind.” “Wenn Sie derartig kämpfen wollen, dann müssen Sie es tun”, war die Entgegnung, “aber einmal haben wir auch diesen Fall bereits ins Auge gefaßt. Leer bleiben unsere Räume auch dann nicht, wenn wir von Ihnen keine Leute mehr bekommen, dann richten wir in den Häusern Wohnungen ein, denn Ausgebombte, die dankbar sind, wenn wir ihnen unsere Häuser öffnen, gibt es in Masse, und dann möchte ich Sie einmal ganz offen fragen: Weshalb halten Sie den unsere Sache für überlebt?”, und als keine Antwort erfolgte, fuhr der Vorsteher fort: “Ich will’s Ihnen sagen: Es wird Ihnen so gehen, wie es bei einem Herrn war, mit dem ich mich jüngst aussprach - der Kreisleiter war unter den Begleitern des Landesrates -, Sie nehmen Anstoß an unserem Christentum!” Kaum war dieser Satz gefallen, da kam der Landesrat in höchste Wut und schrie mehr als er sprach: “Was fällt Ihnen denn ein, Sie aufgeblasener Mensch, bin ich etwa kein Gläubiger oder kein Christ?” Die sehr ruhige Antwort des Vorstehers war: “Herr Landesrat, nicht von Ihrem Christentum war die Rede, sondern von unserem, und daß Sie mit diesem nicht einverstanden sind, das beweist mir Ihre Erregung.” “Nun gut”, erklärte der Landesrat Saalmann noch immer ziemlich erregt: “Ich habe es gut mit Ihnen gemeint, wenn Sie aber sich nicht helfen lassen wollen, dann werden Sie sehen, was passiert.” Die Unterredung war beendet und die Besucher bestiegen ihre Autos. Den meisten unter ihnen, das gaben sie zu erkennen, war das brüske Verhalten ihres Führers äußerst peinlich!

    Das erste, was sich nun zutrug, war der Abtransport der Juden. Mit dem Herbstvollmond 1942, feierten sie noch das Laubhüttenfest im Martinshof, dann kamen die Alten unter ihnen nach Maria-Theresienstadt, die Arbeitsfähigen wurden nach Polen gebracht. Im Ganzen betrug die Zahl der Abtransportierten über 700; nur sieben sollen von ihnen allen übrig geblieben sein. Der Abschied der armen Leute war herzbewegend. Was sie den Martinshöfern nur irgend an Freundlichkeit erweisen konnten, das erwiesen sie ihnen. Kaum konnten diese sich der Möbelstücke und kleineren und größeren Kostbarkeiten erwehren, die sie zu ihnen brachten.

    Verhängnisvoller aber als der Abtransport war das ihm Folgende. Zunächst wurden sämtliche zurück gebliebenen Möbel und sonstige Einrichtungsgegenstände in die einstige Synagoge gebracht; von hier wurden die zum Teil sehr wertvollen Stücke an bevorzugte Parteigenossen verteilt. Dann aber fand eine Besichtigung der nun leer gewordenen Räume statt. War es ein Wunder, daß die im August 1941 übergebenen, blitzsauberen Zimmer, die für rund 300 Leute berechnet waren und in denen länger als ein Jahr über 700 Menschen gewohnt hatten, die ihre Möbel teilweise übereinander stellen mußten, verwohnt waren? Gerade daraus erhob man aber einen Vorwurf gegen den Vorsteher, der sie in der ganzen Zeit kaum betreten durfte, und verlangte, daß er einen staatlichen Inspektor an seine Seite nehmen müßte. Nachdem dieses Ansinne zunächst inoffiziell an die Brüderschaft herangetragen und abgelehnt worden war, kam an einem Freitag ein sehr netter, jüngerer PG in Uniform nach dem Martinshof. Als Pastor Zitzmann auch jetzt bei seiner Weigerung beharrte, legte sich der Mann auf das Bitten. Er schilderte, wie es für ihn die allerschwersten Folgen haben würde, wenn er unverrichteter Sache zurück kehrte. Jetzt sann der Vorsteher auf eine List, mit deren Hilfe er bei seiner Ablehnung verharren und doch dem armen Menschen helfen könnte. Er erklärte sich bereit, den staatlichen Inspektor anzunehmen unter der Bedingung, daß auch der Centralausschuß für die Innere Mission und der Provinzialverein damit einverstanden wären, - er wußte natürlich ganz genau, daß diese nie ihre Zustimmung geben würden. Bereits am darauffolgenden Donnerstag, kam Landesrat Saalmann mit einem großen Stab von Amtsträgern in den Martinshof. Ohne sich irgendwie beim Vorsteher nur bemerkbar zu machen, ging die ganze Gesellschaft durch mehrere Häuser, dann gab der Führer dem Bruder Schimpke, auf den man gestoßen war, den Befehl: “Gehen Sie zu Ihrem Pastor und sagen sie ihm, wenn er etwas von mir wolle, solle er zu mir kommen.” Innerlich zitternd vor Wut trat der sonst so ruhige Meister Schimpke in das Vorsteherzimmer und richtete den Auftrag aus. Pastor Zitzmann aber zog schnell seine Lederjacke an und ging durch den beschneiten Hof nach dem Arbeitsraum, vor dem die Besucher standen. Er blieb vor Landesrat Saalmann stehen und sagte: “Herr Landesrat, Sie haben mir ausrichten lassen, wenn ich etwas von Ihnen wolle, dann solle ich zu Ihnen kommen. Ich möchte Ihnen hiermit sagen, daß ich nichts will; aber Sie stehen auf unserem Grund und Boden, da halte ich es für meine Pflicht, Sie zu begrüßen. Damit hob der die Hand zum Hitlergruß und rief ein lautes ‘Heil Hitler!’” Der Landesrat war einen Augenblick starr, dann sagte er: “Herr Pastor, ich bin bis jetzt mit Ihnen freundlich verfahren, ich habe Ihnen immer wieder die Hand entgegen gestreckt, aber Sie haben nicht einschlagen wollen. Ich muß jetzt anders mit Ihnen reden.” “Aber, Herr Landesrat, was habe ich mir den zu Schulden kommen lassen?” “Um nur eins zu nennen, haben Sie am vorigen Freitag erklärt, Sie wären einverstanden, einen staatlichen Inspektor neben sich anzuerkennen, wenn auch der Centralausschuß für die Innere Mission seine Einwilligung gebe. Wer ist denn dieser Centralausschuß?” Pastor Zitzmann entgegnete: “ Herr Landesrat, als Kommissar der Öffentlichen Wohlfahrtspflege ist Ihnen doch wohl bekannt, daß der Centralausschuß meine höchste mir vorgesetzte geistliche Behörde ist.” Stark gereizt antwortete nun Landesrat Saalmann: “Wissen Sie nicht, daß wir bereits zehn Jahre nationalsozialistische Revolution haben? Weil Sie derartig obstinat sind, nehme ich Ihnen hiermit auch den Wilhelmshof”, und der Vorsteher erklärte, “Wenn Sie das können, dann muß ich der Gewalt weichen”, und die Unterredung war beendet.

    Es folgten wochenlange Verhandlungen. Wegen des Wilhelmshofes wurde auf Anraten des Landratsamtes Beschwerde beim Reichsbauernführer eingelegt. Dieser sandte den Kreisbauernführer Thomas/Jänkendorf zur Begutachtung; aber obwohl dieser geradezu ein vorzügliches Zeugnis ausstellte, kam von Berlin keine Antwort. Wegen des Mietpreises der bis jetzt von der Wohngemeinschaft der Juden gezahlt worden war, wurde auf dem Landratsamt unter Vorsitz des sehr rechtlich denkenden Landrates Zschacke verhandelt. Er betrug nicht, wie sich die Partei gedacht hatte, 5-6000 Mark sondern die Forderung des Vorstehers auf 19 000 Mark wurde voll anerkannt. Hermon blieb nach wie vor unter dem Vorsteher. Das lebende und tote Inventar wurde ebenfalls nicht, wie es Landesrat Saalmann geplant hatte, käuflich erworben, es wurde nur vermietet. Sehr wesentlich war, daß der Anspruch des Vorstehers, der an sich schon in sein Eigenheim in Noes umgezogen war, auf Beibehaltung seines Dienstzimmers in Nebo anerkannt wurde. In den Martinshof kam zunächst ein Heim für schwererziehbare Kinder. Nachdem diese woanders hin gebracht worden waren, wurde in den Häusern das Pflegehaus des Altersheimverbandes Schlesien untergebracht. Von den mehrmals wechselnden Direktoren, die dies leiteten, seien nur die Herren Schönau und Noack genannt. Beide waren Diakonen des Rauhen Hauses in Hamburg und Parteigenossen, Direktor Noack erwies sich als ein menschenfreundlicher Mann, mit dem angenehmes Verhandeln war. Selbstverständlich stand der Vorsteher zu jedem Dienst bereit, der für die Häuser notwendig war, zumal ja die Martinshofdiakonen in ihnen als Hausväter blieben.

    Ein Tag ist hier besonders zu nennen, an dem das Haus Bethlehem in schwerer Gefahr war. Es war an einem Winterabend, als Pastor Zitzmann von seinem Zimmer aus hörte, wie jemand, mehrere Stufen auf einmal nehmend, in die Wohnung von Direktor Noack stürmte und wie dieser nicht weniger eilig die Treppe hinunter eilte. Nichts Gutes ahnend sprang er den beiden nach. Es erwies sich, daß der Desinfektionsapparat, den man in der einstigen Küche von Bethlehem -- das Altersheim hatte eine Zentralküche im ehemaligen Fest- und Arbeitsraum errichtet -- aufgebaut war, in hellen Flammen stand. Es gelang den beiden Männern und dem Pflegling, den man als Wache bei dem Apparat gelassen hatte, den Brand zu löschen. Unmittelbar nach der Löschung des Feuers trat der Vorsteher in die Wohnung von Hausvater Gleisberg, in der dieser etwa zehn Meter von Brandherd entfernt, schwer krank in seinem Bette lag. Einen oder zwei Tage zuvor hatte er das Heilige Abendmahl empfangen und alles für sein Begräbnis angeordnet. Wie würde ihm der Schreck bekommen sein, traf man ihn überhaupt noch leben an? Aber wunderbar! Der Kranke sah den Vorsteher mit ganz anderen Augen an, als in den Tagen zuvor. In ihnen leuchtete wieder Leben. Wohl infolge des Schreckens war die Krise überstanden.

    Gottesdienst war selbstverständlich trotz der geringen Anzahl der Martinshöfer noch immer gehalten worden. An ihm und den Andachten nahmen auch die neuen Bewohner teil. Da kam ein Abend, an dem es nach der Andacht schon ganz in der Nähe schoß. Der Vorsteher meinte, daß es rätlich sei, nunmehr die letzten der Heimlinge und die Leuthener, die sich nach Rothenburg geflüchtet hatten, über das Wasser zu bringen, damit man dies im Rücken hätte. Am nächsten Tage wurde schon der Umzug nach dem Wilhelmshof, der ungefähr leer stand, bewerkstelligt. Der Aufenthalt währte nicht lange. Am 19 Februar früh um drei weckte Hausvater Edler den Pastor und sagte ihm, er habe erfahren, daß um 6 Uhr ein Zug ginge, und zwar der letzte der Kleinbahn, mit dem man die Pfleglinge des Altersheimes wegbringen wolle. Sogleich wurde entschieden, daß wir in den gleichen Zug unsere Leute setzten. Alles wurde reisefertig gemacht, und als um 6 der erste Wagen mit Sachen vom Martinshof kam, saßen die Leute des Wilhelmshofes schon im Zuge. Im Martinshof, der anstelle des wieder ins Feld gerückten Direktor Noack einen anderen Leiter bekommen hatte, herrschte ziemliche Kopflosigkeit, und es mußte alles in Bewegung gesetzt werden, damit Kranke und Sachen fort kamen. Sogar auf den Leichenwagen wurden Sachen geladen, um sie, von Menschen gezogen, zur Bahn zu bringen. Gegen 12 Uhr war das Werk getan, als sich aber der Zug in Bewegung gesetzt hatte, bekam er Granatfeuer und noch in der Gemerkung Rothenburg gab es Tote und Verwundete unter den Reisenden.

    Die etwa zehn Männer und Frauen, die noch geblieben waren, waren entschlossen, wenn es irgend möglich wäre, im Wilhelmshof auszuhalten. Als es aber den Anschein bekam, als solle in unmittelbarer Nähe des Gutes eine Batterie eingebaut werden, spannten sie die Leuthener Ochsen - das übrige Vieh war zum größten Teile schon auf obrigkeitlichen Befehl nach hinten transportiert worden - vor den Hinterlader, beluden diesen mit den nötigsten Sachen und zogen über Uhsmannsdorf, wo man sie weiter wies, weil man noch in der gleichen Nacht einen Angriff befürchtete, nach Niesky. Hier wurden Menschen und Tiere freundlich vom Vorsitzenden des Ehrenbrüderrates, Superintendenten Paeschke, aufgenommen. Am nächsten Tage ging es nach Horscha oder Zischelmühle, wo im Stalle übernachtet wurde, und dann zogen die Familien Edler und Buckisch zu Verwandten nach Weikersdorf, der Vorsteher aber ging, seine Frau zu suchen, die er schon mit der Gemeinde Rothenburg hatte ziehen lassen.

    Die Abschätzer des Inventars vom Wilhelmshof, die die Interessen der Partei vertraten, hatten am Tage der Abschätzung prophezeit: Wenn der Krieg gut ausgeht, dann hat er sein Gut gehabt, wenn er verloren wird, wird er es vielleicht behalten. Was würde nun kommen? Gottes Wille war, wie die Zukunft zeigte, daß der Martinshof wie ein brennendes Scheit aus dem Feuer gerettet würde und der Brüderschaft erhalten blieb.

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  • 10.Kapitel.

    -- und neues Leben blüht aus den Ruinen.

    Am Heiligabend des Himmelfahrtsfestes, den 9. Mai kehrte als erster unter den Brüdern der Vorsteher von seinem Kreuz- und Querfahrten durch die Lausitz und das Sachsenland nach Rothenburg zurück. Wohl war er einmal für etwa drei Wochen bis Leipzig und Umgebung gekommen, um in seiner Heimat Markranstädt seine Frau und seine Angehörigen zu sehen und dort zu helfen, dann aber hatte es ihn wieder zurück getrieben. Er wollte da sein, wenn der erwartete Gegenangriff erfolgte, der Deutschland wieder frei machen sollte, damit man gleich mit der Bestellung der Felder beginnen konnte, soweit es die Verhältnisse erlaubten. Er war noch zweimal in Rothenburg gewesen, um etliche Sachen zu bergen und zum großen Erstaunen der im Martinshof untergebrachten deutschen Truppen dort eingekehrt. Eine Woche hatte ihn freundlicherweise Superintendent Paeschke, der noch allein in seinem Hause weilte, aufgenommen und er hatte sich gemüht, sich in Haus und Garten nützlich zu machen. Er war aus Hoyerswerda, wo er dann weilte, mit der gesamten dortigen Bevölkerung ausgebombt worden und landete zuletzt bei seiner ersten Pfarrgemeinde Bärenstein, Bz. Dresden. Als hier der Waffenstillstand bekannt wurde, trieb es ihn in Eilmärschen über Dresden, Bischofswerda, Bautzen, Niesky dem Martinshofe zu.

    Ein Stein fiel dem Wanderer, der bloß mit einem Rucksack heimkam und dem ein Wachposten vor dem einsamen Hause “Weidmannsheil” noch den Kamm aus der Tasche genommen hatte, vom Herzen, als er Geheege, das letzte Dorf vor Rothenburg, hinter sich hatte und aus der Ferne die Mauern des Wilhelmshofes scheinbar unverletzt vor sich sah. Etwas, von dem aus man neu beginnen konnte, war doch noch da! Freilich, als er dann in die Nähe kam und nach dem Martinshof hinunter ging, da wollte ihm bange werden. Troas, das schönste der Häuser, eine rauchgeschwärzte Brandruine! Er nahm an, daß eine Brandgranate an ihm ihr Werk getan hatte, aber Volksstürmler, die in der Nähe gekämpft hatten, erzählten später, daß nur Leuchtmunition das Gebäude in Flammen gesetzt hatte. Bis zum Keller hinunter hatte das Feuer den Weg gefunden. Der große Arbeitsraum ein Trümmerhaufen geworden! In den Mauern der Abendsonne Granatlöcher, wohl drei Meter im Durchmesser! Sämtliche Dächer wiesen schwere Schäden auf, und nicht eine Fensterscheibe war mehr ganz. Bald wurde bekannt, daß der neue Bürgermeister von Rothenburg bzw. sein Büro den Flüchtlingen gesagt hatte, die Anstalten würden aufgelöst, sie könnten sich daraus holen, was sie brauchten, und es kostete große Mühe, diese Anweisung polizeilich wieder rückgängig zu machen und ein Verbot zu erwirken, daß das Betreten des Martinshofes und des Krüppelheimes für unbefugte Personen untersagte. Bereits der zweite Tag seiner Anwesenheit bewies Pastor Zitzmann, daß seiner neben seiner eigentlichen Arbeit im Brüderhaus noch eine zweite Aufgabe für die nächste Zeit wartete. Im Ermangelung eines anderen Geistlichen wurde er gebeten, eine Frau zu beerdigen, die Eindringlinge erschossen hatten, weil sie sich schützend vor ihre Tochter gestellt hatte, die jene vergewaltigen wollten. Diese pfarramtliche Tätigkeit, die teilweise bis Podrosche und Pechern hinauf ging und die neben den Gottesdiensten, die in allen Dörfern erbeten wurden, bei dem bald einsetzenden Typhus in mancher Woche über 20 Beerdigungen erforderte, raubte viel Zeit und Kraft. Wochentags war der Vorsteher tagsüber im Ganzen mit Feld- und Gartenarbeit beschäftigt, abends nach 6 Uhr folgten dann die Beerdigungen in Rothenburg, sofern er nicht schon am Nachmittag solche in Außendörfern zu vollziehen hatte.

    Es bedeutete ein Stück Erlösung, als am 31. Mai als erster der Diakonen Meisterdiakon Edler mit Frau, - beide einen Handwagen ziehend - in Rothenburg anlangten. Als der Vorsteher die beiden urplötzlich mit ihrem schneeweißen Hündchen um die Ecke biegen sah, kamen ihm die Tränen und nicht minder den Ankömmlingen. Bruder Edler versicherte, daß nur seine Frau ihn vor dem immer wieder versuchten Umkehren bewahrt hätte, und er habe jedesmal auf ihre Vorstellungen entgegnet: Aber wenn der Vorsteher nicht da ist, wird sofort kurz kehrt gemacht. Nun, dieser war da und konnte den beiden hoch willkommenen neuen Helfern Wohnung im Wilhelmshof verschaffen. Hier waren mittlerweilen schon hunderte von Zentnern Kartoffeln, die in Mieten gelegen hatten, mit Hilfe von Rückwanderern ausgelesen worden. Die Arbeiter wurden mit Kartoffeln entschädigt, und die Flüchtlinge, die Pferde mitgebracht hatten, stellten diese auf Bitten zur Verfügung, damit die Frucht in die Erde gebracht werden konnte. Auch im Garten war schon etwas Ordnung geschaffen worden und Tomaten, die auf dem Komposthaufen wild aufgegangen waren, grünten bereits üppig. Als Nahrung gab es in dieser ersten Zeit nur Kartoffeln, die zur Abwechslung einmal roh oder gekocht oder auf der Herdplatte geröstet wurden. Eine Delikatesse bedeutete es, wenn man ebenfalls nur auf der Herdplatte höchstens mit etwas Schnittlauch oder Petersilie gewürzt Puffer backen konnte, - auch Salz war nicht vorhanden. Es war ein Festtag, als eines Tages eine Flasche Lebertran gefunden worden war, und als nun die Kartoffeln mit Zwiebeln, die den Trangeschmack annahmen, gebraten wurden. Ein Segen war es, daß sich zunächst in den Wäldern Beeren und später auch Pilze fanden, und als sich nach und nach etliche frühere Pfleglinge einfanden, konnten diese in den Forst gesandt werden, um diese neue Nahrung einzuheimsen. Nur mit Bangen sah man sie ausziehen und stets wurden sie gewarnt: Seid vorsichtig, daß ihr nicht auf eine Mine tretet, den dutzendfach zählte man die Opfer, die diese in der Umgegend gefordert hatten. Mitte Juni war bereits heran gekommen; als es zum ersten Male 200 Gramm Brot für die Person gab. Die weiteren 200 Gramm, die erst 14 Tage später folgten, waren ungenießbar und kohlschwarz, denn man hatte zu dem Mehl, aus dem Brot gebacken wurde, Getreide verwendet, das in einer abgebrannten Mühle verkohlt war.

    Edlers waren bald andere Brüderschaftsangehörige gefolgt. So Mutter Irmer mit Tochter Trudel, Bruder Kupper, Bruder Richter, Bruder Sonntag, dazu die Herren Bachmann, Polte und Lehrer Kasten. Auch etliche Pflegebefohlene wie Gragert, Niemaier, Goldammer, Kopietz hatten sich teilweise mit großem Geschick aus der Ferne nach “Zu Hause” durchgeschlagen. Es war gut, daß durch sie alle der Wilhelmshof helfende Hände bekam, denn es klopften schon neuen Hilfsbedürftige an. Deutlich zeigten gerade die allerersten, daß man wenigstens für die nächste Zeit mit dem alten Grundsatz, nur männlichen Pflegebedürftigen zu dienen, brechen müßte. Leicht konnte dies im Hinblick darauf geschehen, daß ja der Krieg allerlei Witwen im Brüderkreise gebracht hatte, die nun eine dankbare Aufgabe fanden. Als erstes Heimchen mußte eine Flüchtlingsfrau aufgenommen werden, die im polnischen Lazarett, das in der Rothenburger Schule bestand, gepflegt worden war. War auch ihre Krankheit behoben, so war doch der Gesundheits- und Kräftezustand nicht so, daß sie schon wieder wandern konnte. Drei Tage später folgten der Frau zwei Waisenkinder, deren Mutter ebenfalls im Lazarett gestorben war und die nun ohne Hilfe in der Welt standen.

    Bruder Edler griff seine neue Arbeit im Wilhelmshof mit großer Energie an. Unermüdlich nagelte der Pappe, die glücklicherweise von Interimsbauten, bei deren Herstellung für die NSDAP Tischlermeister Schäfer hatte helfen müssen, reichlich vorhanden war, vor die Fenster, denn Glas war vorläufig nicht aufzutreiben. Mit einer Zähigkeit, die man dem sonst sehr ruhigen Bruder gar nicht zutraute, hatte er eines Tages die Kartoffeln, die ihm entführt werden sollten, so tatkräftig verteidigt, daß er von der Besatzungsbehörde in Haft genommen wurde, aus der er nur durch die Vorstellungen, die der Vorsteher dem bei den Behörden sehr angesehenen Kriegsblinden Krischek machte, wieder befreit wurde.

    Da Pastor Zitzmann jetzt etwas von den vielen Handarbeiten, zu denen er bis dahin durch die Not gezwungen war, frei wurde, konnte er versuchen, Geldmittel und Naturalien zu weiteren Aufbau von auswärts heran zu bekommen. Vom Zentralausschuß, an den er sich wandte, wurde ihm durch Direktor D. Hagen geantwortet, daß gar keine Mittel vorhanden seien. So wagte er es, auf eigene Hand, die Kirchengemeinden mobil zu machen. An Schlesien, wo der Martinshof bis dahin einen großen Freundeskreis gehabt hatte, konnte er sich infolge der neuen Grenzziehung nicht mehr wenden. Er schrieb daher beim Schein einer Talgkerze, die sich irgendwo in einem Kasten beim Aufräumen gefunden hatte, einen Hilferuf, der freundlicherweise von der Firma Grundmann in Görlitz vervielfältigt wurde. Er ward an alle Kirchengemeinden des Sachsenlandes versandt, und es darf dankbar anerkannt werden, daß auf ihn reichliche Zuwendungen in Geld und Naturalien ankamen. Bestanden letztere oftmals auch nur aus Untertassen und Töpfchen und anderen in glücklicheren Gegenden überflüssigen Gegenständen, so konnten sie doch den ausgeplünderten Häusern gute Dienste leisten.

    Mittlerweile war es auch zur Berührung mit den neuen deutschen und den russischen Behörden gekommen. Der Stadtrat von Rothenburg, der alle Bewohner des Städtchens angewiesen hatte, ihre Beziehungen zur NSDAP darzulegen, beschied die einzelnen vor sich, doch wurden die meisten Martinshöfer und ihr Vorsteher, alsbald mit den Worten wieder heimgeschickt: Bei Euch ist alles in Ordnung, euch brauchen wir nicht zu fragen. Eines Tages wurde der Vorsteher zu dem russischen Kommandanten bestellt und ausführlich über sein Verhalten zu den im Martinshof untergebrachten Juden befragt. Er konnte unter Hinweis auf viele Zeugen darlegen, daß dies in jeder Weise einwandfrei gewesen sei, und daß man sich gemüht habe, den armen Menschen das Leben soweit zu erleichtern, als es ohne gar zu große eigene Gefahr möglich war. Daraufhin wurde, nachdem bereits seit dem zweiten Pfingstfeiertag regelmäßiger Gottesdienst in der Friedhofskapelle stattgefunden hatte, freie Religionsausübung ausdrücklich zugesichert und betont, daß nicht wie bei den Nazis Spitzel in den Gottesdiensten sein würden. Es muß anerkannt werden, daß dies eingehalten worden ist. Als eines Tages mitten in der Predigt drei russische Offiziere die Kapelle leise betraten, blieben sie am Eingang andächtig betend stehen und gingen dann so still, wie sie gekommen waren, wieder weg. Sobald sie von da an den Prediger trafen, grüßten sie zuerst. - Als Pastor Zitzmann am Ende der Besprechung gefragt wurde, ob seinerseits Wünsche vorhanden seien, bat er, die Glocke des Martinshofes, die dort unbenutzt hing, vorübergehend auf der Friedhofskapelle aufhängen lassen zu dürfen, damit früh und abends wieder geläutet werden könnte und die Gemeinde am Sonntag durch Glockenklang gerufen werden konnte. Letzteres war deshalb doppelt notwendig, weil keine öffentliche, schlagende Uhr mehr vorhanden war und die, die keine eigene besaßen - es waren die allermeisten - nicht wußten, wann sie zu Gottesdienst fortgehen mußten. Nachdem diese Bitte ohne Weiteres erfüllt worden war, wurde nach etwaigen weiteren Wünschen gefragt. Auf die Bitte um Gewährung eines Fahrrades für die weiten Dienstwege erfolgte die Anweisung, sich im Einzelfalle von einem namentlich angegebenen Offizier ein solches zu leihen, jedoch müsse es am Abend zurück gegeben werden. Nur zweimal konnte von dieser Erlaubnis Gebrauch gemacht werde. Da sich meist Schwierigkeiten ergaben, wenn das Rad erbeten wurde, so mußten die Amtswege wieder zu Fuß zurück gelegt werden, bis endlich ein Flüchtling aus altem Material ein Fahrrad mit harter Bereifung zusammen setzte; auf ihm zu fahren, war fast nicht weniger anstrengend, als zu Fuß zu gehen. Die karge Nahrung und die Anstrengungen des Dienstes hatten schon nach etlichen Wochen die Kräfte Pastor Zitzmanns derart verzehrt, daß er eines Tages bei einer Beerdigung ohnmächtig zusammenbrach. Obwohl er sich, durch die Verhältnisse gezwungen, nicht werfen ließ sondern unentwegt weiter arbeitete, rechnete er doch selbst mit seinem baldigen Tode. Aus diesem Grunde wurde Bruder Kutter, dessen Aufgabe in Leuthen durch die neue Grenzziehung beendet war, und der sich schon einen anderen Posten in Sachsen gesucht hatte, dringendst gebeten, zurückzukehren, damit er bei etwaigem Ableben des Vorstehers die Brüderschaft weiterführen könnte. Es bedeutete ein Stück Erlösung für alle, als Bruder Kutter und Frau am 27. Juli 1945 zurückkehrten. Durch das letzte gerettete Pferd von Leuthen, den treuen Peter, den Bruder Kutter zunächst allein hatte zurück bringen wollen, kam nun auch die erste eigne Zugkraft in das Gut, was die Arbeit sehr förderte. Einen neuen Lichtblick bedeutete es, als Bruder Karschunke und der frühere Direktor des Pflegeheimes, das der Altersheimverband im Martinshof ehedem eingerichtet hatte, der freundliche Diakon Noack zu Besuch kamen, um zu erkunden, ob es möglich sei, den 45 PS-Traktor, der im Anfang des Krieges gekauft worden war, zurück zu bringen. Diakon Noack, der des Polnischen vollkommen mächtig ist, hoffte, das Wagnis vollbringen zu können. Es gelang kurze Zeit danach auch wirklich, und auf dem Anhänger kam nicht bloß Familie Karschunke zurück sondern nebst etlichen anderen Personen aus der Umgebung Rothenburgs auch eine schöne Simmenthaler Kuh. Ein Viehhändler hatte sie in Thüringen gekauft und gebeten, sie mit nach Rothenburg zu nehmen. Könne sie dort von der Brüderschaft erworben werden, so solle sie ihr gehören, im anderen Falle würde er die Fahrt bezahlen und sie anderweitig veräußern. Da der Vorsteher bis dahin vollkommen unentgeltlich in Rothenburg und Umgebung gearbeitet hatte, durfte er den Betrag von 500 Mark aus den sehr reichen Kollekten entnehmen, und so war ein Grundstock für einen neuen Rindviehbestand vorhanden, - ängstlich wurde er bewacht, damit sich nicht Vaganten seiner bemächtigten.

    In die verwaiste und ausgeraubte Tischlerei kehrte ungefähr zu gleicher Zeit Meister Schäfer zurück, der nunmehr auch an das Verglasen der Fenster denken konnte, da etwas Glas heran geschafft wurde. Da sich auch sonst die Arbeitskräfte gemehrt hatten, so konnte man an das Einbringen der Ernte denken, die auf den zerstampften Äckern noch geblieben war. Als dies bewerkstelligt war, wurden Kräfte freigemacht, um an den Aufbau der Häuser im Martinshof zu gehen. Dorthin waren nebst etlichen alten Herren, die sich selbst eine Bleibe in der Abendsonne zurecht gebaut hatten, im Juli Buckischs in die Stille eingezogen. Im Spätherbst nahmen die Hauseltern Tralls, nachdem Kobilkes nach dem Westen verzogen waren, Wohnung im Glück im Winkel, und auch für den Vorsteher wurde ein Stübchen in Nebo hergerichtet, mit einem neuen Ofen aus alten Kacheln. Das Büro kam in das frühere Lutherzimmer, und in ihm arbeitete tagsüber Herr Polte allein, abends bisweilen außerdem Bruder Pohl, der am Tage im Pfarramt als Rendant tätig war.

    Der Typhus, der in Rothenburg und Umgegend furchtbar hauste und auch die Entkräftung, die sich erst nach der Rückkehr in die Heimat vollkommen zeigte, forderten in diesen Monaten auch unter den Martinshöfern manches Opfer. So wurde zuerst Hausmutter Irmer, die anfangs sehr wacker geholfen hatte, von der Seuche erfaßt und der Brüderschaft und den Ihren entrissen. Ihr folgte der einstige Senior Bruder Schimetzki, der die Seinen mit letzter Kraft noch nach Hause gebracht hatte, und dann den Anstrengungen erlag. Von den übrigen seien genannt Büroleiter Hugo Bachmann, Lehrer Kasten und der stets opferbereite, treue Bruder Sonntag.

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    Die Räume des Wilhelmshofes füllten sich immer mehr mit Pflegebefohlenen, aber Einnahmen brachten diese zunächst nicht, da ein Wohlfahrtsamt zunächst noch nicht vorhanden war. Es mußte alles aus den Liebesgaben, den Einkünften aus der Landwirtschaft, deren Ernte sofort gegen Entschädigung abgeliefert werden mußte, und aus den Traktorenfuhren bestritten werden. Etwas Barmittel brachten auch die Mieten der Flüchtlinge. Um Ausgaben und Einnahmen in der Wage zu halten, erklärten sich sämtliche Brüder bereit, zunächst nur gegen freie Station zu arbeiten. Diese wurde den meisten in natura gewährt, der Vorsteher und etliche andere, die weiter ab wohnten und deshalb für sich kochen mußten, erhielten freien Kartoffeln und sonst monatlich auf die Person zuerst 14, später 30 Mark ausgezahlt. Nach etlichen Monaten konnte es auf 60 Mark erhöht werden.

    Der Winter 1945 auf 46 forderte von allen, die ihn mit durchleben mußten, große Opfer. Am meisten hatte Bruder Karschunke unter den Unbilden der Witterung zu leiden, weil er Tag und Nacht mit seinem Traktor unterwegs war, um Kohlen für die Bevölkerung heran zu schaffen. Auf diese Weise bekam der Martinshof neben Geldeinnahmen auch Feuerung.

    Als der Frühling 1946 begann, konnte mit voller Freudigkeit an die Herrichtung des Martinshofes gegangen werden. Da der Mühlgraben noch ohne Wasser war und deshalb weite Wege zum Brunnen ein Gießen im großen Zoargarten unmöglich gewesen wäre, wurde dort ein neuer Brunnen errichtet. An Stelle des früheren Maurers Wende, der bald Invalide wurde und sich mit letzter Kraft ein eigenes Häuschen baute, wurde Maurer Müllrich angenommen. Er war unablässig bemüht, die großen Granatlöcher zu schließen, die sich in den Häusern fanden, während oben auf den Dächern die Dachdecker arbeiteten. Um die Biberschwänze für diese zu beschaffen, wurde in Ermangelung neuen Materials, der Westflügel von Zoar, dessen Mauern schadhaft geworden waren, abgerissen, wodurch der Durchblick nach dem Garten entstand. Die Zementstraßen, die erfreulicherweise auch den Granaten getrotzt hatten und nur ganz kleine Löcher aufwiesen, wurden von dem fuderweise dort lagernden Schutt befreit und die ehedem schönen Rasenflächen, die arg mitgenommen waren, umgeackert und in Gemüseland verwandelt, das manche Zubuße für die Häuser und die einzelnen Familien liefern konnte. In der Abendsonne zog am Himmelfahrtstag 46 die zurückgekehrte Familie Klose ein; sie konnte nun mithelfen, ihr künftiges Haus wieder herzurichten.

    Nach allen diesen Bemühungen von Jung und Alt wurden im Herbst 1946 die Behörden zur Besichtigung der Räume des Martinshofes eingeladen, damit nun stärkere Belegung beginnen könnte. Kurz danach kam zunächst geschlossen ein Altersheim aus Lähn in das Glück im Winkel; bald folgten diesem eine große Anzahl Heimchen aus dem ehemaligen Krüppelheim Bethesda aus Schadewalde bei Merklissa. Am 18. November wurde ein Stück der Abendsonne mit 37 Altchen belegt, die aus dem Reichertlager in Görlitz kamen. Rührend war die Freude mancher dieser schwer geprüften Seelen, die Gott dankten, daß sie nun in einem Bett lagen und daß sie nicht etwa, was sie gefürchtet hatten, wie das Vieh unter freiem Himmel verenden müßten. Eben freuten sich die Hauseltern Klose am Abend darüber, daß alles untergebracht war, da brachte ein Auto vollkommen unangemeldet ein Transport Blinder aus dem Lager Elsterhorst bei Hoyerswerda. Bei derartigem Zugang war guter Rat teuer. Wenn man die armen Leute nicht zurück schicken wollte, so war keine andere Hilfe möglich, als daß man sofort das Büro ausräumte, Stroh vom Wilhelmshof herankommen ließ und nun für die erste Zeit ein Strohlager bereitete. In Eile wurde in den nächsten Tagen für die neuen Gäste der Nordflügel der Abendsonne hergerichtet, und bald konnten sie in dessen Stuben Einzug halten. Das gleiche Haus nahm auch die bisher im Wilhelmshof untergebrachten Erwachsenen auf, so daß der Wilhelmshof lediglich den Kindern dienen konnte. Es traf sich schön, daß die Tochter Meister Schäfers geprüfte Kindergärtnerin war. Sie betreute als “Tante Käthe” mit ihrer Gehilfin “Tante Hilde”, der später “Tante Else” folgte, die muntere Buben- und Mädchenschar.

    Mußten die beiden ersten Jahre nach dem Umsturz vor allem dem äußeren Aufbau gelten, so konnte man 1947 auch an die Lösung der inneren Aufgaben gehen. Ein großes Stück war ja der Vorsteher, der allerdings in dieser Notzeit seit Juli 1945 auch die Leitung des Schlesischen Krüppelheimes mit hatte übernehmen müssen, dadurch entlastet, daß in der Stadt nun die beiden Pastoren Dirksen und Kuhnert ihres Amtes walteten. An seine Seite trat Ende Frühjahr 1947 Bruder Schattschneider. Weil er bereits im Gefangenenlager als Seelsorger und Prediger gearbeitet hatte, so nahm ihn Pastor Zitzmann nun als Pfarrdiakon zu Hilfe. Da jetzt für den Martinshof ein Prediger auch dann vorhanden war, wenn der Vorsteher im Interesse des Hauses auswärts zu Predigten und Vorträgen fuhr, so ging man daran, das “Kripplein Christi”, das ebenfalls arg verwüstet war, wieder herzustellen. Bereits im Juni konnte die Weihe erfolgen. Wohl fehlte der schönste Schmuck, das Bild des grüßenden Heilands im Altarfenster, das ein alter Bruder der Brüderschaft geschenkt hatte; aber traulich nahmen sich die Ersatzfenster mit ihrem schlichten bunten Glas doch aus. Mit Meisterhand hatte ein mittlerweilen heim gegangener Orgelbauer aus Niesky das Harmonium, das zum Wrack geworden war, wieder hergestellt und unter der Stabführung von Bruder Schattschneider, hatte der Chor seine alte Höhe von Neuem erreicht. Erstmalig wurde bei der Weihe das Altargebet von Liturgen und dem Chor im Wechselgesang angestimmt. Die Heldenglocke, die aus der Friedhofskapelle zurück geholt, bei der Weihe zum ersten Mal wieder ertönte, fand etliche Zeit danach in einem kleinen Glöckchen eine neue Schwester. Auch der Brüdersaal wurde in dieser Zeit wieder hergestellt. War es auch nicht möglich, ihn mit den Bildern der Stifter, die ehedem in den Fenstern zu sehen waren, zu schmücken, und fehlten auch die schönen Butzenscheiben, so war doch durch Wiederherstellung der Fenster in Kathedralglas ein guter Ersatz geschaffen worden. Traulich, wie der alte, war auch der neue Brüdersaal. vor allem der Kronleuchter und die wertvollen Schnitzereien Bruder Beckers waren fast unbeschädigt erhalten geblieben.

    Das Jahr 1947 brachte auch die ersten Jungbrüder. Da sich nicht bloß “Diakonenschüler”, die eben von der Schulbank kamen und zunächst in Handwerkerlehre genommen wurden, sondern auch ältere, junge Männer meldeten und da überdies etliche der jungen Männer aus dem Felde beziehentlich aus der Gefangenschaft zurückgekehrt waren, so konnte an die Bildung eines “Förderkurses” gedacht werden. Es traf sich gut, daß dem Vorsteher in Pastor Heinz Schmidt, dem von der Kirchenleitung der Martinshof zum Aufenthalt angewiesen war, und in Studienrat Dr. phil. Schuch, zwei tüchtige und geschickte Lehrkräfte zur Seite standen. Der Kursus währte mit sieben Schülern etwas über acht Monate. Die Schlußprüfung fand unter Vorsitz von Kirchenrat Wahn von der Görlitzer Kirchenleitung statt, der sich recht befriedigt über die Leistungen der Geprüften aussprach.

    Einen schweren Tag brachte wie über fast alle anderen Betriebe so auch für den Martinshof, der 21. Juni 1948 mit seiner “Finanzreform”. Die damals festgefrorenen Guthaben usw. nicht mitgerechnet, kostete er dem Haus etwa 20 000 Mark. Weiterhin empfand die Brüderschaft sehr schmerzlich die Verordnung, daß mit dem 31. Dezember alle eingetragenen Vereine aufgelöst sein müßten, wenn sie nicht ihr Vermögen dem Staate überlassen wollten. Der Martinshof sah sich wie manche anderen Einrichtungen der Inneren Mission im Sachsenlande genötigt, sein Vermögen der Kirche zu übergeben. Es geschah am letzten Tag des Jahres in der Kanzlei des Herrn Notar Schwidtal in Görlitz, wobei allerdings vor Zeugen ausgesprochen wurde, daß die Brüderschaft das zu treuen Händen übergebene Vermögen zurück erwarte, sobald sich für sie eine gesetzliche Daseinsmöglichkeit findet.

    Lange schon litt der Vorsteher, der der Brüderschaft im dritten Jahrzehnt diente, darunter, daß sich kein geeigneter Nachfolger für ihn finden wollte. Er hatte sich in jüngeren Jahren vorgenommen, höchstens bis zum Alter von 65 Jahren im Amte zu bleiben. Spätestens am 1. April 1946 wollte er in den Ruhestand gehen, damit jüngere Hände seine Arbeit übernähmen. Die Verhältnisse brachten es mit sich, daß er diese Zeit weit überschreiten mußte. Sein junger Freund Trompke, der schon als Nachfolger bestimmt war, war im Felde geblieben. Pastor Wilhelm Stolze, der sich als Gefangener in Rußland bereit erklärt hatte, nach seiner Rückkehr das Amt zu übernehmen, war dann in die Stadt gegangen, da er sich für die Arbeit daselbst geeigneter fühlte. Pastor Friedrich Wilhelm Schmidt, der von der Kirchenleitung zur Einarbeitung nach dem Martinshof entsandt war und den der Innenrat bereits zum Vorsteherstellvertreter gewählt hatte, nahm einen Tag nach diesem Beschluß einen Ruf als Pfarrer nach Hainewalde bei Zittau an, wo er schon vorher eine Gastpredigt gehalten hatte. Das stellte sich im Frühjahr der Predigtamtskandidat Johannes Franz vor. Er hatte soeben vor der Kirchenleitung in Görlitz seine zweite theologisch Prüfung abgelegt und war von dem Herrn Bischof aufgefordert worden, sich den Martinshof anzusehen, um sich als künftiger Vorsteher zu bewerben. Nachdem der Gast durch sämtliche Häuser hindurch geführt worden war, hielt er in einem schnell anberaumten Brüderabend eine Andacht und fuhr dann am nächsten Tage wieder nach Görlitz, wo seine Ordination durch den Bischof Hornig erfolgte. Der Innenrat, der wußte, daß Pastor Franz durch die tüchtige Schule des erfahrenen Rektors von Rummelsburg in Bayern, D. Nirol gegangen war, und dem ein Empfehlungsschreiben dieses bewährten Führers der Inneren Mission im Bayernlande vorlag, vollzog etliche Zeit danach die Wahl im vollsten Vertrauen.

    In der Zeit bis zum Juli wurde die Vorsteherwohnung neu vorgerichtet und etliche bauliche Veränderungen in ihn vorgenommen, und dann traf zur Freude des ganzen Martinshofes, die Familie Franz an einem schönen Julitage mittels Auto in Nebo ein. Kurz danach übergab am Tage, an dem er einst 30 Jahre zuvor in Zoar angekommen war, der alte Vorsteher in einer schlichten Morgenfeier seinen Dienst an seinen jungen Nachfolger. Es war der 3. August 1950. Hierbei ließen sich ungefähr zum ersten Mal die neu geschaffenen Posaunen hören. Sie begleiteten die Choräle und spielten nach der Feier. “Schier 30 Jahre bist du alt”.

    Von diesem Augenblick an, hat Pastor Franz das Steuer des Martinshofes in den Händen, obwohl die eigentliche Einführung durch den Herrn Bischof erst am nächsten Jahresfeste im September 1951 erfolgte. Dank reicher Unterstützung, die dem neu Eingewiesenen durch Vermittlung des Herrn Bischofs von den Hilfsorganisationen zuflossen, war es bereits an diesem Tage gelungen, das einstige Brandhaus, das als einziges unter allen Häusern mit unbeschädigtem Dache durch die Beschießung gekommen war, zum vorläufigen Brüderhaus herzurichten. Mehrere Brüderschaften des deutschen Vaterlandes hatten die Mittel zur Ausstattung der einzelnen Stuben gespendet, die nun nach diesem ihren Namen trugen. Die Weihe vollzog D. D. Wenzel, der Direktor des Centralausschusses der Inneren Mission Deutschlands, der als Festgeschenk 1000 Mark überreichte.

    Durch die weitere Arbeit des neuen Vorstehers, der für das Werk seine volle Kraft einsetzt, ist bis zur Stunde eine weite Großzügigkeit deutlich zu spüren. Wollte Pastor von Gerlach sein Zoar bewußt als die “Kleine” führen, so hat sich Pastor Franz offenbar das schöne Johannesstift von Spandau zum Vorbild genommen. Im Außenputz, wieder sauber und schön hergestellt, schauen die Häuser wie ehedem auf grüne Grasflächen. Die Namen der Gebäude sind denen des Johannesstiftes angeglichen. Hermon heißt heute Oberlinhaus, Gilead Fliednerhaus, Nebo Wichernhaus. Die einstige Schuhmacherei trägt den Namen Stöckerhaus. Zoar wurde in Gerlachhaus, Troas in Brüderhaus, Bethlehem in Bodelschwinghhaus und das Glück im Winkel in Franckehaus umbenannt.

    Entsprechend dem Vorbild der großen Häuser Deutschlands sind auch die Einzelhaushalte beseitigt, in denen die Mutter für ihre Kinder kochte. Zur Bereitung der Speisen für die gesamten Pflegehäuser ist eine Zentralküche geschaffen. Sie befindet sich in der einstigen Kapelle zum “Kripplein Christ”. Diese ist in den früheren Brüdersaal verlegt worden, der durch Herausnehmen von Wänden stark vergrößert worden ist. Auch die Gärten werden zentral von einem Gärtnermeister verwaltet, der soeben angestellt wurde. Für das gesamte Wirtschaftswesen ist ein Wirtschaftsinspektor, Herr Diplomlandwirt Schneider, dem Vorsteher verantwortlich.

    Wie die übrigen Brüderhäuser, so muß auch der Martinshof darüber klagen, daß sich die jungen Anwärter nicht so zahlreich einstellen, wie das die Zeit erfordert. Derer aber, die sich zum Eintritt melden, wartet eine gründliche Ausbildung. Ein Lehrkörper, der sich denen der größten Häuser zur Seite stellen kann, ist gebildet worden. Für gediegene theologische Schulung bürgen fünf Pastoren. Es ist der Vorsteher, neben ihm, ihn charakterlich vorzüglich ergänzend, der junge Brüderpastor Lange steht. Dazu treten die beiden Stadtgeistlichen Pfarrer Penitzka, ehedem theologischer Leiter am Berliner Missionsseminar und Pastor Nocke, sowie Pastor Hirse, der Vorsteher des Martin-Ulbrich in Rothenburg, der lange Jahre hindurch die obdachlos gewordene Brüderschaft Kraschnitz leitete. Zu den Pastoren treten die Diakonen Schattschneider, Matuschok, Gasde und Neumann und die geprüfte Musiklehrerin, Frau verw. Diakon Flor, für Musik. Etliche Kurse für Unter-, Mittel- und Oberstufe sind bereits abgeschlossen und endigten mit durchaus befriedigenden Ergebnissen. Eine besondere Freude für die Brüderschaft und ihre Vorsteher war es, daß die lange angestrebte Wiedervereinigung der Brüderschaften, die einst 1898 getrennte Wege gehen mußten, seit dem September 1951 wieder erfolgt ist. Die Tochter freut sich, daß sie der Mutter in ihrem Haus ein Heim bieten durfte und darf. Gebe Gott, daß für beide nun eins gewordenen Brüderschaften das Wort wahr werde, das einst die fromme Else Averdieck sprach, als ihre Schwestern von Hamburg nach Rotenburg in Hannover zogen, - einem der größten Deutschen sprach sie es nach - : Die Form mag zerfallen/ Was hats denn für Not/ Der Geist ist in uns allen/ Und unsere Burg heißt Gott.

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    Impressum:
    Chronik Zoar - Martinshof (1898-1951)

    Aufgezeichnet von Curt Zitzmann

    Vervielfältigung, auch auszugsweise, bedarf der Genehmigung.

    überarbeitet und zusammengestellt von Astrid Michalk (1996)

   
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