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Zu den Deutschen, die am hoffnungsfreudigsten und am opferfreudigsten zugleich in den Weltkrieg von 1914 hinein gingen, gehörte Pastor von Gerlach. Er lebte der festen Überzeugung, daß sein von einer Welt überfallenes Vaterland aus den Kriegswettern schöner und herrlicher hervorgehen würde, als es je gewesen war. Kein persönliches Opfer und keines der Brüderschaft erschien ihm deshalb zu groß, als das man es nicht bringen könnte. Alle die prächtigen, kernigen Stiefel und Schnürschuhe, die Meister Meier in seiner Werkstatt angefertigt hatte, all die Hemden und sonstige Leibwäsche, die in den Kammern lagen, dazu Bettwäsche und Krankenkittel wurden willig und opferfreudig dem Vaterlande mit seinen Heeren und Lazaretten zur Verfügung gestellt. Man durfte ja bestimmt rechnen, daß nach einem siegreichen Frieden alles reichlich wieder erstattet werden würde. Auch von den Brüdern schonte sich nicht einer. Was nur irgend entbehrlich war meldete sich zur freiwilligen Dienst mit der Waffe oder mit dem Roten Kreuz auf weißem Felde am linken Arm.

Nur drei Wochen währte es, und der erste Zoarbruder starb den Heldentod, es war der blutjunge Hermann Tirpitz. Am 5. September zog von Breslau Scheitnig aus Hausvater Klose mit neun Brüdern als Felddiakone zur 5. Armee nach Frankreich. Doch den Monaten der Begeisterung folgten die Jahre der Bewährung, in denen von den Daheimgebleibenen fast größere Opfer gefordert wurden als von den Draußenstehenden.

Auch die Sächsische Landeskirche sah es nicht gern, daß Pastoren in andre Kirchengebiete übergingen, da durch den Heldentod vieler ihrer jungen Geistlichen, große Lücken entstanden waren.

Die eine von ihnen bildete gleichzeitig das Denkmal für die im Weltkrieg gefallenen Brüder und ist mit dem eisernen Kreuze geschmückt. Diese besondere Bestimmung erhielt die Glocke der Brüderschaft im Kriege. Sie war bereits während einer Dienstreise des Landrats Blendermann ungefähr mit Gewalt abgenommen worden. Als aber der Vorsteher sofort nach dessen Rückkehr bei ihn vorstellig wurde und auf den Dienst hinwies, dem die Glocke den gefallenen Helden zu leisten hatte, wurde sie von dem in jeder Weise billig denkendem Beamten zurück gegeben.

Der Rat der Stadt Rothenburgplante ein Jugendnotwerk. An jedem Mittag sollten junge, arbeitslose Männer ein kräftiges Essen erhalten, und um keine unnötigen Kosten entstehen zu lassen, bat er die Brüderschaft, gegen Entschädigung den jungen Leuten den Tisch zu decken. Der Vorsteher, der in der Arbeit ein Stück Volksmission sah, nahm den Auftrag unter der Bedingung an, daß die Teilnehmer sich verpflichteten, vor und nach dem Essen je eine Stunde zu arbeiten. Die Sache glückte recht gut. Ja, als es gelang, die eigentlichen Wilhelmshöfer unter Benutzung augenblicklich noch unbenutzter Räume etwas enger zu legen, ward aus dem Jugendnotwerk ein freiwilliger Arbeitsdienst, zu dem sich fast alle meldeten.

In der Führung leistete der von Zoar bestimmte Bruder Müller und der von den jungen Leuten aus ihren Reihen gewählte Noeser Kurt Schwalbe recht Gutes, und es war für die jungen Leute ein schwerer Schlag, als kurz nach der „Erhebung“ die Christlichen Arbeitsdienste aufgelöst wurden und sie, soweit sie nicht Arbeit nachweisen konnten, in den Arbeitsdienst der Partei übertreten mußten.

Mitten in den Beginn dieser Arbeiten kam die Machtübernahme durch die NSDAP. Sie brachte sofort starke Änderungen. Nicht bloß der FAD der Brüderschaft wurde aufgelöst sondern auch die körperlich gesunden Wilhelmshöfer wurden nach Wohlau gebracht, um dort SA-mäßig erzogen zu werden. Nur die, die den körperlichen Anstrengungen nicht gewachsen waren oder sonst Anstoß erregten, - vor allem auch durch ihren nicht reinarischen Stammbaum, - kamen zurück und andere mit ihnen, die aus anderen Heimen und Anstalten nach Wohlau gekommen waren.

O dieser Krieg! Wie viel machte er doch unmöglich, was in Kopf und Herz noch geplant war.

Das allerschönste aber an der Arbeit von 1920 bis 1940 war das Band innigsten Vertrauens, das sich zwischen den Kirchlichen und Weltlichen Behörden und dem Brüderhaus, geschlungen hatte. Nicht minder schön aber gestaltete sich das Verhältnis zu den weltlichen Behörden. Treue Freundschaft herrschte zwischen dem Hause und den Landesräten Dr. Bechmaier, der die Fürsorgezöglinge betreute, und Matthias, der das Dezernat für die Pflegebedürftigen hatte. Das gute Verhältnis aber, das zwischen Zoar und Landrat Großmann bestanden hatte, setzte sich auch mit dessen Nachfolger fort, dem der Vorsteher dienstlich dadurch näher trat, daß er sich auf Bitten des Vorsitzenden des Ehrenbrüderrates von Zoar, Superintendent Lindner, in den Kreistag wählen ließ. Bis zur Machtübernahme arbeitete er als gewähltes Mitglied des Kreisausschusses mit dem Landratsamt in voller Harmonie. Wenn man heute diese Zeit überschaut, dann erscheint sie wie ein sonnenbestrahlter Weg, bis es plötzlich in das Elend des Krieges ging. Er wurde für Zoar dadurch besonders schlimm, daß ihn die Partei je länger je mehr nicht bloß als Krieg nach außen sondern vor allem nach innen führte, um das zu vernichten, was sich mit ihrer Weltanschauung nicht vertrug und die goldenen Brücken nicht betrat, die von Seiten der Partei gebaut wurden, um möglichst viele zu ihr hinüber zu ziehen.

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Am 1. September 1939 brach der zweite Weltkrieg aus, und gewaltig waren die Umwälzungen, die er für die Brüderschaft mit sich brachte. Gleich in den ersten Tagen mußte sich Pastor Schwotzer und mit ihm eine stattliche Anzahl von Diakonen und Jungbrüdern für den Heeresdienst melden.

Der Vorsteher, der bei einer Offizierskontrolle vollkommen felddienstfähig befunden worden war, mußte, wie ihm inoffiziell mitgeteilt war, mit einer Einberufung als Festungspfarrer rechnen,

Doch nicht nur Männer hatte Zoar zur Verfügung zu stellen, auch ein Hilfslazarett von 60 Betten, das als Abzweig des großen Lazaretts im Schlesischen Krüppelheim gedacht war, sollte es einrichten. Oberstabsarzt Dr. Bartenwerfer, der als Chefarzt des Krüppelheimes auch zum Chefarzt des Lazaretts befohlen war, besichtigte Bethlehem, und sprach sich über alles, was er vorfand, hoch befriedigt aus. Anders aber wurde es, als wenige Tage später ein aktiver höherer Militärarzt zur Besichtigung kam. Haus und Räume gefielen ihm ebenfalls sehr gut, er hielt es aber für unmöglich, daß sich in der Umgebung unserer Schwachsinnigen die Verwundeten, die ja in Hof und Garten mit ihnen zusammen kamen, erholen könnten. Um den ziemlich energisch vorgetragenen Wünschen nach anderer Umgebung entgegen zu kommen, entschloß sich der Vorsteher zu einem etwas gewagten Unternehmen. Die Junges des Wilhelmshofes wurden aus ihren gewohnten Räumen heraus genommen und im Neubau untergebracht, der noch ohne Treppen und Stubentüren war und teilweise sogar ohne Dielen. Auf Leitern mußten die armen Kerle zunächst in ihre Wohnungen steigen, aber sie taten es gern; denn zu welchem Opfer war ein deutscher Junge damals nicht bereit, wenn es galt, einem Verwundeten zu dienen.

Auch anderen Kriegern als den Verwundeten konnte Zoar dienen; - Kriegsgefangene gab es ja in Menge. Sie sollten in Lagern untergebracht werden, wo sie unter Aufsicht wohnten und schliefen, um tagsüber zu Landwirten und Gewerbetreibenden zur Arbeit zu gehen. Auf Anfrage erklärte sich der Innenrat bereit, ein solches Lager zu errichten. Im Arbeits- und Festraum fand es Aufnahme. Bald kehrten erst Galizier, dann Belgier und zuletzt Franzosen in Zoar ein. Das Verhältnis zwischen Wirten und Gästen - ein Wort, das in Gegenwart von Hitlerleuten ausgesprochen die schwersten Folgen nach sich ziehen konnte - war ein ganz vorzügliches. Das Herz der Franzosen wurde besonders gewonnen, als ihnen der Vorsteher zu Weihnachten mit Erlaubnis des Erzpriesters in Görlitz und mit Hilfe der Zoarkinder nach der deutschen Christnacht eine französische hielt. Freilich sangen die Kinder dabei deutsche Weihnachtslieder, die Lesungen aber und die Ansprache waren französisch und auch das „Stille Nacht, Heilige Nacht“ war ins Französische übersetzt worden.

Obgleich schon hier und da Übergriffe der Partei stattgefunden hatten und z.B. der jetzige Diakon Schwarz mit einem anderen damaligen Jungbruder vorübergehend wegen unvorsichtiger, aber wahrer Äußerungen in Haft genommen war, die dann aufgehoben wurde, war das Verhältnis zur Partei im Ganzen tragbar. Vor allem der Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Hans Slanina, der in Rothenburg als Sohn des Arztes Dr. med. Slanina groß geworden war, und viele Parteigenossen unter den Bürgern der Stadt wußten die Arbeit des Hauses zu schätzen und hatten mit eigenen Augen gesehen, was in ihm geleistet worden war. Aus ihrer Überzeugung machten sie keinen Hehl, und als in einer kleinen Parteiversammlung der Gedanke laut wurde, Zoar müsse in die Hände der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt kommen, mit einem Parteigenossen als Direktor, fiel das Wort: Zoar hat nie einen Direktor gehabt sondern einen Vorsteher und weil der Vorarbeiter war, deshalb ist’s in die Höhe gekommen, rührt da nicht daran. Trotz alledem blieb bei den Heißspornen der Wunsch, das Unternehmen, das mit Leuthen fast 400 Pflegebefohlene hatte, in die Hände zu bekommen. Der erste Vorstoß wurde im Mai 1941 gewagt. An einem Sonntag kam während des Gottesdienstes eine größere Kommission, geführt von Landesrat Saalmann, dem Kommissar der Freien Wohlfahrtspflege in Breslau, in das Zoardörfchen. Sie warteten einen Augenblick, und das Gesicht des Kreisleiters soll zum Photographieren gewesen sein, als er die stattliche Gemeinde, zu der sich sehr oft auch Rothenburger gesellten, aus dem Kripplein Christi strömen sah. Dem Vorsteher, der schnell seinen Talar ausgezogen hatte und die Besucher begrüßte, wurde eröffnet, man sei gekommen, um sich alles anzusehen und zu prüfen, inwieweit die Häuser der Allgemeinheit noch zweckentsprechender dienen könnten. Man wolle in Frieden mit der Brüderschaft arbeiten, aber das sei Bedingung, daß die „jüdischen Namen“ der Häuser verschwänden; hierüber fordere man eine sofortige Erklärung. Pastor Zitzmann antwortete, er habe die Namen nicht gegeben, ja er habe erkannt, daß die Meisten mit diesen Bezeichnungen nichts anzufangen wüßten und z.B. Pniel in Kniel verkehrten; er habe Briefe empfangen mit der Anschrift an das „Zoa“ und etliche Male sogar an das „Zoo“. Dies alles bedeute eine Herabwürdigung der Namen, und so hoffe er, daß die Brüder einverstanden seien, wenn man die Hausnamen baldigst ins Deutsche übersetze oder andere Benennungen an ihre Stelle treten lasse. Anders sei es mit „Zoar“. Dieser Name sei in den Satzungen verankert und könne deshalb nur durch den Beschluß des Brüdertages geändert werden und man möge sich deshalb bis zum September gedulden, in dem alljährlich die Brüder zusammen kämen. Hiermit gaben sich die Besucher zufrieden. In der nun folgenden Besichtigung der Häuser stachen ihnen besonders Troas und der Wilhelmshof in die Augen, und sie machten aus ihrer Anerkennung keinen Hehl. Danach ging man in scheinbarem Frieden auseinander. Auch der Ortsgruppenleiter, mit dem der Vorsteher auf dem Markte noch kurz sprach, schien nichts zu befürchten.

Schon in der nächsten Sitzung des Innenrates gab man den Häusern Hermon und Gilead, deren Vereinigung bevorstand, den Namen „Abendsonne“, Zoar sollte „Gartenhaus „ heißen, Bethlehem „Auenblick“ und Pniel wegen seiner Bauweise im rechten Winkel „das Glück im Winkel“! Der nächste Brüdertag beschloß den Namen der Brüderschaft und des Gesamtpflegehauses in „Martinshof“ umzuwandeln. Für das „Martin“ war ein vierfacher Grund vorhanden. Man dachte zuerst an den Reformator unserer Kirche, wie ja die Brüderschaft ansich auf Evangelisch-Lutherischem Bekenntnis steht, wenngleich viele Glieder der Union in ihr sind und sie vor allem der Altpreußischen Union diente. Gleichzeitig wollte man drei Männern, die sich um die Brüderschaft besonders verdient gemacht hatten, mit dem Namen ein Denkmal errichten. Es waren Pastor Martin von Gerlach der Gründer, Pastor Martin Ulbrich, der Wegweiser nach Rothenburg, der sich gern die „Hebamme Zoars“ genannt hatte und die Herren von Martin, Vater und Sohn, die dem Hause als treueste Nachbarn sehr viele Dienste leisteten. Den Namen Martinshof wählte man, weil es schon ein Martinshaus und ein Martinsstift in Schlesien gab. Nebenbei wurde wohl auch an den deutsch-germanischen Klang des Ausdrucks „Hof“ gedacht.

Kurze Zeit nach dem Besuche der Kommission kam das Ansuchen an die Brüderschaft, sofort ein jüdisches Altersheim aus Breslau aufzunehmen, da man das Haus in der Kirschenallee, in dem dies bis jetzt gewesen sei, anderweitig benötige. Der Vorsteher erklärte, daß dies zur Zeit unmöglich sei, da alle Betten und Räume belegt seien, höchstens könne man 60 Leute aufnehmen, wenn die Heeresverwaltung das Hilfslazarett, das gerade unbelegt war, frei geben würde. Da sich bei genauer Prüfung das Angelegenheit ergab, daß 130 Juden aufgenommen werden müßten, so erklärte auch der zugezogene Kreisarzt Dr. Cauer, daß eine Aufnahme unmöglich sei. Nur wenige Tage später, an einem Sonnabend, war der Vorsteher, der jetzt soweit es ihm die anderen Geschäfte erlaubten, praktischen Brüderdienst tat, mit den Jungen auf dem Felde hinter Troas, um Sojabohnen zu hacken. Plötzlich kam Diakon Pohl, der wegen seines Lungenleidens vom Heeresdienst frei war aber trotzdem in großer Treue die gesamte Büroarbeit allein bewältigte, und meldete: Eben kam ein Ferngespräch vom Landratsamt, Herr Pastor möchte so schnell als möglich zum Herrn Landrat kommen, zuvor aber zu Herrn Direktor Hoffmann beim Wohlfahrtsamt. Der Vorsteher übergab die Jungen einer Hilfskraft, vertauschte schleunigst die Arbeitskleidung mit einem Straßenanzug und ... eilte auf dem Motorrad, das er sich an Stelle des ins Feld gegangenen Autos angeschafft hatte, zum Landratsamt. Direktor Dr. Hoffmann, den er zuerst aufsuchte, eröffnete ihm dort: „Denken Sie, eben ist ein Ferngespräch von Liegnitz gekommen: Der gesamte Martinshof ist auf Grund des Reichsleistungsgesetzes beschlagnahmt! Wir sollen in der Angelegenheit sofort zum Landrat kommen.“ Dem jungen Landrat Dr. Blendermann, der etliche Monate später um nicht mehr mit dem Kreisleiter zusammen arbeiten zu müssen, als freiwilliger Kanonier ins Feld ging und nach dem Zusammenbruch reformierter Theologe wurde, war die Angelegenheit offenbar sehr unangenehm. Als er den Fernspruch wiederholte, unterbrach ihn Dr. Hoffmann und sagte: „Herr, Landrat, was Sie jetzt anordnen, entspricht nicht dem Reichsleistungsgesetz. Dies sagt, daß der Betrieb, der zu Leistungen heran gezogen wird, nicht gefährdet werden darf; Martinshof kann aber keine Diakonen mehr ausbilden, wenn ihm seine Häuser genommen werden.“ Die etwas erregt gegebene Entgegnung des Landrates an Dr. Hoffmann war: „Herr Doktor, ich habe nur den Befehl meiner vorgesetzten Behörde in Breslau auszuführen!“, dann wandte er sich an Pastor Zitzmann und fragte: „Wie stellen Sie sich dazu?“ Dieser erwiderte: „Herr Landrat, ich verstehe es, daß Sie Ihrer vorgesetzten Dienststelle gehorsam sind, aber ich hoffe, Sie verstehen es auch, daß ich sofort am Montag nach Breslau fahre, um energischen Protest einzulegen.“ - Damit war die Besprechung beendet. Wie oftmals bei schwierigen Angelegenheiten, so ließ sich auch diesmal Landesrat Saalmann nicht persönlich sprechen, es mußte mit seinem ständigen Vertreter, Psychiater Dr. med. Tewes, verhandelt werden. Dieser bestand ganz rigoros auf der Forderung, daß der gesamte Martinshof sofort vom gesamten Personal und den gesamten Pfleglingen zu räumen sei; er solle vollkommen mit Juden belegt werden, und daher müßten alle Arier aus ihm verschwinden. Auf die Frage des Vorstehers, wohin die Brüder mit ihren Familien ziehen sollten, entgegnete der Herr Doktor: Ach, in Niesky sind ja auch viele Brüder, die werden Sie schon aufnehmen! Pastor Zitzmann sagte darauf: „Verehrter Herr Doktor, erstens ist Niesky voller Ausgebombter und hat deshalb selbst keinen Platz, dann ist aber auch manches andere zu bedenken. Unter unseren Brüderfrauen haben wir z.B. eine, deren Mann jetzt gerade das E.K. bekommen hatte. Soll diese nun hinaus melden: Zum Dank für Deine Tapferkeit bin ich mit meinen Kindern auf die Straße gesetzt worden? Ich fürchte, daß das böse Stimmung bei dessen Kameraden erwecken wird.“

Was wird mit dem Personal, wir brauchen die Häuser für uns? Die ganz bestimmte Antwort des Vorstehers hieß: „Wir gehen auf keinen Fall hinaus, es sei denn, daß man uns mit Polizei oder SS auf die Straße wirft.“ „Nun“, fuhr Dr. Tewes fort: „es bleibt eine Möglichkeit, Sie hier zu lassen,, die ist aber an drei Bedingungen geknüpft. Erstens: Wenn Sie hierbleiben wollen, dann müssen Sie die Aufsicht über die Juden übernehmen, wollen Sie das?“ Pastor Zitzmann entgegnete nach kurzem Überlegen: „Deutsche Soldaten müssen jetzt auch Juden bewachen; wir sind auch nichts Besseres als diese, deshalb erkläre ich mich für die Brüder und mich einverstanden.“ „Gut“ fuhr Dr. Tewes fort, „aber als Aufsichtführende müssen Sie zweitens Revolver tragen, wollen Sie das?“ „Das ist mir noch weniger angenehm“, sagte Pastor Zitzmann, „aber Revolver habe ich im Felde auch tragen müssen, warum soll es hier nicht auch sein, nur verlange ich, daß wir ganz genaue Verhaltungsmaßregeln bekommen.“ „Das sollen Sie“, antwortete Dr. Tewes, und der Kreisleiter fügte hinzu: „Ich werde die ganze Sache durch einen rassepolitischen Vortrag unterbauen.“--Ergänzend sei hier eingefügt, daß die Aufsicht nie praktisch ausgeübt worden ist. Als die Juden kamen, wurden sie einem „Ältesten“ aus ihren Reihen unterstellt, der für alles, was ihr Verhalten betraf, verantwortlich sein sollte; auch die Gestapo, die über dem Ganzen wachen sollte, hat sich nur selten sehen lassen. -- „Aber nun die Hauptbedingung“ hob Dr. Tewes noch einmal an: „Martinshof soll ein Mustergetto werden. Es kann sein, daß wir Abbildungen der Räumlichkeiten in Zeitungen auch in neutralen Ländern bringen, die zeigen sollen, wie gut die Juden hier untergebracht sind. Deshalb muß alles von Anfang bis Ende neu hergerichtet werden, vor allem gilt es sämtliche Räume neu zu weißen. Getrauen Sie sich, das zu bewerkstelligen? In 14 Tagen sollen die ersten Juden in Bethlehem einziehen, und in spätestens sechs Wochen die letzten?“ Als die Frage mit einem bestimmten „Ja“ beantwortet worden war und dies dann auch näher begründet wurde, fiel wohl den Breslauer Besuchern ein Stein vom Herzen, denn mit lediglich bestellten Kräften hätte bei dem Mangel an Facharbeitern die Riesenarbeit kaum bewältigt werden können. Die Unterredung war damit beendet, und die Diakonen, die der Vorsteher als letzte Hilfstruppe zur Verteidigung ihrer Wohnungen in den Brüdersaal bestellt hatte, konnten ebenfalls wieder in die Häuser gehen.

Während der Arbeit stellten sich aber fast täglich neue Besucher der Partei ein, um sich von dem Fortschreiten zu überzeugen, und fast nie ging es dabei ohne Debatten und Gespräche ab.

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Eine von diesen Unterhaltungen möge festgehalten sein, weil sie einen kleinen Gewinn brachte, über den sich alle freuten. Dem Vorsteher war im Gespräch mit einem höheren Parteigenossen das Wort „Bethlehem entschlüpft, worauf dieser sagte: „Ich denke, die jüdischen Namen sind verschwunden, und da bringen Sie wieder das „Bethlehem“ ? Infolge des brüsken Tones, in dem diese Worte gesprochen wurden, wurde der Vorsteher, obwohl der Name „Auenblick“ schon gegeben war, innerlich erregt und sagte: „Verzeihen Sie, aber Bethlehem ist kein jüdischer Name .In Bethlehem ist unser Heiland geboren und durch Ihn ist dieses Wort in den deutschen Sprachschatz gekommen, denn wir singen ja sogar von „Bethlehems“ Stall usw. Der so Belehrte schwieg und infolge dessen wurde stillschweigend der Name Auenblick gestrichen und Bethlehem blieb.

Kaum war Bethlehem als erstes Haus fertig geworden, da kamen 130 alte Jüdinnen und Juden aus dem Heim in der Kirschenallee in Breslau. Nicht weniger als 14 Waggons zum Teil allerkostbarster Möbel brachten sie mit, die alle in dem einen Haus untergebracht werden sollten. Diese Zusammenpferchung von Menschen mußte besonders denen, die sie etwas mildern konnten, ans Herz greifen. Der Innenrat beschloß deshalb, die Kapelle frei zu geben, indem man die Gottesdienste in den Brüdersaal verlegte. Daß man für diese Maßnahme nicht erst die Erlaubnis der Partei eingeholt hatte, wurde zwar übel vermerkt, aber es geschah nichts weiter. Zündstoff für einen Zusammenstoß mit der NSDAP lag allerdings überall in Menge. So war strengstens jeder Verkehr zwischen Ariern und Juden verboten; wer bei solchem ertappt wurde, mußte auf strengste Bestrafung gefaßt sein. Um möglichst jede Berührung zwischen den Martinshöfern und den neu Eingezogenen zu vermeiden, gab es nicht bloß jüdische und arische Türen und Straßen, sondern sogar jüdische und arische Klosetts. Zu den Spaziergängen war den Juden, von denen etliche Erlaubnisscheine für Gänge in die Stadt erhielten, der „Judenweg“ südlich der Tormersdorfer Brücke, parallel der Neiße eingeräumt; Deutsche durften ihn nicht mehr betreten. Nach und nach folgten den ersten Israeliten aus Breslau noch andere aus Glogau und Görlitz, so daß zuletzt die Zahl fast 750 betrug. Ein schwerer Anstoß für die Partei war es nun, daß sich im Martinshof noch immer das Kriegsgefangenenlager befand. Man befürchtete, daß hier leicht Spionage getrieben werden könnte. Obwohl sich nun der Vorsteher erbot, den Gefangenen einen besonderen Eingang von hinten durch die Felder zu verschaffen und obwohl die Heeresverwaltung auf keinen Fall das schönste und gesündeste ihrer Lager aufgeben wollte, zuletzt kapitulierte das Militär, und zum großen Leidwesen der Gefangenen mußten diese drei kleinere Lager im Stern in Tormersdorf, in Geheege und in der von Martinschen Fabrik beziehen. In dem großen frei gewordenen Raum, aus dem die Lagerstätten und sonstigen Einrichtungsgegenstände entfernt worden waren, sollten sich die Juden nach dem Willen der Partei ein „Kasino“ errichten, in dem auch allerlei Gebrauchsgegenstände feilgeboten werden sollten. Es sollte auf diese Weise der Verkehr mit der Stadt vermindert werden. Ein Kasino errichteten die Juden freilich nicht, sondern mit Hilfe von allerlei kostbaren Teppichen usw., bauten sie sich eine Synagoge zurecht. Diese wurde nach etlichen Wochen der Anlaß zum schwersten Zusammenstoß zwischen Dr. Tewes und dem Vorsteher. Eines Montag war der stellvertretende Judenälteste - der eigentliche Älteste war nach Breslau gereist, - zum Pastor gekommen. „Denken Sie nur“, klagte er, „Sie haben uns unser Letztes genommen. Diese Nacht ist in der Synagoge eingebrochen worden, was sollen wir tun?“ (Anmerkung Wollstadt: D. Hoffmann und SA-Männer sind durch die Fenster im Auftrag des Kreisleiters, Trinkgelage im Ratskeller mit den Heiligen Geräten/ Fischer ist 1943 bereits an einer unerklärlichen Krankheit, Leibschmerzen, gestorben auf dem Transport von Emmaus Niesky nach Görlitz, als Gottesgericht empfunden)

„Ja“, antwortete Dr. Tewes mit hochrotem Kopfe und mit erregtem Tone: „Wir haben etwas ganz besonderes mit Ihnen zu besprechen. Sie haben sich nicht entblödet, den Juden eine Synagoge zu errichten, das ist ein Kapitalverbrechen!“ Starr vor Staunen sagte hierauf der Vorsteher, „Das ist nicht wahr.“ Dr. Tewes aber erwiderte fest und bestimmt: „Das ist wahr. Der Judenälteste Saul hat uns gesagt, daß Sie ihm die Bretter für den Bau gegeben und auch die Bänke freundlichst zur Verfügung gestellt haben.“ Ziemlich laut und erregt antwortete hierauf Pastor Zitzmann: „Wenn der Judenälteste Saul das wirklich gesagt hat, dann hat er hundsgemein gelogen.“ Oben an den Fenstern hatten sich mittlerweile die Jungen versammelt und hatten an dem Streit offenbar großes Interesse. Um sie nicht weiter Zeugen der Auseinandersetzung sein zu lassen, warf jetzt Hausvater Karschunke, der krankheitshalber aus dem Heeresdienst entlassen worden war, ein: „Meine Herrschaften, ist es nicht besser, wir besprechen das alles in meiner Wohnung; ich bitte Sie, bei mit einzutreten.“ Dies Anerbieten wurde angenommen, und auf dem Wege zur Hausvaterwohnung fand der Vorsteher seine Ruhe wieder. Im Zimmer des Hausvaters nahm er das Wort und sagte: „Meine Herren, an jedem Elefanten ist eine Mücke, so ist es auch hier. Als das Gefangenenlager aufgelöst werden mußte, mußten auch die Lagerstätten der Gefangenen abgebrochen werden, wodurch eine Unmenge Bretter frei geworden sind. Ich habe damals die Anweisung gegeben, diese Bretter auf dem Boden im Glück im Winkel zu verstauen, und das ist auch geschehen. Wenn sich die Juden davon heimlich etwas zurück behalten haben, so ist das deren aber nicht meine Schuld. „Ja, das mag sein, aber die Juden haben ausdrücklich gesagt, Sie hätten ihnen die Bänke freundlichst zur Verfügung gestellt, wie stellen Sie sich dazu?“, fragte nun Dr. Tewes weiter. Die Antwort lautete: „Die Sache verhält sich so: Kurz nachdem die Juden gekommen waren, fand ein großer Arbeitsappell statt, bei dem vom Landjäger alle Arbeitsfähigen zur Arbeit auf den umliegenden Gütern ausgesucht werden sollten. Ältester Saul bat mich, da sich bei der sicher länger dauernden Veranstaltung auch die Greise und Greisinnen mit einzufinden hatten, denen das lange Stehen unmöglich würde, ihm unsere Bänke zu leihen, die noch draußen im Freien standen. Ich habe das getan; wenn die Juden sie dann wieder in ihrer Synagoge behalten haben, so liegt wieder eine Schuld von diesen, aber nicht von mir vor.“ Jetzt mischte sich plötzlich Kreisleiter Fischer in die Auseinandersetzung und sagte: “Es ist eben wieder die alte Sache. Juden und Arier dicht beieinander, da wird eben gemauschelt. Hier hilft nichts anderes, die Arier müssen sobald als möglich raus.“ Als diese Worte gefallen waren, packte den Vorsteher plötzlich eine unbeschreibliche Wut. In ihr brüllte er im schönsten Kasernentone den Kreisleiter an: „Herr Kreisleiter, Sie betonen immer, daß sie Deutscher und Arier sind, das bin ich auch, ja Ihnen gegenüber möchte ich betonen, ich bin deutscher Offizier, als solcher weiche ich nicht, Sie können machen, was Sie wollen! Merken Sie sich das ein für alle mal!“ Diese Tonart, die die Herren sonst nicht gewöhnt waren, bewirkte eine sekundenlange peinliche Stille.

An der Ecke wurde er noch einmal von Direktor Hoffmann angehalten, der Ihm sagte: „Herr Pastor, Sie haben fein gekämpft; ich kann Ihnen mitteilen, daß ich deutlich gehört habe, daß keine Anzeige gemacht werden wird. Selbstverständlich stellte der Vorsteher am nächsten Tage den Judenältesten Saul wegen der Reden, die er nach den Worten von Dr. Tewes geführt haben sollte, und es ergab sich, daß diese ganz anders gelautet hatten. Man hatte den Juden nahe gelegt, von sich aus zu bitten, daß der Martinshof als wirkliches Getto, frei von allen Ariern werden möchte, damit sie auf diese Weise mehr Wohnraum hätten. Hatte der Judenälteste schon darauf entgegnet, daß sie zu solcher Bitte keinen Grund hätten und die Martinshofleute nicht um ihre Heimat bringen wollten, so bat er nur himmelhoch: „Herr Pastor, lassen Sie sich nicht verdrängen, denn wenn wir Sie und die Brüder nicht mehr hier haben, dann sind wir ja ohne jeden menschlichen Schutz und der Willkür der Partei vollkommen preisgegeben.“

Nach umständlicher Erörterung der Frage, warum der Vorsteher nicht PG geworden sei, wurde er scharf verwarnt, den Juden irgendwelche Ratschläge zu geben. Er dürfe ihnen auch keine Freundlichkeiten erweisen und solle sie vor allem nicht religiös beeinflussen. Der so Beschiedene antwortete, von ausgesprochenen Freundlichkeiten könne keine Rede sein, die Brüder so wie er bemühten sich nur, den Juden gegenüber gerecht zu sein. Dazu bewege sie ein besonderer Umstand. Zu den größten Wohltätern des Martinshofes habe auch ein Mann gehört, von dem man erst ganz kurz vor seinem Tode erfahren habe, daß er als Jude geboren, aber schon in frühester Jugend getauft worden sei. Dieser Mann, dem die Brüderschaft unendlich viel Gutes verdanke, sehe man im Geiste immer mitten unter den Juden stehen, denn wenn er diese Zeit erlebt hätte, würde er auch dorthin gebracht worden sein. Es sei der einstige Primarius von St. Elisabeth, Kirchenrat Fuchs. Kaum war dieser Name gefallen, als der Verhandelnde sich wie umgewandelt zeigte,-- er war offenbar einer der vielen Konfirmanden des Genannten gewesen. Ein Bruder hätte den angeschuldigten Vorsteher nicht freundlicher ermahnen können, als er es nun tat. Immer wieder betonte er: Ja nicht seelsorgerlich an den Juden arbeiten! Pastor Zitzmann, der durch die Wendung ermutigt worden war, antwortete: „Ja, lieber Herr, Sie dürfen nicht vergessen, daß unter diesen Leuten israelitischen Blutes auch Evangelische sind! Wir haben z.B. einen alten Studienrat, der vor 38 Jahren in ehrlicher Überzeugung getauft worden ist und seitdem sich als Christ bewiesen hat. Er ist jetzt schwer krank. Wenn er stirbt, so geht sicher der Rabbiner nicht mit zum Grabe, und er will ihn auch nicht haben. Soll dieser Mann, nur weil er seiner ehrlichen Überzeugung gefolgt ist, hinauf getragen werden wie ein toter Hund?“ Der Amtsträger überlegte kurz und sagte: „Eine Beerdigung in einfachster Form gestatte ich Ihnen in solchem Falle. „Und wenn der Sterbende das Heilige Abendmahl begehrt, darf das gewährt werden?“ „Heiliges Abendmahl dürfen Sie ebenfalls spenden.“ Es folgte eine kurze Verabschiedung, und da der Verhandelnde nicht von „Sterbeabendmahl“ gesprochen hatte, hielt Pastor Zitzmann nun einen Gottesdienst in Abendmahlsform mit den Juden evangelischer Konfession. Eine solche fand auch noch am Abend vor ihrem Weggang statt. Viele Nichtchristen wohnten der Feier hinter der Bretterwand, durch die die Interimskapelle von dem mit Juden belegten Nebenraum getrennt war, bei; andere standen draußen vor den Fenstern und hörten von dort aus zu. Einer von diesen Nichtchristen bedankte sich am Morgen nach der Feier und gestand, daß er mit vielen anderen draußen gelauscht habe.

„Auf Grund welcher Gesetzesparagraphen meinen Sie so handeln zu können?“ Kreisleiter Fischer bat nach diesen Worten Pastor Zitzmann, erst einmal Platz zu nehmen, und sagte dann: „Herr Pastor, wir wollen nicht in diesem Tone miteinander reden, sondern wir wollen versuchen, in Frieden zusammen zu kommen.“ er fuhr in wohlwollender Art fort: „Ich kenne Ihr Haus sowohl aus eigener Erfahrung wie auch durch das Urteil vieler Rothenburger Parteigenossen, die länger mit Ihnen bekannt sind als ich. Ich darf Ihnen offen sagen: Wir erkennen das an, was Sie im Laufe von fast 25 Jahren geleistet haben. Ihre Diakonen, die Sie sich herangezogen, sind tüchtige Arbeiter, und auch die Jungen haben bei Ihnen etwas Ordentliches gelernt. Ihr Wilhelmshof, den Sie ohne jede Hypothek nur mit Ausnützung der vorhandenen Kräfte erbauten, ist, wie wir restlos anerkennen, das schönste Bauerngut des ganzen Kreises geworden. Ist es nicht das Einfachste, wir kommen zusammen. Sie übergeben uns Ihre ganze Sache und kommen selbst als gut besoldeter Direktor mit und auch Ihre Diakonen, die wir bedeutend besser stellen würden, behalten Sie unter Ihrer Leitung. Wie denken Sie über meinen Vorschlag?“ Pastor Zitzmann sah den Kreisleiter an und sagte dann: „Was Sie vorschlagen, wäre vielleicht unter einer Bedingung nicht vollkommen ausgeschlossen.“ „Und diese Bedingung heißt?“ „ Die Bedingung heißt: Christus!“, war die kurze aber deutliche Antwort des Gefragten. „Na, das ist natürlich ausgeschlossen“, entgegnete der Kreisleiter und der Pastor sagte nun zusammenfassend: „So, jetzt haben wir klare Linie! Sie haben anerkannt, daß wir mit Christus Tüchtiges geleistet haben. Mit Ihm wollen Sie uns nicht haben, und ohne Ihn können wir nicht kommen, also müssen wir getrennt bleiben!“ Es folgte noch ein längeres Gespräch, das der Kreisleiter vertraulich zu behandeln bat, dann waren die Verhandlungen zu Ende.

Eine zweite, erregte Auseinandersetzung folgte kurz danach an einem Sonntagvormittag. An ihm fuhr Landesrat Saalmann mit einem ganzen Stab von Amtsträgern unangemeldet im Martinshof vor. Er bat den Vorsteher in den Garten, in dem sich alle seine Begleiter versammelten, und erklärte ihm dort, offenbar in nicht ganz nüchternem Zustande: „Herr Pastor, ich will Ihnen nur heute sagen, daß ich Ihre Brüderschaft auflöse.“ „Nanu, warum denn?“, fragte erstaunt der Vorsteher. „Das können Sie sich doch denken“, war die Antwort. „Diese Sache ist doch längst überlebt.“ „Und, was wird mit den anderen Brüderschaften in Deutschland, denn es gibt ihrer mehr als 20?“ „Werden auch aufgelöst, sind ebenso überlebt.“ „Und die Schwesternschaften in den Diakonissenhäusern, wie denken Sie über diese?“ „Genauso überlebt, haben ja keinen Nachwuchs mehr.“ Hier fand der Pastor endlich einen Punkt, an dem er dem Herrn Landesrat etwas zu denken aufgeben konnte. Er sagte, - und dabei war eine Pille für den noch jungen gesunden Mann und eine ganze Reihe seiner Begleiter -, „Daß wir augenblicklich keinen Ersatz haben, ist verständlich, denn die jungen Leute, die sonst zu uns kommen, weilen jetzt dort, wo der junge Mann in der Not des Vaterlandes hingehört, im Felde; aber die Diakonissenhäuser haben immer noch Nachwuchs. Freilich, ich gebe zu, daß der Nachwuchs nicht so reichlich ist, wie ihn sich die Schwesternschaften wünschen, aber ich habe selbst im Breslau dem Vortrage zugehört, in dem Sie, Herr Landesrat, erklärten, daß es Ihnen auch bei Ihren Braunen Schwestern an Nachwuchs fehlt.“ - den weiteren Schluß zu ziehen, überließ Pastor Zitzmann dem Herrn Landesrat selbst. Hilft alles nichts“, erklärte nunmehr der Landesrat „Wenn ich Sie tot machen will, dann steht das vollkommen in meiner Macht, ich gebe Ihnen einfach keine Kranken mehr, wenn die Juden einmal weg sind.“ „Wenn Sie derartig kämpfen wollen, dann müssen Sie es tun“, war die Entgegnung, „aber einmal haben wir auch diesen Fall bereits ins Auge gefaßt. Leer bleiben unsere Räume auch dann nicht, wenn wir von Ihnen keine Leute mehr bekommen, dann richten wir in den Häusern Wohnungen ein, denn Ausgebombte, die dankbar sind, wenn wir ihnen unsere Häuser öffnen, gibt es in Masse, und dann möchte ich Sie einmal ganz offen fragen: Weshalb halten Sie den unsere Sache für überlebt?“, und als keine Antwort erfolgte, fuhr der Vorsteher fort: „Ich will’s Ihnen sagen: Es wird Ihnen so gehen, wie es bei einem Herrn war, mit dem ich mich jüngst aussprach - der Kreisleiter war unter den Begleitern des Landesrates -, Sie nehmen Anstoß an unserem Christentum!“ Kaum war dieser Satz gefallen, da kam der Landesrat in höchste Wut und schrie mehr als er sprach: „Was fällt Ihnen denn ein, Sie aufgeblasener Mensch, bin ich etwa kein Gläubiger oder kein Christ?“ Die sehr ruhige Antwort des Vorstehers war: „Herr Landesrat, nicht von Ihrem Christentum war die Rede, sondern von unserem, und daß Sie mit diesem nicht einverstanden sind, das beweist mir Ihre Erregung.“ „Nun gut“, erklärte der Landesrat Saalmann noch immer ziemlich erregt: „Ich habe es gut mit Ihnen gemeint, wenn Sie aber sich nicht helfen lassen wollen, dann werden Sie sehen, was passiert.“ Die Unterredung war beendet und die Besucher bestiegen ihre Autos. Den meisten unter ihnen, das gaben sie zu erkennen, war das brüske Verhalten ihres Führers äußerst peinlich!

Das erste, was sich nun zutrug, war der Abtransport der Juden. Mit dem Herbstvollmond 1942, feierten sie noch das Laubhüttenfest im Martinshof, dann kamen die Alten unter ihnen nach Maria-Theresienstadt, die Arbeitsfähigen wurden nach Polen gebracht. Im Ganzen betrug die Zahl der Abtransportierten über 700; nur sieben sollen von ihnen allen übrig geblieben sein. Der Abschied der armen Leute war herzbewegend. Was sie den Martinshöfern nur irgend an Freundlichkeit erweisen konnten, das erwiesen sie ihnen.

„Herr Landesrat, Sie haben mir ausrichten lassen, wenn ich etwas von Ihnen wolle, dann solle ich zu Ihnen kommen. Ich möchte Ihnen hiermit sagen, daß ich nichts will; aber Sie stehen auf unserem Grund und Boden, da halte ich es für meine Pflicht, Sie zu begrüßen. Damit hob der die Hand zum Hitlergruß und rief ein lautes ‘Heil Hitler!’“ Der Landesrat war einen Augenblick starr, dann sagte er: „Herr Pastor, ich bin bis jetzt mit Ihnen freundlich verfahren, ich habe Ihnen immer wieder die Hand entgegen gestreckt, aber Sie haben nicht einschlagen wollen. Ich muß jetzt anders mit Ihnen reden.“ „Aber, Herr Landesrat, was habe ich mir den zu Schulden kommen lassen?“ „Um nur eins zu nennen, haben Sie am vorigen Freitag erklärt, Sie wären einverstanden, einen staatlichen Inspektor neben sich anzuerkennen, wenn auch der Centralausschuß für die Innere Mission seine Einwilligung gebe. Wer ist denn dieser Centralausschuß?“ Pastor Zitzmann entgegnete: „ Herr Landesrat, als Kommissar der Öffentlichen Wohlfahrtspflege ist Ihnen doch wohl bekannt, daß der Centralausschuß meine höchste mir vorgesetzte geistliche Behörde ist.“ Stark gereizt antwortete nun Landesrat Saalmann: „Wissen Sie nicht, daß wir bereits zehn Jahre nationalsozialistische Revolution haben? Weil Sie derartig obstinat sind, nehme ich Ihnen hiermit auch den Wilhelmshof, und der Vorsteher erklärte, „Wenn Sie das können, dann muß ich der Gewalt weichen“, und die Unterredung war beendet.

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Es folgten wochenlange Verhandlungen. Wegen des Wilhelmshofes wurde auf Anraten des Landratsamtes Beschwerde beim Reichsbauernführer eingelegt. Dieser sandte den Kreisbauernführer Thomas/Jänkendorf zur Begutachtung; aber obwohl dieser geradezu ein vorzügliches Zeugnis ausstellte, kam von Berlin keine Antwort. Wegen des Mietpreises der bis jetzt von der Wohngemeinschaft der Juden gezahlt worden war, wurde auf dem Landratsamt unter Vorsitz des sehr rechtlich denkenden Landrates Zschacke verhandelt. Er betrug nicht, wie sich die Partei gedacht hatte, 5-6000 Mark sondern die Forderung des Vorstehers auf 19 000 Mark wurde voll anerkannt. Hermon blieb nach wie vor unter dem Vorsteher. Das lebende und tote Inventar wurde ebenfalls nicht, wie es Landesrat Saalmann geplant hatte, käuflich erworben, es wurde nur vermietet. Sehr wesentlich war, daß der Anspruch des Vorstehers, der an sich schon in sein Eigenheim in Noes umgezogen war, auf Beibehaltung seines Dienstzimmers in Nebo anerkannt wurde. In den Martinshof kam zunächst ein Heim für schwererziehbare Kinder. Nachdem diese woanders hin gebracht worden waren, wurde in den Häusern das Pflegehaus des Altersheimverbandes Schlesien untergebracht. Von den mehrmals wechselnden Direktoren, die dies leiteten, seien nur die Herren Schönau und Noack genannt. Beide waren Diakonen des Rauhen Hauses in Hamburg und Parteigenossen,

Mittlerweile war es auch zur Berührung mit den neuen deutschen und den russischen Behörden gekommen. Der Stadtrat von Rothenburg, der alle Bewohner des Städtchens angewiesen hatte, ihre Beziehungen zur NSDAP darzulegen, beschied die einzelnen vor sich, doch wurden die meisten Martinshöfer und ihr Vorsteher, alsbald mit den Worten wieder heimgeschickt: Bei Euch ist alles in Ordnung, euch brauchen wir nicht zu fragen. Eines Tages wurde der Vorsteher zu dem russischen Kommandanten bestellt und ausführlich über sein Verhalten zu den im Martinshof untergebrachten Juden befragt. Er konnte unter Hinweis auf viele Zeugen darlegen, daß dies in jeder Weise einwandfrei gewesen sei, und daß man sich gemüht habe, den armen Menschen das Leben soweit zu erleichtern, als es ohne gar zu große eigene Gefahr möglich war. Daraufhin wurde, nachdem bereits seit dem zweiten Pfingstfeiertag regelmäßiger Gottesdienst in der Friedhofskapelle stattgefunden hatte, freie Religionsausübung ausdrücklich zugesichert und betont, daß nicht wie bei den Nazis Spitzel in den Gottesdiensten sein würden. Es muß anerkannt werden, daß dies eingehalten worden ist. Als eines Tages mitten in der Predigt drei russische Offiziere die Kapelle leise betraten, blieben sie am Eingang andächtig betend stehen und gingen dann so still, wie sie gekommen waren, wieder weg. Sobald sie von da an den Prediger trafen, grüßten sie zuerst. - Als Pastor Zitzmann am Ende der Besprechung gefragt wurde, ob seinerseits Wünsche vorhanden seien, bat er, die Glocke des Martinshofes, die dort unbenutzt hing, vorübergehend auf der Friedhofskapelle aufhängen lassen zu dürfen, damit früh und abends wieder geläutet werden könnte und die Gemeinde am Sonntag durch Glockenklang gerufen werden konnte. Auf die Bitte um Gewährung eines Fahrrades für die weiten Dienstwege erfolgte die Anweisung, sich im Einzelfalle von einem namentlich angegebenen Offizier ein solches zu leihen, jedoch müsse es am Abend zurück gegeben werden.

Das Jahr 1933 brachte für Zoar, durch die Nationalsozialistische Machtübernahme am 30. Januar, eine tiefgreifende Veränderung. Bald ordneten die Nazis an, daß die Fürsorgezöglinge des Wilhelmshofes in das staatliche Fürsorgehaus nach Wohlau (Schlesien) gebracht werden müssen. Das Haus Troas wurde staatlicherseits aufgelöst. Man hatte für die Pfleglinge kein Interesse. Von seiten der Partei wurden für diese Pfleglinge Ausdrücke wie „unwertes Leben“ oder auch „Friedhofsgemüse“ geprägt. Ein großer Teil dieser Jungen wurde nach Hause entlassen, die ganz schwachen kamen ins Pflegehaus Zoar.

Außerdem wurde das Personenauto von Pastor Zitzmann beschlagnahmt. Für Zoar (Martinshof) begannen nun sehr schwere Zeiten. Nicht nur, daß man einen Teil des Personals verlor, sondern man plante ein Hilfslazarett in Zoar einzurichten. Erst war das Haus Bethlehem dafür vorgesehen. Nach der Besichtigung der Räume durch Oberstabsarzt Dr. Bartenwerfer aus dem hiesigen Krüppelheim und durch einen fremden Oberstabsarzt entschied man sich für den Wilhelmshof mit der Begründung, daß eine Genesung der Verwundeten durch die in Zoar untergebrachten Schwachsinnigen erschwert würde.

Nach der Räumung der Anstalt wurde zuerst das Bethlehem (Auenblick) renoviert. Es wurde nicht nur gemalt, sondern auch die Wasser- und Lichtanlage überholt. Mitte Juli 1941 wurde das jüdische Beathe-Guttmann-Heim in Breslau aufgelöst und es zogen ca. 130 sehr reiche alte Jüdinnen und Juden mit Personal mit ihren kostbaren Möbeln in Bethlehem ein. Oft wurde ich zu Reparaturen nach Bethlehem geholt. Ich hatte Gelegenheit mit diesen neuen Bewohnern, trotz Verbotes, zu sprechen. Ein alter Arzt er wohnte oben im zweiten Stock auf der Südseite von Bethlehem, ein Dr. Sachs (Welchen Titel er hatte, weiß ich nicht mehr.) war der behandelnde Arzt (Leibarzt) der Tochter des Kaisers, der Prinzessin Viktoria Luise gewesen. Er zeigte mir die Einladungen zum Hofball, die er in der Zeit von 1905 - 1910 erhalten hatte. Ein anderer jüdischer Arzt, er wohnte unterm Dach über der Küche von Zoar, hatte für die Betreuung von Werksangehörigen verschiedene Orden und Auszeichnungen erhalten. Das Beathe-Guttmann-Heim hatte eigenes Küchenpersonal und einige durften in der Stadt die Lebensmittel einkaufen. Bald danach kamen neue Transporte von Juden, so daß am Schluß ca. 700 Personen in der Anstalt aufgenommen waren. Für die gesamte Judenschaft war ein Judenältester verantwortlich. Zwischen den einzelnen jüdischen Gruppen entstanden, trotz der Not unter der sie litten, oft Streitigkeiten. Besonders vertrugen sich die Juden aus Galizien mit den anderen sehr schlecht. Die arbeitsfähigen Juden wurden unter Aufsicht beschäftigt. Alle Juden mußten täglich zum Morgenappell erscheinen. Damit die Juden nicht im Freien antreten brauchten, übergab der Vorsteher den obengenannten leerstehenden Arbeitsraum. Aus diesem Versammlungsraum errichteten die Juden allmählich eine Synagoge. Da ich ab und zu im Judenviertel zu tun hatte, konnte ich auch einmal einen Blick in den Raum werfen. Sehr kostbare Teppiche waren ausgelegt und hingen auch im Raum. Ganz oben hing als Blickfang ein goldener Davidstern. Ein großer siebenarmiger Leuchter war neben anderen kleinen Leuchtern vorhanden. Pastor Zitzmann hatte sehr eingehend über diese Synagoge berichtet.

Ein Verkehr zwischen Juden und Ariern war nicht erwünscht. Meine Aufgabe bestand nun darin, Zäune zu errichten. Den ersten Maschendrahtzaun stellte ich links vom Kücheneingang von Pniel (Glück im Winkel, jetzt Franckehaus) zur Schmiede und von da bis zum Zaun vom Nachbarn Koch. Nun war der Eingang zur Küche jüdisch; der ins Wohnhaus arisch. Frau Kobilke mit ihren 5 Kindern und meine Frau hatten nun ihren Ausgang durch das große Einfahrtstor. Eine Schwierigkeit entstand nun, daß eine Klosettanlage für die 7 Arier fehlte. Es wurde daraufhin ein Häuschen an der Ecke der alten Scheune als arisches Klosett errichtet. (Siehe Bild vom Schuppen, da fehlt noch das Klo.)

Den zweiten Maschendrahtzaun baute ich quer durch den Zoargarten bis zum Mühlgraben hin. Dadurch wurde erreicht, daß die Zementstraße einschließlich Pforte jüdisch und der Weg am Mühlgraben entlang arisch wurden. Bruder Georg Wansner war Mauerer und baute die Eingangstür zum Brüdersaal, der zugleich auch Gottesdienstraum war, von der jüdischen Seite (Zementstraße) zur arischen Seite um. Das nun übrige Fenster wurde an Stelle der Tür eingemauert. Nun konnte der Brüdersaal von der arischen Seite betreten werden. Nach dieser Arbeit wurde ich 1941 wieder Soldat.

Den Abtransport der Juden nach Theresienstadt schilderten Augenzeugen wie folgt: Jeder Jude durfte soviel Gepäck mitnehmen, wie er tragen konnte. Als die Juden am Bahnhof in Rothenburg ankamen, stellte es sich heraus, daß zu wenig Wagen da waren. Die SS nahm daraufhin allen Juden ihr Letztes weg.

Im Pfarrhaus war in der Küche und Nebenraum im ersten Stock ein Einschußloch von 3 m Größe. Mehrere kleine Einschüsse waren neben dem Balkon links und rechts sichtbar. Auf der Zoarstraße lagerte viel Schutt. Vor und hinter dem Pfarrhause lagen die Brüder- und Zoarakten verstreut.

(6. Mai 1946)

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